Warum ich einen Presseausweis habe

Julia und ihr Presseausweis

Für die Einen ist es nur ein Stück Plastik, das gebe ich zu. Für mich ist der Presseausweis jedoch sehr viel mehr als das. Sage und schreibe 22 Jahre lang habe ich auf den Status eines richtigen Journalisten hingearbeitet und den Moment herbeigesehnt, der dann tatsächlich kurz vor Weihnachten eintrat. Mein Presseausweis im Briefkasten. In meinen Händen. Ein schönes Gefühl.

 

Traumberuf: Kriegs- und Krisenreporter?

Bild: Christian Wolf / www.jugendfotos.de
Bild: Christian Wolf / www.jugendfotos.de

Zu Verdanken habe ich das einer ganzen Reihe von bemerkenswerten Journalisten. Die meisten von ihnen haben sich auf Nahost-Korrespondenzen spezialisiert und sind nicht nur Journalisten, sondern Menschen, die sich für die Geschehnisse im jeweiligen Gebiet interessieren, sie dokumentieren und einschätzen können. Nein, ich möchte kein Kriegsreporter werden. Ich denke, niemand möchte das. Trotzdem finde ich die Arbeit der unabhängigen Presse in Krisengebieten unglaublich wichtig. Weil ich oft nach ihnen gefragt werde, stelle ich euch meine vier hochgeachtetsten Reporter vor.


Antonia Rados

Bild: Screenshot Youtube-Kanal Center.tv
Bild: Screenshot Youtube-Kanal Center.tv

Seit ich denken kann bewundere ich Antonia Rados. Ich verschlang alle ihre Bücher und mag die Art, wie sie mit Menschen umgeht. Was diese Frau als Frau und Journalistin alles erlebt hat, ist spannend, ergreifend und wichtig, weswegen ich die Parodie der "Freitag Nacht News" zutiefst verachte ("Live aus Lampukistan..." - wie lächerlich und erniedrigend!)

Antonia Rados' - meiner Meinung nach - herausragenden Leistungen als Kriegsreporterin animierten mich nicht nur dazu, Arabisch zu lernen und "Kulturwissenschaften des Mittleren und Nahen Ostens" (wie es so schön sperrig heißt) als Nebenfach zu belegen, sondern auch, meine Abschlussarbeit im Hauptfach Rhetorik über die Kriegsrhetorik und die sprachlichen Mittel des Krieges zu schreiben.

Wolfgang Bauer

Bild: Screenshot Youtube-Kanal SWR
Bild: Screenshot Youtube-Kanal SWR

In dieser Zeit stieß ich dann auf den in Reutlingen lebenden Wolfgang Bauer, den ich nicht nur wegen seiner unglaublichen Reportagen aus Somalia, Afghanistan, Lybien und Co. bewundere, sondern wegen seinem - wieder meiner Meinung nach - Gespür für Themen, die die restliche Welt zu interessieren hat. Da fällt mir als allererstes Bauers Reportage aus Nigeria ein, wo tausende Kinder von ihren Eltern getötet werden, weil sie angeblich vom Teufel besessen sind. Bauer war vor Ort und erlebte die Kinderhatz als Alltag, besuchte ein Heim für solche Kinder, dessen Leiter ständig untertauchen muss und er berichtet auch darüber, dass keiner sonst darüber berichtet: Weder eine UN-Dringlichkeitssitzung noch der Menschengerichtshof.

Christoph Reuter

Bild: Screenshot Youtube-Kanal Vedat Xhymshiti
Bild: Screenshot Youtube-Kanal Vedat Xhymshiti

Christoph Reuter ist es zu verdanken, dass ich diesen Text hier geschrieben habe. Zwei Tage vor Weihnachten nämlich schrieb der "Reporter des Jahres 2012" einen Brief an das medium magazin, in dem er seine Kollegen darum bittet, etwas gegen die katastrophalen Zustände in Syrien zu tun. Mit den Worten "Liebe Freunde, ich tue sowas sonst nie – aber ich habe auch noch nie so etwas erlebt wie in den vergangenen zwei Jahren. [...] Bitte verzeiht den ungewöhnlichen Brief – aber es ist das Grauen dort." erzählt der Journalist über den tagtäglichen Wahnsinn in Syrien, der hierzulande wenn überhaupt als Rebellengeklüngel so weit weg und alt zu sein scheint wie die Hungersnot in Afrika.

Mit erschreckender Offenheit zeigt er in dem Brief die Probleme des syrischen Dauerkrieges, aber auch die Probleme der Medien auf: Aus Einzelschicksalen werden unpersönliche Flüchtlingsstatistiken, je furchtbarer die Lage, desto geringer wird unsere Anteilnahme. Betrachtet man dies mit dem Hintergrundwissen, dass Christoph Reuters seit Anfang der 90er regelmäßig aus krisenerschütterten Regionen wie den Irak, Gaza, Afghanistan und mehr berichtete, kann ich mir das Ausmaß der Lage in Syrien (wo ich selbst vor einigen Jahren eine sehr schöne Zeit mit sehr vielen netten Einheimischen verbrachte), leider gut vorstellen. Für diesen Brief bewundere ich Reuters wirklich sehr.

Darren Conway und Ian Pannell

Bild: Screenshot Reportage
Bild: Screenshot Reportage "Syriens Kinder"

Ebenfalls erwähnt werden in Christoph Reuters Hilferuf der preisgekrönte Film des Kameramanns Darren Conway und des BBC-Reporters Ian Pannell. Die beiden Reporter begleiteten zwei britische Ärztinnen durch das syrische Rebellengebiet und zeigen nicht nur die katastrophale medizinische Versorgung in "Krankenhäusern" und Flüchtlingslagern, sondern erleben - mehrmals - Anschläge in nächster Umgebung. Da ich von den beiden erst kürzlich durch Reuter erfahren habe, kann ich leider nicht viel mehr zu ihnen sagen, was Google nicht auch wüsste. Den Film solltet ihr euch aber anschauen! Und immer daran denken - dort war ich auch. Und dort war es schön, sauber, sicher und die Menschen waren genauso glücklich oder unglücklich wie die Deutschen auch (falls jetzt wieder jemand mit dem "Argument" der "arabischen Ur-Aggresivität" kommen sollte - bitte lasst es).

Und darum bin ich: Presseausweisinhaberin

Was hat das jetzt mit mir zu tun? Nun, ich weiß solche Journalisten sehr zu schätzen. Das hat natürlich sehr wenig mit dem Besitz eines Presseausweises zu tun. Wenn ich daran denke, wie viele Boulevard"reporter" diese Legitimation zur journalistischen Recherche ebenfalls besitzen - nein nein. Ich denke lieber an meine Vorbilder. Ich wäre gerne selbst ein bisschen so wie sie - vielleicht nicht vor einem Kriegshintergrund (obwohl mich das Thema sehr fasziniert), doch mit dem gleichen Enthusiasmus, etwas aufzuzeigen und zu bewegen.

Zeigen, was keiner sehen will


"Live aus Damaskus nun für uns vor Ort: Julia, wie ist die Lage?" (Syrien 2008)

Um dem faulen Duchschnittsdeutschen Kriegsverbrechen und Missstände zu zeigen, die er gar nicht sehen will - die eigentlich niemand sehen will - riskieren diese Journalisten (und viele weitere auch) sehr oft ihr Leben. Weil es ihnen ein Anliegen ist, anderen Menschen zu zeigen, dass "Kollateralschäden" eben Menschen wie du und ich sein können. Dass Menschen unvorstellbare Gräuel erleben, egal ob sie zu den "Guten" oder zu den "Bösen" gehören. Und auch, dass wir Wohlständler uns durchaus mal etwas selbstloser um diese Belange kümmern sollten, auch wenn man dafür mal den Hintern erheben und das Hirn einschalten muss (ein "Ach, ist das alles schlimm..." hilft eben nicht nicht viel, wenn man danach einfach zur Lieblingssoap zappt).

 

Reporter berichten nicht, sie erleben

Journalisten wie Rados, Bauer, Reuter, Conway und Pannell aber auch hier nicht erwähnte wie beispielsweise mein ehemaliger taz-Kollege Karim El-Gawhary erleben wortwörtlich, wovon sie erzählen. Sie sind nicht nur permanent im Einsatz, sondern extrem gefährdet. Sie bringen aber auch Hoffnung für die Notleidenden und geben ihnen eine Stimme. Stichwort Syrien. Stichwort Lampedusa. Stichwort Verbrauchertäuschung und Stichwort Politikkritik.

Wegen Ihnen wollte ich in die Medien. Und wegen ihnen werde ich meinen Presseausweis in Ehren halten. Auch wenn mir das bisher leider nur symbolisch möglich ist.