Deutschland, integriere dich!

Bild: Jan Hendrik Dobers / www.jugendfotos.de
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Mit den Thementagen: Integration wollte das Architexturbüro mal genauer Nachhaken: Was hat es mit der Integration so auf sich? Gibt es eine gute Integration und wenn ja, woran lässt sie sich messen?

Nach vielen Kommentaren, Geschichten und auch Streitereien wage ich hier ein (persönliches!) Fazit.

Das erste Problem liegt bereits bei der Definition. In Deutschland haben es Begrifflichkeiten wie „Deutsch“, „Papierdeutsch“ und „Urdeutsch“ in die Alltagssprache geschafft: „Urdeutsch“ sind demnach diejenigen, die schon immer in Deutschland leben und deren Vorfahren der letzten Generationen ebenfalls, als „deutsche“ gelten diejenigen, die – als „deutsche mit ausländischen Wurzeln“ bezeichnet werden und die Papierdeutschen haben zwar einen deutschen Pass, jedoch sonst wenig Interesse sich beispielsweise die deutsche Sprache, Lebensart oder gar Gesetze anzueignen – oder nicht die Möglichkeit dazu.

 

Res-Verba-Problematik

 

Wirklich hilfreich sind diese Begriffe jedoch nicht. Zum einen sträube ich mich schon aus rein aus Prinzip gegen eine Differenzierung von rechtlich gleichgestellten Bürgern eines Staates – noch dazu da vor dessen historischen Hintergrund eine Bezeichnung von „Urdeutsch“ meines Erachtens total fehl am Platz ist. Trotzdem wird es ohne eine begriffliche Unterscheidung schwer, sie dem Thema angemessen zu nähern. Die oben genannten Begriffe sind ein schönes Beispiel eines sprachlichen Differentierungsdilemmas, welches in der Rhetorik als „res-Verba-Problem“ bekannt ist. Dies beschreibt, dass die Sprache (verba) ein vollumfängliches Erfassen des Sachverhaltes (res) gar nicht ausdrücken kann und – in diesem Fall, mit einer Vielzahl von Unterdifferenzierungen dieses Problem zu lösen versucht.

Und genau aus diesem Grund kommt hier der zweite Punkt zum tragen: In der Problematik der Integration liegt sehr viel mehr Zündstoff, da jeder Bundesbürger seine eigene Vorstellung von „Integration“ hat.

 

Alle Menschen sind gleich (!?!)

Alle Menschen sind deutsch, nur manche sind deutscher – Orwells Satz passt auch in Sachen Integration wie die Faust aufs Auge.

Wann ist jemand in eine Gesellschaft integriert? Muss man sich alle deutschen Eigenheiten aneignen und jede kulturelle Verwurzelung aufgeben, um in integriert zu sein? Oder wehren sich die Durchschnittsdeutschen nicht vielmehr gegen eine Multikulti-Gesellschaft? Welche Rolle spielt die Herkunft bei einer Integration?

Wie viele Leser und Blogger in ihren Berichten beschrieben haben, kann man noch so gut integriert sein – als „echter Deutscher“ scheint man von (ur-)Deutschen niemals wahrgenommen zu werden.

Hazal zum Beispiel hat nicht ohne Kummer die deutsche Lebensart bei ihrer Familie „integrieren“ müssen, um mit ihrer Klasse auf Klassenfahrt zu dürfen. Sie hat keinen türkischen sondern einen schwäbischen Akzent, wurde mit 16 nicht zwangsverheiratet und erfüllt auch sonst kein gängiges Vorurteil, mit dem „Menschen wie sie“ in der Regel konfrontiert werden. Trotzdem fühlt sie sich nicht deutsch. Und auch nicht türkisch.

Egzona Hyseni, welche eine albanische Abstammung vorweisen kann und ihre Gefühle ebenfalls für die Thementage: Integration in Worte fasste, beschrieb diese Situation als „Foreigner – forever“. Ihre Schlussworte fand ich besonders interessant: Am Ende ist es egal, ob man deutsch, türkisch, albanisch, chinesisch oder katholisch, buddhistisch oder jüdisch ist – am Ende ist man in jedem Falle nur ein Mensch, heißt es dort sinngemäß.

Leider vergisst diese These die Realität – den Menschen selbst. Denn genau jener Umgang mit der Realität ist es, der einen Menschen ausmacht und seinen Charakter prägt.

Ich kenne viele Menschen, die in Deutschland leben, aber nicht hier geboren wurden. Alle haben sich gut eingelebt, fühlen sich hier wohl und wollen auch in ihrer Zukunft in Deutschland bleiben. Ein Punkt, den auch Farid Gambar als Grundvoraussetzung einer gelungenen Integration sieht. Hin und wieder überkommt einen dann doch etwas Heimweh (oder heißt es in diesem Falle Fernweh?) nach der Familie oder dem Heimatland. Der Grund ist einfach: In Deutschland kann man sich wohl fühlen, das Herkunftsland komplett ersetzten kann es nicht, soll es nicht und wird es nie.

 

Selbstverschuldete Fassungslosigkeit

 

Integration geht meines Erachtens nur, wenn beide Seiten es wollen. Nicht nur die „Deutschen“ müssen, auch wenn es ihnen verständlicherweise mit Sicherheit allein schon sprachlich sehr viel schwerer fällt, auf die „Urdeutschen“ zugehen, sondern auch umgekehrt. Gerade umgekehrt, wie die Studie zur deutschen Willkommenskultur der Bertelsmannstiftung bewies. Das ist auch für mich in vielen Fällen gar nicht so einfach, und das obwohl ich mich als einen sehr weltoffenen Menschen einschätze. Oft bin ich ob der Reaktionen aus meinem Umfeld einfach fassungslos.

Völlig fassungslos war ich zum Beispiel, als eine gebürtige Türkin aus meiner Sportgruppe richtig fies gegen die „Ausländer“ keifte, welche nachts öfters mal betrunken auf öffentlichen Plätzen lauthals ihre Nationalhymne grölten. Fassungslos bin ich auch, wenn ich mitten im Gespräch daran erinnert werde, dass mein Gesprächspartner sich zwar bestens mit deutscher Geschichte, Sprache und Politik auskennt, aber nicht wählen darf, weil er keinen deutschen Pass hat. Ebenfalls fassungslos bin ich noch heute, dass eine Familie, die ich sehr mag und die sich verhältnismäßig sehr schnell von einem Leben im Clandorf an ein leicht spießiges deutsches Leben gewöhnt hat, ihren Sohn mit einer wildfremden Frau aus dem Heimatland verheiratete. Und irritiert bin ich, wenn ich ein Mädchen mit Kopftuch interviewe und feststelle, dass es akzentfreies und sehr gebildetes deutsch spricht und im Gegenzug ein „urdeutsches“ Mädchen lauthals im Supermarkt mit asozialen Wörtern wie „Alter“ und „Du Opfer du!“ um sich wirft. Schier aus allen Wolken fiel ich, als ich (als studierte Sprachwissenschaftlerin) durch den Deutschtest für Zuwanderer geflogen wäre.

Situationen wie diese zeigen also, wie schnell man sich selbst an die Nase fassen könnte, würde man sich mehr Gedanken darüber machen.

Sind Ausländer die besseren Deutschen?

Ich finde einen Multikulti-Staat eine schöne Möglichkeit, den Horizont eines ganzen Landes zu erweitern und von anderen Kulturen zu lernen. Gut integrierte Deutsche haben das Potential, die Gesellschaft mit einer differenzierten Denkweise zu bereichern. Sind sie also vielleicht sogar die besseren Deutschen?

Das kommt darauf an. In der ganzen bisherigen Ausführung habe ich bewusst den Punkt „Papierdeutsche“ ausgelassen. Ich bezweifle nicht, dass es sie gibt, ich kenne sogar einige, deren Verhaltensmuster sich sehr dem eines prototypischen „Papierdeutschen“ ähnelt. Viele von ihnen kamen als Gastarbeiter (eines der wenigen fairen Wörter in der ganzen Integrationsdebatte wie ich finde) – hatten also nie die Absicht sich hier eine Zukunft einzurichten. Geblieben sind sie aus verschiedenen Gründen dennoch. Viele der ehemaligen Gastarbeiter haben sich quasi in Deutschland ein eigenes Gefängnis gebaut. „Papierdeutsche“ fühlen sich hier gefangen, da sie in keinster Weise gedenken, sich für die Gesellschaft des Landes, indem sie leben zu öffnen. Quasi wohnen sie in einer selbstgebauten Sackgasse – aus der sie auch nicht herauskommen wollen, da die Vorurteile und gewiss auch die Vorteile Deutschlands überwiegen.

 

Was also nun?

Wie man die Sache auch dreht und wendet, mit der Integration scheint es auch nicht anders zu sein, als mit all den anderen Dingen, die das menschliche Zusammenleben so bringt – Sie ist Ansichtssache.

Ohne Frage sollten sich „deutsche“ an die urdeutsche Lebenssituation anpassen – aber eben auch umgekehrt. Urdeutschland tut sich keinen Gefallen damit, wenn es durch sein Verhalten ein multikulturelles Nebeneinander fördert und – wenn auch unbewusst – seine „fremdwurzeligen“ Mitbürger der Einfachheit halber gedanklich in Dönerbuden und Eisdielen steckt.

Deutschland muss sich an eine multikulturelle Gesellschaft genauso gewöhnen wie zugewanderte Generationen. Die Zauberformel lautet also "Gewöhnung an Vielfalt" statt "Anpassung von Migranten"!

Man muss sich eben damit abfinden, dass, wer die die deutsche Sprache als Erwachsener gelernt hat, schwer jemals seinen muttersprachlichen Akzent loswerden wird. Und sein ausländisches Aussehen wird man – mal abgesehen von Michael Jackson – ebenfalls nicht wechseln können. Das ist zwar vollkommen in Ordnung, man fällt aber eher auf.

Wenn Vorurteile aber einfach stimmen?

Es gibt aber auch die Gutglauber: Sie meinen, man solle die Menschen beim Thema Integration nicht auf ihre Herkunft herunterbrechen. Vielleicht mag jemand anders sein oder anders aussehen als der Durchschnittsbundesbürger – aber zeichnet ihn nicht mehr aus als seine Wurzeln oder gar Wurzelswurzeln?

Es wäre viel zu oberflächlich, diese Frage mit einem klaren Ja zu beantworten. So viel Realismus sei mir hier erlaubt. Natürlich zeichnet einen Menschen mehr aus als seine Herkunft – aber diese Tatsache ist es in den meisten Fällen, die entscheidet, mit welchen Vorurteilen beide Seiten aufeinander zugehen. Wenn sie überhaupt aufeinander zugehen, was meines Erachtens das größte Dilemma in der ganzen Integrationsdebatte ist. Wären beide Seiten bereit (es ist mir übrigens bewusst, wie sehr ich mit der Formulierung „beide Seiten“ sprachlich wieder ausgrenze) aufeinander zu- und einzugehen, würde bald niemand mehr merken, dass eine Integrationsdebatte jemals nötig gewesen war.

 

Integration ist, wenn niemand drüber reden braucht

 

Im Idealfall muss Integration gar nicht thematisiert werden, weil sie einfach still und heimlich funktioniert. Weil man sich miteinander arrangiert und sich alle Beteiligten in ihrer Situation wohl fühlen. Das allerdings wird – nicht zuletzt wegen der Vorurteile fördernden Papierdeutschen in ihren Sackgassen – wohl noch eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen.

 

Thementage: Integration

Bild: Jan Henrik Dobers / www.jugendfotos.de
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Alle Bundesbürger sind deutsch, nur manche sind deutscher?

Um diese Frage ging es bei den Thementagen: Integration. Nach vielen Schilderungen und Diskussionen wagen wir ein persönliches Fazit, verbunden mit einem großen Dankeschön an alle Beteiligten!

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Neues Leben oder Zwischenstation?

Bild: Inessa Podushko / www.pixelio.de
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Farid Gambar kam mit 13 Jahren nach Deutschland und meint: Integration macht nur Sinn, wenn man bleiben will.

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Foreigner - Forever

Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de
Bild: Maria Bock / www.jugendfotos.de

Ihr Name ist ausländisch, ihr Aussehen und ihre Familie ebenso. Ihre deutsche Aussprache ist tadellos und auch sonst verhält sie sich nicht anders als ihre deutschen Mitschülerinnen.

Egzona Hyseni lässt für unsere Thementage: Integration ihre Gedanken schweifen und stellt sich der Frage: Muss man einen Menschen auf die Herkunft herunterbrechen um ihn zu akzeptieren?

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Bild: Brecht Soenen / www.jugendfotos.de
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Bild: Julia Becker
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Deutschlands nicht vorhandene Willkommenskultur

Bild: Jennifer-Saalfrank / www.jugendfotos.de
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Was wollt ihr denn hier? Deutschland hält sich zwar für eines der attraktivsten Einwanderungsländer, steht aber Zuwanderung kritisch gegenüber.

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Neben- statt Miteinander?

Bild: Ariana Dima / www.jugendfotos.de
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Mit Laura Ilg hat sie über ihr Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, gesprochen.

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