Fitnessstudios: Du kommst hier net rein!

Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de
Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de

Neulich berichteten wir über ein Projekt des Turn- und Sportvereins Metzingens, das sich zum Ziel gesetzt hat, mit Hilfe von Sport die Integration von Frauen ausländischer Wurzeln zu fördern.

Sport eignet sich als Integrationsmodell ideal. Doch nicht überall sind Menschen mit ausländischen Wurzeln gern gesehen. Alper Aslan, multikulturell aufgewachsen und von Beruf  Marktforscher und Social Media Experte beschreibt, welche Erfahrungen er in Sachen Fitnessstudios gemacht hat.

 

Geschichten aus dem Alltag: Fitness-Studios

 

“Es gibt kein Ausländerproblem” lautet die Überschrift eines hervorragenden Artikels eines Österreichers zur Integration bei unseren Nachbarn. Als ich diesen Beitrag auf Twitter geteilt habe, wurde ich gefragt, ob ich auch solche Erfahrungen gemacht habe. Und die Antwort war: “Ja, leider viel zu oft.”

In dieser kleinen Serie möchte ich einige diese Erfahrungen teilen, damit die Integrationsdebatte nicht nur theoretischer Natur bleibt, sondern durch ganz praktische Beispiele unterstützt wird.

Vom Wunsch, ein Muskelprotz zu werden

 

Bild: Brunokogu / www.sxc.hu
Bild: Brunokogu / www.sxc.hu

Meine Eltern waren bereits in meiner Kindheit sehr daran interessiert, dass ich mich sportlich betätige. Mit ca. sechs Jahren wurde ich daher beim Tae-Kwon-Do angemeldet und einige Jahre später sogar bayrischer Vizemeister in meiner Gewichtsklasse. Irgendwann – mit ca. zwölf Jahren – begann ich mich für Fußball zu interessieren und spielte fünf Jahre als Stürmer aktiv in einem Verein.

 

Durch diese Sportarten war mein Körper stets athletisch und eher wenig muskulös. Anfang/Mitte 20, ich war bereits ein junger Mann, wollte ich mich daher in einem Fitness-Studio anmelden. Ich fragte einige Freunde, ob sich jemand mit mir anmelden wolle und es fand sich ein Freiwilliger unter meinen türkischstämmigen Freunden. Wir gingen gemeinsam ins größte und günstigste Fitnessstudio in der Nähe, um uns dort anzumelden. Das Fitness-Studio war bekannt für seine Muskelprotze, wir hatten uns vorher bei Freunden informiert und wir wollten unbedingt dort trainieren.

 

"Aufnahmestopp"

 

Bild: George Stepanek
Bild: George Stepanek

So standen wir mit unseren gepackten Sporttaschen am Empfang und warteten, aber es dauerte erstaunlich lange, bis sich jemand um uns kümmerte. Vorher gab es wichtige Dinge am PC zu erledigen. Wir wurden freundlich begrüßt, sagten, dass wir gerne Mitglieder werden wollen und wurden gebeten, unsere Personalausweise vorzuzeigen.

Wir legten unsere Personalausweise mit dem Halbmond und dem Stern auf den Tresen. Der Mitarbeiter bedankte sich und verschwand in seinem kleinen Büro. Eine gefühlte Ewigkeit später kam er wieder heraus und sagte, dass es ihm leid tue, aber dass sie gerade leider Aufnahmestopp hätten. Wir sollten es bitte in einigen Wochen wieder versuchen.

Wir bedankten uns, gingen traurig aber gefasst vor die Tür und debattierten dort, was wir nun tun sollten. Welches Fitness-Studio kam nun in Frage? Welche Alternativen hatten wir? Während wir diskutierten, kamen zwei Ur-Deutsche im gleichen Alter auf den Eingang des Studios zu. Einer fragte den anderen, was er nun zu tun habe. Der andere sagte: “Sag einfach, dass Du trainieren willst und dass ich Dich geworben habe.” Sie gingen hinein, bekamen einen Zettel ausgehändigt, füllten ihn aus und waren kurze Zeit später in den Tiefen des Studios verschwunden. Mein Freund und ich hatten weder den Mut, noch die Absicht, um nach dieser Demütigung mit dem Mitarbeiter des Studios zu diskutieren. Wir gingen und waren mehr als enttäuscht. Es war ein Schock.

 

Preis als Abschreckung für Ausländer

 

Bild: Didig / www.sxc.hu
Bild: Didig / www.sxc.hu

Einige Jahre später nahm ich einen Job im “Marketing/Vertrieb” in einem der teuersten Nürnberger Fitness-Studios an. Die offizielle Anmeldegebühr für Neumitglieder betrug dort 250 Euro, zuzüglich sehr hoher monatlicher Mitgliedsbeiträge.

Wie ich im ersten Verkaufstraining lernen sollte, dienten diese hohen Kosten nur zur Abschreckung von ungewollten Anmeldungen. Wenn uns ein “Gesicht” gefiel, dann durften wir die Anmeldegebühr fast komplett streichen und auch bei den monatlichen Raten gab es großen Spielraum (gut 20 Prozent!).

Nach der Schulung erfuhr ich, völlig inoffiziell, dass “insbesondere Türken, Araber und andere, die dafür bekannt sind, die deutschen Frauen zu belästigen” unerwünscht seien. Wenn jemand die hohe Anmeldegebühr und die monatlichen Raten trotzdem zahle, dann stünde einer Mitgliedschaft nichts im Weg. “Üblicherweise gehen die jedoch wieder von alleine, wenn sie die hohen Gebühren hören.”

Ich habe bei dem ganzen Spiel mitgemacht. Ich bin selbst Schuld. Aber mir wurde in dieser Zeit sehr offensichtlich klargemacht, welche Rolle Diskriminierung in der Gesellschaft spielt und dass es sich dabei nicht um ein theoretisches Konstrukt handelt, sondern – bewusst oder unbewusst – täglich gelebten Alltag darstellt. Und solche Vorfälle sind sicher kein Einzelfall.

 

Dieser Artikel erschien zuerst unter alperaslan.biz und hat eine interessante Diskussion hervorgerufen, die ich gerne empfehlen würde. Zu den Kommentaren geht es hier.
Alper Aslan ist Marktforscher mit türkischen Wurzeln und bloggt in seiner Freizeit für das gegenseitige Verständnis von Türken und Deutschen in Deutschland.

Thementage: Integration

Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de
Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de

Alle Bundesbürger sind deutsch, nur manche sind deutscher?

Um diese Frage ging es bei den Thementagen: Integration. Nach vielen Schilderungen und Diskussionen wagen wir ein persönliches Fazit, verbunden mit einem großen Dankeschön an alle Beteiligten!

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Neues Leben oder Zwischenstation?

Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de
Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de

Bei der Integration kommt es darauf an, wie gut man sich ein Leben in der Fremde vorstellen kann - und wie man das Fremde in Heimat verwandelt.

Farid Gambar kam mit 13 Jahren nach Deutschland und meint: Integration macht nur Sinn, wenn man bleiben will.

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Foreigner - Forever

Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de
Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de

Ihr Name ist ausländisch, ihr Aussehen und ihre Familie ebenso. Ihre deutsche Aussprache ist tadellos und auch sonst verhält sie sich nicht anders als ihre deutschen Mitschülerinnen.

Egzona Hyseni lässt für unsere Thementage: Integration ihre Gedanken schweifen und stellt sich der Frage: Muss man einen Menschen auf die Herkunft herunterbrechen um ihn zu akzeptieren?

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Kommst hier net rein!

Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de
Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de

Auch wenn sich Sport ideal zum gegenseitigen Kennenlernen anbietet, stoßen viele Fitnessinteressierte mit Migrationshintergrund vor verschlossenen Türen.

Ausländer sind in Fitnessstudios unerwünscht und sollen unter anderem von hohen Anmeldegebühren abgeschreckt werden. Erfahrungen von Alper Aslan. 

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Sport als Integrationsmodell

Bild: Julia Becker
Bild: Julia Becker

Sie haben sich wirklich gut integriert – es hat nur keiner gemerkt. Wie der Turn- uns Sportverein Metzingen mit einem Sportkurs versucht, Brücken zu bauen, obwohl beide Gruppen auf der gleichen Seite stehen. Und das mit vollem Erfolg!

Trotzdem existiert "Sport für Frauen aus aller Welt" in erster Linie nicht, weil die Frauen anders sind - sondern eben gleich.

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Deutschlands nicht vorhandene Willkommenskultur

Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de
Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de

Was wollt ihr denn hier? Deutschland hält sich zwar für eines der attraktivsten Einwanderungsländer, steht aber Zuwanderung kritisch gegenüber.

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Neben- statt Miteinander?

Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de
Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de

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Mit Laura Ilg hat sie über ihr Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, gesprochen.

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