Durch die Linse der Anderen

Bild: Maria-Amelie / www.jugendfotos.de
Bild: Maria-Amelie / www.jugendfotos.de

Es ist schon etwas länger her, dass ich mit Begeisterung einen Artikel der von mir hoch geschätzten Schreib-Kollegin Doris (alias littlemissitchyfeet) las: Sie berichtete von ihren Erlebnissen beim sogenannten PolaWalk, dessen Teilnehmer mit einer - ja, sie gibt es noch, bzw. wieder - Polaroidkamera bewaffnet durch Wien streifen - mit gerade mal acht Bildern! Es gilt bei dieser Tour, das ganz besondere Motiv zu finden und abzuknipsen - was angesichts der rasch angewöhnten speicherkapazitären Übermacht der Digicams, Smartphones und Co. gar nicht so einfach ist.

Die Welt aus Tourisicht

Mit den Lieben vor der Linse eigentlich noch vertretbar...
Mit den Lieben vor der Linse eigentlich ja noch vertretbar...

Nun erlebte ich neulich den Fall, dass ich unbedingt etwas fotografieren wollte, aber wie das natürlich immer so ist, weder die große noch die kleine Digicam dabei hatte - und so auf mein Handy angewiesen war. Ort des Geschehens war in diesem Fall Frankfurt, das Objekt meiner motivischen Begierde der "Eiserne Steg". Um mich herum: Eine Horde von Touris, die alles mögliche knipste, nur nicht das, was mir als Motiv vor die Linse käme. Warum? Um das herauszufinden versuchte ich nicht mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mit denen der anderen Touris.

 

Viele Bilder, kaum Motive

... aber einfach nur draufhalten, weil alle es tun ist doch irgendwie unnötig!
... aber einfach nur draufhalten, weil alle es tun ist doch irgendwie unnötig!

Ich schlich mich mehr oder weniger auffällig hinter die wilden Knipser und versuchte zu sehen, was sie fotografieren wollten - was nicht immer ersichtlich war. Mehr oder weniger hatte ich eher das Gefühl, dass meine unfreiwiligen Versuchspersonen gar kein Motiv sahen, sondern einfach nur fotografierten, ohne wirklich zu wissen was. Vielmehr kam mir die Auswahl der Motive bei meinen unfreiwilligen Bild-Probanden so vor:

 

Habe ich das nicht schon mal im Reiseführer gesehen? Knips!

Das Gebäude könnte wichtig sein? Knips!

und natürlich, quasi vor allem anderen:

Alle anderen um mich herum fotografieren das auch? Knips! Knips! Knips!

 

Viel Knips, wenig Foto

Das mit Abstand dämlichste Motiv, das mir je vor die Linse kam: Das Manneken Pis in Brüssel.
Das mit Abstand dämlichste Motiv, das mir je vor die Linse kam: Das Manneken Pis in Brüssel.

Leider ließ ich mich eine Zeit lang davon mitreißen - und verpasste teilweise echt tolle Motive, da ich so auf die Anderen fixiert war.

Fazit der Geschichte: Spannend war der Blick durch die Linse der Anderen eigentlich schon - dennoch kam ich mit dem Gefühl nach Hause, nichts wirklich gesehen zu haben: Keine Straßenkünstler, keine kleinen geheimen Gässchen, keine bunten Marktstände - nur mehr oder weniger langweilige Gebäude und nicht wirklich schöne Winkel von eigentlich schönen Motiven.

Da fehlt mir eindeutig die Einsicht für eine solche Knipstouren und vor allem die Selbstbestimmtheit! Wenn ich mal mit der Kamera unterwegs bin, kann es durchaus sein, dass ich ewig versuche irgendein Detail wie eine Blume am Straßenrand, einen Passanten oder ein Stück eines Daches richtig abzulichten - was allerdings freilich einen selbsbestimmten Blick auf die Umwelt vorraussetzt und nicht blindes Nachknipsen von vermeintlich bekannten Motiven der Schwarmfotografie.

 

Spricht ja wohl eindeutig für einen nächsten Versuch: dem PolaWalk in Wien! ;)