Frau Pingel-Snob auf Zeit

 Unscheinbar von außen wie kaum ein anderes Hotel.

Was macht eigentlich ein Luxusleben aus? Wenn ich an "Luxus" denke, fallen mir eher erst mal alle möglichen Freiheitsaspekte ein: Zeit für mich und meine Lieben, Selbstbestimmtheit und die Chance, mich selbst zu verwirklichen zum Beispiel. Das ist für mich mehr Luxus als fette Autos, gigantische Villen oder Kaviar- und Champagnerpartys. Oder doch nicht?

 

Luxus per Zufall

Oh doch. Das wurde mir ganz aktuell wieder bewusst, als ich mich, tatsächlich außerordentlich gezwungener Maßen, als Hotelgast in einem Luxushotel wiederfand. Äußeren Umständen war es zu verdanken, dass ich mir für ein Wochenende in Dresden just exakt dieses ausgesucht hatte, an dem schier ganz Deutschland, Tschechien und Polen das gleiche vorhatte.

Jedenfalls war trotz frühzeitiger Suche via Internet, Bekannten und sogar dem Reisebüro nix mehr zu machen: Alle Unterkünfte von Couchsurfing und Wimdu über kleine Pensionen, Jugendherbergen und "normalen" Hotels und Zimmervermietungen in und um die Stadt herum waren restlos ausgebucht. Als wäre an dem Wochenende der Teufel los! Meine allzeit bevorzugte Schlaförtlichkeit Auto bzw. Zelt fiel wegen Zuganreise und ziemlicher Winterkälte auch flach. Übrig blieb mir deswegen nur eins: Entweder etwas exklusiver, oder gar nicht. Da alles andere schon gemanaged und die restlichen Umstände wie Zugfahrt umso günstiger waren, kam also nur ersteres in Frage.

 

Kurzurlaub in Gründer-Villa

 

 Drinnen ein angenehmer, unaufdringlicher Luxus.

 

Und dann landete ich in einer sehr schicken Gründerzeitvilla in Dresden. Nicht etwa in einem Zimmer, neinnein! In einem ganzen Appartment mit großem Bad, Wohn-, Küchen- und Schlafecke. Einem Apartment, das größer ist als die Wohnung manch meiner Kollegen in Stuttgart. Alles sehr schick, alles sehr stilvoll eingerichtet. Sogar die Gläser im Schrank waren dekadent drapiert. Ja, das war schon mal etwas anderes! Und es war eigentlich auch wirklich toll. Vor allem die hohen Wände und das Gebäude an sich waren einfach gigantisch.

 

Pingel-Snob auf Zeit

 

Und dann passierte es: Ich wurde pingelig! Darf in einem so teuren Hotel die Fugenverkleidung im Bad minimalste unsaubere Ränder zeigen? Darf ich in einem Blitzblank geputzten Bad zwei Haare finden, die nicht zu mir gehören können? Und warum hat man bei der Installation des Mülleimers unter der Spüle nicht darauf geachtet, dass die Tür sich noch öffnen lässt und nicht durch den Mülleimer blockiert wird?

 

Ja, da bekam ich kurzfristig etwas Angst vor meiner eigenen, unterbewussten Spießigkeit. (Apropos: Kennt ihr schon "Hilfe, ich bin ein Spießer!"?) Gelohnt hat sich der Aufenthalt in sehr guter Lage (nur fünf Minuten von der Altstadt entfernt) und das Preis-Leistungs-Verhältnis (100 Euro pro Nacht für das riesige Apartment und 2 Personen) aber auf jeden Fall. Erstens, weil es wirklich toll war, und zweitens, weil ich mich nun wieder auf meine normalen Unterkünfte freue.

 

Netter Ausflug, mehr nicht

 

 

Denn: So komfortabel Luxus auch ist, immer muss das nicht sein. Vor allem diese Ergebenheit des Personals ist es, was mich immer wieder aufs neue ärgert. Da wird nicht auf Augenhöhe geredet, sondern man kommt sich immer vor, als würde man mit seinem Diener sprechen. Zumal war dieses Hotel durch seine vielen Apartments an sich schon so dezent, dass man kaum andere Gäste sah, was ich auch schade fand. Wobei - wahrscheinlich wäre mit die hohe Anzahl an Snobs auch nicht gut bekommen...