Auschwitz - Auf dem Boden der Tatsachen

Die Lochreihe in der Baracke, eine beängstigende Idylle und ein unglaublich riesiger Berg an Brillen. Das sind die ersten drei Dinge, die mir in den Kopf kommen, wenn ich an Auschwitz denke. Keine Ahnung, warum ausgerechnet diese Erinnerungen sich am tiefsten in meinem Hirn verankert haben. 2012 war ich dort. In Auschwitz.

 

Einer der wohl wichtigsten Jahrestage des Jahres

Ordentlich in Reih und Glied - Häuserkomplex im Stammlager Auschwitz I
Ordentlich in Reih und Glied - Häuserkomplex im Stammlager Auschwitz I

Anlässlich des 70. Jahrestags der Auschwitz-Befreiung würde ich euch gerne noch einmal mitnehmen. Ein Besuch des Lagers ist nur mit einer Führung möglich. Und die hat es in sich. Unsere Museumsbegleitung heißt Kathrin, ist etwa mitte 20 und eine rhetorische Sensation. Ernst, bestimmt und stets mit den perfekt gewählten Worten lenkt sie unseren etwa 20 Personen fassenden Trupp über das Gelände des Stammlagers und später auch über das KZ Birkenau.

 

Vor allem eine psychische Museumsführung

Die Wohnbaracken in Auschwitz-Birkenau
Die Wohnbaracken in Auschwitz-Birkenau

Kathrin gibt jedem Detail, jedem geschichtlichen Aspekt und jeder Emotion die perfekte Aufmerksamkeit. Dabei schafft es Kathrin, nicht die Täter, nicht die Gebäude und nicht die Geschichte sprechen zu lassen, sondern die Opfer. Bis heute habe ich großen Respekt vor ihrer Rhetorik, und auch der des Museums. Vier Stunden dauert die Führung insgesamt. Vier Stunden, die man danach vor allem psychisch erstmal verdauen muss.

Schrecklich. Gründlich. Strategisch. Brutal.

Zwei mal täglich 30 Sekunden Zeit für die Notdurft auf diesen Latrinen hatten die Gefangenen.
Zwei mal täglich 30 Sekunden Zeit für die Notdurft auf diesen Latrinen hatten die Gefangenen.

Schrecklich. Gründlich. Strategisch. Brutal. Unglaublich. Und irgendwie - ich weiß auch nicht - irgendwie faszinierend. Was vielleicht unerwartet ist, ist die beängstigende Idylle. Sieht man sich das Stammlager rein äußerlich an, könnten die Gebäude auch ganz normale Wohnhäuser,  Bürogebäude, ein Internat oder so was in der Art gewesen sein. Birkenau gleicht einer Mischung aus großindustrieller Viehzucht und Fabrikgelände. Alles wirkt gut geplant und gut gepflegt.

 

Trotz über einer Million Gefangene - KZ gründlich und akribisch

Die SS hat jedes Vorkommnis akribisch notiert.
Die SS hat jedes Vorkommnis akribisch notiert.

Diese schrechlich faszinierende Gründlichkeit kommt hier in vielen Facetten zum Ausdruck: Die Lochreihen, die in der Mitte einiger Birkenau-Baracke angebracht sind und als Latrinen dienten, haben alle den gleichen Abstand voneinander. Sämtliches Hab und Gut der neu eintreffenden Häftlinge wurde gründlich sortiert und aufbewahrt: Brillen zu Brillen, Bürsten zu Bürsten, Prothesen zu Prothesen, Schuhe zu Schuhen und so weiter. Warum genau auch Dinge aufgehoben wurden, die man nicht unbedingt weiterverwenden kann, weiß keiner so genau, sagt Kathrin. Außerdem, und das ist als Besucher mit Deutschkenntnissen besonders interessant, jede noch so kleine Tätigkeit wurde dokumentiert. Von Zyklon-B-Rechnungen über Nahrungsverweigerung einzelner Insassen bis hin zu Todesurkunden - alles wurde höchst ordentlich schriftlich festgehalten.

 

Auf dem Boden der Tatsachen. Im wahrsten Sinne.

An alle Juden in Köln! Informationspapier zur Deportation mit Packempfehlungen
An alle Juden in Köln! Informationspapier zur Deportation mit Packempfehlungen

So sehr man sich auch vor einem Besuch mit der Geschichte und den Geschehnissen in diesem Konzentrationslager beschäftigt - so sehr trifft einen dann tatsächlich der Schlag, wenn man wahrlich und wahrhaftig knapp 70 Jahre nach dieser schwarzen Zeit auf dem selben Boden steht, wie die Millionen Häftlinge und ihre Peiniger zur dunkelsten Geschichte der Menschheit. Es ist kein gutes Gefühl. Es ist irgendwie eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Begreifen. Beides kommt nicht unerwartet. Dank der bedrückenden Umgebung, der Inszenierung der Ausstellungsstücke und der Art der Führung verlassen wohl nur wenige Auschwitz-Besucher das Konzentrationslager ohne ein riesiges Fragenzeichen im Kopf.

 

"Wie können Menschen nur zu so etwas fähig sein???"

 

Das offizielle Banner des 70. Jahrestags der Befreiung. (© 70.auschwitz.org)
Das offizielle Banner des 70. Jahrestags der Befreiung Auschwitz'.

(© 70.auschwitz.org)

Auch wenn ich allein wegen dieser Frage schon einen Drang verspüre, Psychologie zu studieren - an einen Einzelfall glaube ich nicht. Mit Sicherheit wird (hoffentlich) nie wieder etwas in diesem industriellen, menschenverachtenden Ausmaß mit weit über einer Million Toten wie in Auschwitz geschehen können, doch die Menschheit hat auch 70 Jahre später bewiesen, dass sie durchaus in der Lage ist, ihresgleichen zu foltern, zu verachten und zu töten. Und wieder scheint die Mehrheit nichts davon mitkriegen zu wollen. Passen wir auf, dass wir in 70 Jahren nicht zwei geschichtsträchtige Termine "feiern" müssen...

 

Infos:

Offizielle Seite des Auschwitz-Museums (englisch): auschwitz.org

Offizielle Seite zum 70. Jahrestag der Befreiung (englisch): 70.auschwitz.org

Umfangreiche Bilder von Auschwitz I und II von Fotograf Steffan Sturm (Stand 2010): kz-auschwitz.de

Wikipedia-Eintrag Auschwitz I: wikipedia.org/wiki/KZ_Auschwitz_I

Offizieller Hashtag zum 70. Jahrestag: #Auschwitz70

Sonderseite der ARD zum Gedenktag: auschwitzundich.ard.de