Der Tag, an dem ich beim Atomkraftwerk klingelte

 Bild: Julia Becker

Die Idee kam per Telefon. Meine beste Freundin hatte zufällig einen Zeitungsartikel entdeckt, in dem eine Reporterin über das Atomkraftwerk Neckarwestheim lief – völlig legal, da ein altes Wegerecht jedem Wanderer die Benutzung des Uferweges gestattet – welcher wiederum einmal über das Gelände führt. „Neckarwestheim ist doch bei dir in der Nähe, wann gehen wir los?“ Meine Freundin schenkte mir den ganz besonderen Ausflug zum Geburtstag. Einen Tag nach dem zweiten Fukushima-Jahrestag machten wir uns zu dritt auf den Weg. Knapp 16 Kilometer sollte unsere Wanderung werden, davon führten 400 Meter tatsächlich über das AKW-Neckarwestheim. Aber der Reihe nach.


Fukushima lässt grüßen

 

Bild: Julia Becker

Als wir zu unserem Startpunkt, dem Neckarwestheimer Schulzentrum, fahren, führt die Straße schon direkt am Atomkraftwerk vorbei. Von der gestrigen Demonstration der Atomkraftgegner ist nicht viel übrig geblieben: Einzig ein Luftballon hat sich im Stacheldraht auf der Betonmauer verheddert, und flattert müde im Wind.

Unsere Tour führt uns durch Weinreben zum Schloss Liebenstein, weiter über einen Golfplatz und Feldern ins kleine Städtchen Gemmrigheim. Ab hier laufen wir auf schlammigen Feldwegen, die sonst eher weniger zum Spazierengehen einladen, immer am Neckar entlang. Von einem alten Uferweg fehlt erst mal jede Spur.  Die wenigen Schilder lenken geschickt großzügig um das AKW herum. Wir bleiben hartnäckig in Ufernähe – angezogen von einem lauten, monotonem Hupen.


Es gibt ihn wirklich!

 

Bild: Julia Becker

Dieser Weg kann nur gefunden werden, wenn man weiß, wo er ist. Besser: Wenn man weiß, dass es ihn gibt. Auf Googlemaps befindet sich hier nur dicker Wald, und selbst unser GPS-Gerät signalisiert: Einbahnstraße. Hier geht’s nicht weiter.

Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass man sich hier, auf einem nicht erkennbaren Trampelpfad zwischen Hang und Neckarufer, auch nur ansatzweise auf einem Wanderweg befindet. Und als dann plötzlich eine dicke, graue Betonwand mit Stacheldraht vor uns auftaucht, signalisiert diese Art Gefängnismauer alles andere als einen freundlichen Empfang. Die Spannung steigt. Was erwartet uns als nächstes?


Der Tag, an dem ich bei einem Atomkraftwerk klingelte

 

Bild: Julia Becker

Den ganzen Weg bis hierher hatten wir überlegt, was wir sagen sollten, wenn wir vor den Sicherheitsbeamten stehen. Immerhin besteht man ja nicht jeden Tag darauf, über das Gelände eines Atomkraftwerks durchzulaufen. Dass es so einfach werden würde, hätten wir allerdings nicht erwartet.

Vor der mit Stacheldraht umwickelten Betonmauer gibt es weder Kameras noch furchteinflößende Gefahrenschilder, sondern eine handelsübliche Klingel mit Gegensprechanlage. Daneben ein Schild, das Hoffnung macht: „Benutzer des Uferweges bitte klingeln“, steht darauf. Wir knobeln kurz, wer sprechen soll, und ich drücke den Klingelknopf.

Keine Diskussion

 

Bild: Julia Becker

Warten. „Ja bitte, guten Tag?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt gefasst, fast schon so, als hätte sie uns erwartet. Gibt es vielleicht doch Kameras, die auf uns gerichtet sind? „Guten Tag, mein Name ist Becker und wir würden gerne den Uferweg benutzen!“, sage ich. Warten. „Einen Moment bitte.“


Es scheint, als würde unser Gesprächspartner im Hintergrund irgendwas suchen. Die ganze Situation ist so verblüffend, dass wir leicht zusammenzucken, als der Wachmann weiterspricht: „Bevor wir sie auf das Grundstück lassen, muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Um wie viele Personen handelt es sich?“ Ich antworte. „Haben Sie einen Hund dabei?“ Ich verneine. „Fahrräder oder sonstige sperrige Gegenstände?“ Wieder verneine ich. „In Ordnung. Ich bitte Sie nun um etwas Geduld, ein Sicherheitsbeamter wird gleich zu Ihnen kommen und alles weitere klären. Auf Wiederhören.“ Das Knacken am anderen Ende der Leitung zeigt, dass unsere Verbindung beendet wurde.


Kein Pass, kein Waffencheck - Wir wirken wohl recht ungefährlich

 

Bild: Julia Becker

Während ein mittelgroßer Kohlekahn an uns flussaufwärts fährt, warten wir neugierig auf das, was als nächstes passiert. Das monotone Signalhupen hören wir schon gar nicht mehr. Nach mehreren Minuten kommt ein Wachmann auf uns zu, mustert uns kurz und nuschelt etwas in sein Funkgerät. An seinem Gürtel hängt deutlich sichtbar eine Pistole. Einzig der schwarze Schäferhund, der mit stumpfen Fell desinteressiert durch uns drei vermeintliche Wanderer durchblickt, scheint sich immerhin etwas über uns zu freuen.

 

Bild: Julia Becker

Sein Herrchen lässt ihn sitzen und kommt auf das große Tor zu, dass uns voneinander trennt. „Ich gebe ihnen nun ein paar Anweisungen, die sie auf dem Gelände bitte befolgen. Ich werde nun das Tor entsichern und öffnen, sie treten bitte erst durch, wenn ich wieder beim Hund bin. Wenn sie eingetreten sind werde ich das Tor wieder schließen, und sie bewegen sich bitte erst wieder, wenn ich erneut beim Hund bin. Sie wissen, dass sie keine Bild- und Tonaufnahmen machen dürfen?“ Jetzt wird das ganze Unterfangen schon ein bisschen unheimlich. Trotzdem nicken wir und halten uns brav an die Vorgaben. Und dann befinden wir uns tatsächlich auf dem Gelände des Atomkraftwerks Neckarwestheim.


Rund 400 Meter vollbewacht

Bild: Julia Becker

Unser kleiner Trupp marschiert los: Wir drei Wanderer voran, der Wächter samt Hund mit drei Metern Abstand hinterher. Vorbei an den drei überdimensional großen Alarmsirenen, von denen wohl das laute Hupen kommt, am Hundezwinger entlang und schnurstracks geradeaus über einen breiten Betonplatz, auf dem ein Kran darauf wartet, seine Fracht auf die Schiffe zu verladen.

Die 400 Meter Weg führen an dem großen Kühlkessel vorbei, dessen Rauchschwaden man auch aus mehreren Kilometern Entfernung noch gut erkennen kann. Nach höchstens fünf Minuten, in denen der Wachmann schweigend hinter uns her läuft und höchstens mal eine knappe Richtung angibt, sind wir auf der anderen Seite des Kraftwerks angelangt. Es folgt das gleiche Hundeablege – Tor-Öffne – Zenober sowie eine kurze Verabschiedungsfloskel - schon sind wir wieder draußen.


Entlassung in die Schotterwüste – Stresstest bestanden

 

Bild: Julia Becker

Fassungslos starren wir auf die Steinwüste vor uns und fangen an zu lachen. Es hat tatsächlich funktioniert! Den Uferweg gibt es wirklich! Kurioserweise scheint die Landschaft auf dieser Seite sehr viel unfreundlicher als die, von der wir gekommen sind: Überall liegt Geröll, wir müssen über einen Abwasserkanal springen und uns durch einen Trampelpfad durch ein Heckendickicht kämpfen, stehen dann vor einem roten Absperrband und einem „Werksgelände – betreten verboten“-Schild.

 

Bild: Julia Becker

Noch weiter vorne will eine hölzerne Schranke verirrte Wanderer wohl am Weiterlaufen hindern. Wären wir unsere Wanderung von dieser Seite angegangen, hätten wir mit Sicherheit noch größere Zweifel an der Legalität des Uferweges gehabt.

So aber befanden wir uns innerhalb kürzester Zeit in der Welt von Jedermann wieder: Radfahrer, Gassigeher und Angler teilen sich die plötzlich gut ausgeschilderten Wanderwege am Neckar entlang und die Weinreben hinauf. Wir mischen uns nach einer kleinen Pause am Neckarufer einfach unters Volk und wandern zurück zum Parkplatz. Ob wir jemals wieder so spektakuläre 400 Meter erleben werden?