Sport als Integrationsmodell

Bild: Becker
Bild: Becker

Die Musik ist laut, der Beat treibt an. Die Trainerin kennt auch nach der halbstündigen Aufwärmphase erst mal keine Gnade – sie hetzt uns zu Icona Pops „I Love It“ auf den Stepper, wieder runter, ruft Kommandos wie „Basic“, „Steptouch“ und „Over“.

Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen, gibt es nicht, Job, Ärgernisse oder  ToDos werden einfach aus dem Kopf gesteppt. Alle Konzentration wird auf die Koordination von Kopf, Füßen und Stepper benötigt. Der große Spiegel im Sportraum beweist aber: So schlecht stellen wir uns gar nicht an, mehr oder weniger im Takt sieht unser Gehopse sogar fast ein bisschen aus wie eine perfekt einstudierte Choreographie. Nach zwei Stunden und der obligatorischen Bauch-Beine-Po-Qual (ich stelle mich schon mal auf einen mehrtägigen Muskelkater ein), heißt es dann auf Wiedersehen, bis zum nächsten mal.

Drei Mal die Woche trainiert mein Sportkurs des Turn- und Sportvereins Metzingen. Insgesamt dreißig Teilnehmerinnen jeden Alters haben sich zum Kurs „Sportmix für Frauen“ angemeldet, am liebsten machen wir Step-Aerobic.

Bis hierher könnte man sich jetzt fragen: Warum genau schreibe ich darüber? Sportkurse gibt es doch überall, das ist doch nix besonderes. Nunja, das mag sein – mein Sportkurs hingegen ist wirklich etwas speziell. Nämlich besonders normal – obwohl er ganz anders ist.

 

Ein ganz anderes Integrationsprojekt

 

Bild: g5geek / sxc.hu
Bild: g5geek / sxc.hu

Normal ist der Kurs deshalb, weil sich Frauen zum gemeinsamen Fit-werden treffen. Besonders ist der Kurs deshalb, weil diese Frauen nicht Hannah und Melanie heißen, sondern Fathma, Cicek und Seynab.

Unsere Trainerin heißt Afsane Ganjalikhani, ist Iranerin und ausgebildete Sporttrainerin. Der Sportkurs heißt wirklich „Sportmix für Frauen“, trägt aber noch den Zusatz „aus aller Welt“.

Jede Frau ist eingeladen mitzumachen, ganz egal wo sie herkommt, welcher Religion sie angehört, wie sie lebt oder wie alt sie ist. Und anstelle von langen, gezwungen wirkenden Gesprächsrunden trainieren wir uns an die Grenzen unserer Kräfte.

 

Keine Männer, sonst nichts

 

Einzige Voraussetzung des Sportkurses ist, dass den Frauen während des Trainings keine Männer zuschauen können. Das Prinzip des ungestörten Trainierens ohne Angst vor Beobachtung, entdecken auch immer mehr Fitnessstudios für sich als Erfolgsrezept. Seit kurzem werben zum Beispiel auch die großen Fitness-Ketten wie EasyFit mit einer „Ladies Area“. Im Falle meines Sportkurses ist dieses Problem schnell gelöst: Im Sportraum werden einfach die Jalousien heruntergelassen, und schon sind wir für die Außenwelt unsichtbar.

 

Integration, obwohl keine nötig ist

 

Bild: ishankonak / sxc.hu
Bild: ishankonak / sxc.hu

Die Erfolgsgeschichte von „Sport für Frauen aus aller Welt“ kann sich sehen lassen, auch wenn Gerhard Göhner, damaliger zweite Vorsitzende des Metzinger Turn- und Sportvereins, ein wenig Bedenken hatte.

„Ob da überhaupt jemand mitmachen wolle, ob mit den Räumlichkeiten alles klappen würde und wie das mit dem kulturellen Zusammenkommen funktionieren würde – wir konnten auf keinerlei Erfahrungswerte anderer Städte zurückgreifen.“, erklärte mir Göhner vor einigen Jahren, als ich zu diesem Thema einen Zeitungsbericht für den Reutlinger General-Anzeiger verfasste.

Damals hieß der Kurs noch „Sport für muslimische Frauen“, was in Metzingen allerdings    geteilte Meinungen hervorrief. Aus diesem Grund wurde der Kurs nun auf den jetzigen Titel umbenannt.

Es ist ein Gefühl des Nebeneinanderherlebens, das meine Mitsportlerinnen haben – obwohl sie sich eigentlich ganz gut integriert haben. Es hat eben nur keiner gemerkt.

Die jetzigen Teilnehmerinnen sind eigentlich schon perfekt integriert: Sie haben einen deutschen Pass, ausgezeichnete Deutschkenntnisse und eine Arbeitsstelle. Manche tragen ein Kopftuch, manche kurze Röcke. Die Trainerin gibt ihre Anweisungen auf Deutsch. Auch Nicht-Muslima finden sich in der Gruppe. Wozu also ein Integrationsprojekt für perfekt integrierte?
Dabei könnte das Projekt besonders für Frauen, die neu in Deutschland sind, wichtige Hilfe in Sachen Integration sein.

 

Wenig Interesse an Austausch

 

Etwa ein halbes Jahr nachdem ich den Bericht über den besonderen Integrationssportkurs geschrieben hatte, traf ich zufällig eine Teilnehmerin im Supermarkt. Sie meinte, dass sie es schade findet, dass immer noch „nur“ Muslima zum Kurs erscheinen, und lud mich kurzerhand ein, einfach mitzumachen. Getrieben von Neugier und meinem inneren Schweinehund, der dringend auch mal dressiert gehörte, stand ich also noch am selben Abend in der Sporthalle. Die Freude über die „Neue“ war so groß, dass es mir schon fast unangenehm war. Als es nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde dann so richtig los ging, war ich die erste, die keuchend und ächzend ausschied – dabei gehöre ich zu den jüngeren Teilnehmerinnen.

 

Mehr Multi-Kulti, bitte!

 

Neben diversen Trainingsübungen lernte ich schnell, dass meine Mitsportlerinnen viele Fragen und ein großes Interesse an deutscher Kultur hatten, nur bisher nie die Gelegenheit, mit jemanden darüber zu reden. Man begegnet sich, so wurde mir erklärt, im Alltag eher auf höflicher Distanz. „Manchmal habe ich das Gefühl, meine Kollegin hat Angst vor mir, und manchmal habe ich Angst davor, irgendwas Falsches zu sagen oder zu machen.“, erklärte mir Seynab auf die Frage, woran das liegen könnte. „Und dann reden wir sicherheitshalber über das Wetter oder über die Arbeit oder gar nicht miteinander.“

Bild: ctr / sxc.hu
Bild: ctr / sxc.hu

Da Sport eine relativ leicht zu lernende Sprache ist und zudem unglaublichen Spaß macht, kommen solche Gefühle bei uns erst gar nicht auf.

Jede ist wie sie ist, und das ist für alle anderen in Ordnung.  Manchmal sitzen wir nach dem Training noch lange zusammen und tauschen uns aus, ganz allgemein über Kochrezepte, den neuesten Klatsch oder über Politik. Hin und wieder komme ich an die Grenzen meines religiösen Wissens, wenn ich erklären soll, wieso Christen diesen und jenen Feiertag feiern.

Manchmal rufe ich auch leichtes Entsetzen hervor, beispielsweise damit, dass ich nicht in die Kirche gehe, da ich an diese Institution nicht glaube oder dass ich in meiner Studienzeit in einer WG mit zwei Jungs wohnte. Jede weiß, dass ich mit dem Sport nicht nur fit bleiben will, sondern auch auf eine Bikinifigur hinsteuern möchte. Das ist nichts besonderes, hier hat jede seine Eigenheiten, die von den anderen akzeptiert und geschätzt wird.

 

Trainerin mit großem Herz

 

 „Ja natürlich, ich freue mich auf dich! Eigentlich war der Kurs ja als eine Art Annäherungsversuch verschiedener Kulturen gedacht, aber wir sind wohl zu unheimlich.“, meinte Trainerin Afsane, als ich nach der ersten Stunde fragte, ob ich wieder kommen dürfe (meine Tollpatschigkeit mit dem Stepper hat den Kurs ganz schön aufgehalten… ). Hin und wieder habe bisher mal eine Interessierte in den Kurs hineingeschnuppert, sei aber danach nie wieder gekommen. An Afsane kann das definitiv nicht liegen.

Bild: SWP
    Bild: SWP

Sechs Mal die Woche leitet sie das Sportintegrationstraining und ist dabei weit mehr als ein fleischgewordener innerer Schweinehund. Afsane hält die Truppe zusammen. Sie merkt, wenn es einer Teilnehmerin nicht gut geht und ruft besorgt an, wenn jemand länger nicht im Training war. Sie schafft spielend den Spagat zwischen ehrgeizigem Sport und herzlichen Gesprächen.

Nicht immer herrscht gute Laune in der Truppe – schlechte Noten, Ärger mit dem Partner oder Heimweh machen meinen perfekt integrierten Mitsportlerinnen und mir ab und an doch zu schaffen. Afsane kennt vor allem das Heimweh gut. Die Mutter von vier Kindern verließ ihre Heimatstadt Kerman im Iran vor knapp 20 Jahren.

Deutschland gefällt ihr gut, ihr Deutsch ist makellos, ihr Engagement schier grenzenlos – weshalb sie bei der Sportlerehrung des Kreises Reutlingen sogar den mit 500 Euro dotierten Sonderpreis der Bezirksvereinigung der Volksbanken und Raiffeisenbanken für ihre "außergewöhnlichen Leistungen in Sachen Integration“ erhielt. Eine Auszeichnung, die wir natürlich ausgiebig feierten. Auf Türkisch, Iranisch, Sudanesisch und natürlich auf Deutsch.

 

Nicht anders, sondern gleich

 

Trotz dem damit verbundenem Medienrummel sind wir immer noch nicht multikultureller geworden. Auch andere Sportvereine haben sich aus Kostengründen bisher nicht an ein vergleichbares Projekt gewagt. Uns macht das nichts: Solange wir über unsere Stepper hopsen können, sind wir glücklich. Unsere Gruppe existiert in erster Linie ja nicht, weil wir anders sind - sondern eben gleich. Und weil wir mit Afsane und Icona Pop einfach nur Fit werden möchten. 


Text: Julia Becker / architexturbuero.de

 

 

Thementage: Integration

Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de
Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de

Alle Bundesbürger sind deutsch, nur manche sind deutscher?

Um diese Frage ging es bei den Thementagen: Integration. Nach vielen Schilderungen und Diskussionen wagen wir ein persönliches Fazit, verbunden mit einem großen Dankeschön an alle Beteiligten!

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Neues Leben oder Zwischenstation?

Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de
Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de

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Farid Gambar kam mit 13 Jahren nach Deutschland und meint: Integration macht nur Sinn, wenn man bleiben will.

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Foreigner - Forever

Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de
Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de

Ihr Name ist ausländisch, ihr Aussehen und ihre Familie ebenso. Ihre deutsche Aussprache ist tadellos und auch sonst verhält sie sich nicht anders als ihre deutschen Mitschülerinnen.

Egzona Hyseni lässt für unsere Thementage: Integration ihre Gedanken schweifen und stellt sich der Frage: Muss man einen Menschen auf die Herkunft herunterbrechen um ihn zu akzeptieren?

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Kommst hier net rein!

Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de
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Auch wenn sich Sport ideal zum gegenseitigen Kennenlernen anbietet, stoßen viele Fitnessinteressierte mit Migrationshintergrund vor verschlossenen Türen.

Ausländer sind in Fitnessstudios unerwünscht und sollen unter anderem von hohen Anmeldegebühren abgeschreckt werden. Erfahrungen von Alper Aslan. 

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Sport als Integrationsmodell

Bild: Julia Becker
Bild: Julia Becker

Sie haben sich wirklich gut integriert – es hat nur keiner gemerkt. Wie der Turn- uns Sportverein Metzingen mit einem Sportkurs versucht, Brücken zu bauen, obwohl beide Gruppen auf der gleichen Seite stehen. Und das mit vollem Erfolg!

Trotzdem existiert "Sport für Frauen aus aller Welt" in erster Linie nicht, weil die Frauen anders sind - sondern eben gleich.

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Deutschlands nicht vorhandene Willkommenskultur

Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de
Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de

Was wollt ihr denn hier? Deutschland hält sich zwar für eines der attraktivsten Einwanderungsländer, steht aber Zuwanderung kritisch gegenüber.

Wer versucht in unserem Land Fuß zu fassen, hat es deshalb nicht leicht, so eine Studie über die deutsche Willkommenskultur, welche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht wurde.

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Neben- statt Miteinander?

Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de
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Mit Laura Ilg hat sie über ihr Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, gesprochen.

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