Hazal

Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de
Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de*

Thementage: Integration

Neben - statt Miteinander?

Ein Text von Laura Ilg 

 

Hazal, die eigentlich anders heißt, sitzt selbstbewusst vor ihrem Cappuccino, neben sich ein Packen voller Karteikarten. „Für die Spanischklausur morgen“, sagt sie und lächelt. Sie besitzt ein gewinnendes Lächeln und wirkt sogleich offen und sympathisch. Das lockige Haar fällt ihr locker ins Gesicht, das Kopftuch ist ihr fremd.

Schwäbischer statt türkischer Akzent


Hazal ist Türkin, jedoch aufgewachsen in Deutschland. Nicht in Problembezirken wie Berlin Neukölln oder Hamburg St. Georg, sondern im beschaulichen Oberschwaben. Dort wo sich noch jeder kennt, mit Servus grüßt und sonntags die Kirche noch bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Gell, isch, - in Hazals Deutsch ist statt Akzent eine schwäbische Färbung zu erkennen.

Ein Musterbeispiel der Integration? Sie als Gymnasiastin? „Schwierig“, meint Hazal nachdenklich. Denn eigentlich wisse sie selbst nicht, ob sie nun mehr Deutsche, Türkin, beides in einem oder keines von beidem sei. „Ich fühle mich zwischen zwei Kulturen gefangen“, „nirgendwo richtig zugehörig“ – Sätze wie diese fallen im Gespräch immer wieder. Hazals Stimme wird dann leise, nachdenklich. Man merkt, wie ernst es ihr ist.

Ständiges Spannungsfeld

 

Bild: Rainer Zenz
Bild: Rainer Zenz

„Du kennst das nicht, weißt nicht wie das ist in einem ständigen Spannungsfeld zu leben“, sagt Hazal. Ihre Freundinnen zu sehen, wie sie sich am Wochenende stylen, in die Disco gehen, mit Jungs flirten. „Gehst du auch mit?“, fragten sie am Anfang. „Nein, ich kann nicht. Meine Oma ist zu Besuch“, sagte Hazal dann als Ausrede. Irgendwann wurden die Fragen weniger. Und sie fühle sich außen vor. Wenn ihre Freundinnen von Discoflirts erzählen, kurze Röcke und Paillettentops einkaufen gehen – was solle sie dann machen? Daneben stehen und sich ärgern, weil sie das alles verpasst? Mittlerweile schwingt leise Wut in Hazals Stimme mit. Ihre Familie würde da jedoch niemals mitmachen. Nur bei ihrem Bruder sei das egal. Selbst wenn er morgens um sechs sturzbetrunken die Familie wecke. Aber sie als Mädchen? Nein, undenkbar.
Und rebellieren? Dazu müsse sie erstmal selbst wissen, was sie wolle. Wie sie ihr Leben gestalten will.

"Geh doch dahin zurück, wo du herkommst!"


Sie sieht ihre zahlreichen Cousinen, die mit 20 heiraten und dann schwanger werden. Plötzlich Kopftuch tragen. Nein, das wolle sie nicht. Aber ausziehen, ganz alleine irgendwo studieren? Ohne die Familie als Rückhalt? Unvorstellbar. Denn auch Hazal bekommt manchmal zu spüren, dass sie nicht überall willkommen ist. Von Lehrern, die sich über ihre Deutschaufsätze echauffieren. „Wird zuhause wohl nur Türkisch gesprochen?! Wir sind hier aber in Deutschland“, habe so ein Lehrer einmal zu ihr gesagt. „Das zeigt doch schon alles“, meint Hazal enttäuscht. Auch Beschimpfungen sind keine Seltenheit. So auch letztens im Bus nachhause. „Ist da noch frei?“, fragte Hazal. „Nein! Für dich ist kein Platz hier“, entgegnete man ihr. "Geh doch dahin zurück, wo du herkommst!"

Ein Neben- statt Miteinander

Bild: Kristina-Lange / www.jugendfotos.de
Bild: Kristina-Lange / www.jugendfotos.de

Doch auch ansonsten haben Türken und Deutsche nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Einladungen kämen selten oder so gut wie nie vor, Smalltalk auf dem Fußballplatz sei das höchste der Gefühle. „Neben- statt Miteinander lautet die Devise. Und das Nebeneinander ist dann oft noch nicht mal respektvoll“, meint Hazal. Beide Seiten hätten viel zu lernen.

Hazal hat das Zeug, beide Welten zu vereinen. Die Balance zu finden zwischen türkischer Kultur und Tradition und deutschen Werten und Lebensweise. Das ewige Spannungsfeld zu überwinden. Bis dahin ist es zwar ein langer Weg, der gewiss viel Kraft kosten wird. Doch nur so wird sie wahrscheinlich am Ende glücklich werden.


Die erste der Familie sein, die…


Die Erste in der Familie sein, die studiert? Die Erste mit deutschem Freund? „Wer weiß“, sagt Hazal und leert ihren Cappuccino. „Ich muss los, Spanisch lernen.“ Diesen Sommer fährt sie schließlich für eine Woche mit der Schule nach Barcelona. Vor zwei Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Damals hatte ihr Vater den Zettel zur Teilnahme am Frankreichaustausch nicht einmal beachtet.

Nach einiger Überzeugungsarbeit darf sie nun in die katalanische Metropole fahren. „Das erste Mal in die Disco!“, nun leuchten ihre Augen. Vor dem Café trennen sich unsere Wege. Als sie davon stöckelt, flattert ihr Haar wild im Wind. Der Anfang ist gemacht.

 

Dieser Text wurde von Laura Ilg im Rahmen des Wettbewerbs "Das Fremde und ich" von der Onlineplattform Jugendmedien.de verfasst.
* Das Mädchen auf dem Bild ist nicht Hazal - die ja eigentlich auch anders heißt.

Thementage: Integration

Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de
Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de

Alle Bundesbürger sind deutsch, nur manche sind deutscher?

Um diese Frage ging es bei den Thementagen: Integration. Nach vielen Schilderungen und Diskussionen wagen wir ein persönliches Fazit, verbunden mit einem großen Dankeschön an alle Beteiligten!

mehr

Neues Leben oder Zwischenstation?

Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de
Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de

Bei der Integration kommt es darauf an, wie gut man sich ein Leben in der Fremde vorstellen kann - und wie man das Fremde in Heimat verwandelt.

Farid Gambar kam mit 13 Jahren nach Deutschland und meint: Integration macht nur Sinn, wenn man bleiben will.

mehr

Foreigner - Forever

Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de
Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de

Ihr Name ist ausländisch, ihr Aussehen und ihre Familie ebenso. Ihre deutsche Aussprache ist tadellos und auch sonst verhält sie sich nicht anders als ihre deutschen Mitschülerinnen.

Egzona Hyseni lässt für unsere Thementage: Integration ihre Gedanken schweifen und stellt sich der Frage: Muss man einen Menschen auf die Herkunft herunterbrechen um ihn zu akzeptieren?

mehr

Kommst hier net rein!

Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de
Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de

Auch wenn sich Sport ideal zum gegenseitigen Kennenlernen anbietet, stoßen viele Fitnessinteressierte mit Migrationshintergrund vor verschlossenen Türen.

Ausländer sind in Fitnessstudios unerwünscht und sollen unter anderem von hohen Anmeldegebühren abgeschreckt werden. Erfahrungen von Alper Aslan. 

mehr

Sport als Integrationsmodell

Bild: Julia Becker
Bild: Julia Becker

Sie haben sich wirklich gut integriert – es hat nur keiner gemerkt. Wie der Turn- uns Sportverein Metzingen mit einem Sportkurs versucht, Brücken zu bauen, obwohl beide Gruppen auf der gleichen Seite stehen. Und das mit vollem Erfolg!

Trotzdem existiert "Sport für Frauen aus aller Welt" in erster Linie nicht, weil die Frauen anders sind - sondern eben gleich.

mehr

Deutschlands nicht vorhandene Willkommenskultur

Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de
Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de

Was wollt ihr denn hier? Deutschland hält sich zwar für eines der attraktivsten Einwanderungsländer, steht aber Zuwanderung kritisch gegenüber.

Wer versucht in unserem Land Fuß zu fassen, hat es deshalb nicht leicht, so eine Studie über die deutsche Willkommenskultur, welche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht wurde.

mehr

Neben- statt Miteinander?

Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de
Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de

Hazal ist Deutsche mit türkischen Wurzeln. Sie ist nicht wirklich anders, aber auch nicht wirklich gleich wie ihre Mitschülerinnen.

Mit Laura Ilg hat sie über ihr Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, gesprochen.

mehr