Zwischen Millionenstadt und Nomadenland

 

Es fällt mir nicht leicht, über Syrien zu schreiben. Irgendwie ist es mir ein wenig peinlich, erst so lange Zeit nach meiner Syrientour überhaupt darüber zu schreiben – noch dazu, da die politische Situation momentan sehr heikel  ist. Oder besser gesagt: Gerade deswegen. Aber der Reihe nach.

Mit dem Rucksack durch Syrien

Als wir uns im Frühjahr 2008 bepackt mit einem kleinen Trekkingrucksack voller Gastgeschenke  am Stuttgarter Flughafen trafen, war uns allen bewusst was uns erwartet. Als Arabisch- und Islamkundestudenten waren wir auch durchaus erprobt im Bereisen von arabischen Ländern, doch die Tatsache, über einen Monat lang die syrische Lebensweise nicht nur zu beobachten, sondern zu erleben, war für uns alle neu. Wir waren keine Touristen, sondern Gäste einer syrischen Familie und das in einem Ort, wo es wahrscheinlich noch nie einen Europäer hin verschlagen hat.

Von der Millionenstadt ins Niemandsland und zurück

Geplant war, eine Woche in einem kleinen Hotel in Damaskus zu bleiben, dann mit dem Streckenbus über Palmyra nach Mayadin zu fahren, dort ein paar Tage Gast einer Familie zu sein, anschließend drei Wochen mit Nomaden in der Wüste zu leben und über einen Zwischenstopp in Aleppo mit dem Zug zurück nach Damaskus zu fahren. Geplant und organisiert wurde der Trip von unserem damaligen Arabischlehrer, ein Syrer, der Studenten zum Selbstkostenpreis (in unserem Fall waren das für die gesamte Zeit 170 Euro exklusive Flug) seine Heimat und den hiesigen Way of Life zeigen wollte.

Merhaba Suria!

Nach einer langen Tortur und den bereits erwarteten Einreiseschwierigkeiten standen wir dann also vor dem Flughafen von Damaskus und wurden gleich zu Beginn Zeuge von Syriens Spontanität. Unser bereits vorgereister Kontaktmann lag mit einer Grippe im Bett, und kündigte uns per SMS mit, dass er uns einen Shuttleservice organisiert habe, der uns am Flughafen  abholen würde.  Und tatsächlich wurden wir vor dem Flughafen von zwei Jungs abgeholt, die wir weder jemals gesehen oder von ihnen gehört hatten. Sie bugsierten uns samt Gepäck in einen alten Lieferwagen und chauffierten uns kreuz und quer durch die wirren Straßen von Damaskus, bis sie uns nach über einer Stunde quasi aus dem Auto warfen, weil wir das Ziel wohl erreicht hatten.

Funduk? Eina Funduk???

Freudig hupend fuhren sie davon. Da standen wir vier jungen Abenteuerhungrigen, mitten in der Nacht irgendwo in Syriens Hauptstadt und hatten keine Ahnung, wo wir waren, wo wir hinmussten und was wir tun sollten. Zudem waren die dunklen Gassen fernab jeglicher zentrumsähnlicher Gebiete alles andere als vertrauenserweckend. Erst als einer von uns seine Taschenlampe auspackte und dabei eine neugierige Katze verschreckte, konnten wir das kleine Schild erkennen, auf dem das arabische Wort „funduk“ stand. So verkehrt schien unser Aufenthaltsort also doch nicht zu sein. Endlich hatten wir in der dunklen Gasse die kleine Tür zum Hotel gefunden, das zwar  tatsächlich vorhanden, aber  nicht annähernd den Eindruck eines Hotels erweckte. Ein netter Portier führte die Damen in ein Zimmer mit Bad, die Herren in ein Zimmer ohne Bad, und überglücklich, endlich schlafen zu können fielen wir ohne uns überhaupt umzuziehen ins Bett.

- Natürlich werde ich jetzt nicht die ganzen fünf Wochen Schritt für Schritt durchgehen. Ich finde nur, dass der erste Eindruck, den man von einer Reise hat, die ganze restliche Reise extrem beeinflusst und deswegen habe ich unsere spektakuläre Anreise nicht auslassen wollen. -

Ein Leben in Damaskus

Die nächsten Tage verlebten wir ein wenig touristisch in Damaskus. Zwar ist Damaskus das touristisch am erschlossenste Gebiet des Landes, allerdings verirren sich sehr selten Europäer in die Haupstadt, und wenn, dann bleiben sie nicht allzu lange und sind alles andere als Individalreisende. Das Interesse an uns war echt, das merkten wir sofort wenn wir die klassischen Tourimeilen verließen. Wir marschierten erst in Vierer- dann in Zweiergrüppchen auf eigene Faust kreuz und quer durch die Stadt, wurden von nahezu jedem Passanten angesprochen und ausgefragt: Woher wir kommen, was wir hier machen, wie es uns gefällt und wie es in Europa wirklich aussieht. Natürlich folgte jedes Mal auch noch prompt eine Einladung zu einem gemeinsamen Glas Shai, was dazu führte, dass meine Blase bereits nicht mal einen Kilometer vom Hotel entfernt Druck machte, nur weil wir bis dahin von zig Familien zum Tee eingeladen worden waren.

Shai, Shai, Shai - Tuwalit!

Die Gastfreundschaft und das ehrliche Interesse an uns habe ich sehr genossen. Mir war es im Gegenteil zu manchen Mitreisenden völlig egal, ob ich die berühmte Omayyadenmoschee und den Souq Hamidiye überhaupt gesehen habe oder nicht, was dazu führte, dass wir oft alle einzeln unsere Wege gingen – was keinen von uns und schon gar nicht die Gemeinschaft nennenswert beeinflusste. Und so kam es, dass Philipp im christlichen Teil der Stadt eines der seltenen alkoholischen Getränke zu sich nahm, unser Historiker Gerhard mit den Studenten, die er auf dem Campus kennen lernte, das Volkskundemuseum besuchte, während Janina in einem Park ihr arabisch auffrischte und ich wahlweise in einer wunderhübschen Moschee mit jungen Frauen quatschte, in einer kleinen Werkstatt mit zwei Opas über die aussterbende Kunst der handgemachten Backgammonspiele mit Muschelornamenten diskutierte oder mich von einer Horde Schulkinder an deren Lieblingsorte der Stadt entführen ließ.

Entführt zu den Lieblingsplätzen

Gerade die Kinder waren es, die uns mit großen Augen geradezu belagerten. So kam es auch zu folgendem kleinen Zwischenfall: Janina und ich erklärten einer Horde Vorschulkindern mit unserem gebrochenen Syrisch-Arabisch sowie mit Händen und Füßen, dass der Satz „Das Geld liegt in Europa auf der Straße“ nicht wörtlich zu nehmen ist,  sondern eher bedeutet, dass die Menschen in Deutschland freie Wahlen, ein Gesundheitssystem und Schulbildung für alle haben und dass sie deswegen mehr Geld haben als die Menschen in anderen Ländern.

Regierungspitzel im Rücken

Leider unterschätzten wir dabei die syrischen Regierungsspitzel, die wenig später unseren Reiseführer besuchten und ihn fragten, was er für Unruhe stiftende Studenten angeschleppt habe. Zumindest er war froh, dass wir die kommenden drei Wochen unter der Sonne der syrischen Wüste bei Nomaden leben würden, wo in der Regel keine Spitzel zu erwarten sind. Hier möchte ich noch erwähnen, dass in Syrien überall das Porträt von dem verstorbenen Präsidenten Hafiz-Al-Assad und seinem Sohn Baschar al Assad zu finden ist: An Häuserfassaden, in Bilderrahmen in Geschäften, auf Fahnen an Regierungsgebäuden und so weiter.  Baschar Al Assad hatte damals, als wir dort waren, einen relativ guten Ruf, er hatte kurz nach seinem Amtsbeginn im Jahr 2000 Mobiltelefone und das Internet erlaubt,  seine in London aufgewachsene Frau trug auch in der Öffentlichkeit kein Kopftuch.

 

Diese kleinen Privatexpeditionen waren uns natürlich nur mit der Genehmigung unseres mittlerweile wieder genesenen Reiseführers Abd erlaubt, der uns ganz klar und eindeutig diverse Grundregeln ans Herz legte. Die wichtigste: Vertraut eurem Bauchgefühl! Die Zweitwichtigste: Seid auf keinen Fall herablassend! Dass das in keinster Weise nötig war, ist klar. Ich hätte mich noch wochenlang durch Damaskus quatschen und ziellos herumlaufen können!

Nichtsdestotrotz hieß es nach knapp einer Woche: Rucksack packen und weiterziehen. In einem Linienbus machten wir uns auf den Weg Richtung Mayadin, beschlossen unterwegs spontan auf eigene Faust eine Nacht in Palmyra zu bleiben, während Abd schon mal weiter zu seiner Familie fuhr.

Bei Taxifahrern in Tadmur zu Tisch...

Die Oasenstadt Tadmur glänzte zwar mit ihren alten römischen Ruinen, hatte aber wenige befestigte Straßen und wirkte auf uns – abgesehen von den manchmal hier auftauchenden Luxuslinern voller Rentnern, die in das Hotel direkt neben der alten Karawanenstraße wollten – wie eine Geisterstadt. Wir ließen uns von zwei Taxifahrern ein Hotel empfehlen und beschlossen, dass sie uns gleich am nächsten

Tag zu den Ruinen und der Burg chauffieren sollten (und anschließend zu deren Familien zum Essen eingeladen wurden). Glücklicherweise war einer der beiden Englischlehrer, denn in Palmyra konnten wir mit unserem brüchigen Hocharabisch und Französisch nicht viel anfangen.

Weiter in Mayadin ging das eigentliche Anti-Touri-Programm erst richtig los. Einquartiert bei der Familie von Abds Schwester blieben wir einige Tage und dienten als Animationsprogramm der drei Mädchen, als Haushaltshilfe der Schwester und als Deutschlehrer, denn die Kids wollten unbedingt ein paar Takte Deutsch lernen (im Gegenzug brachten sie uns noch etwas Arabisch bei).

... und auf dem Weg Richtung Irak

Eines Tages machten wir einen Bootsausflug auf dem Euphrat nach Dura Europos und verwirrten die vielen illegalen Fischer, die verbotener Weise entweder mit Sprengstoff oder mit Stromaggregaten Fische „fingen“. Sie dachten wohl, dass wir ein Polizeiboot wären, so schnell, wie sie verschwanden. Und da wir uns in der Nähe des Iraks befanden, kamen wir unterwegs tatsächlich an einer US-Kontrollstation vorbei!

Rüsten fürs Niemandsland

Die letzten Tage bei Abds Schwester herrschte helle Aufregung. Seit Tagen wurde unser Wüstentrip vorbereitet, auf der Terrasse Zelte, Wasserkanister, Essen und Co. eingelagert und dann war es auch schon soweit! Zwei Wochen verbrachten wir in der syrischen Wüste – es kam mir vor wie ein Wochenende. Man muss wissen: Die Zeit scheint in der ewigen Ruhe der Wüste stillzustehen. Oder besser: Die Zeit in der staubigen Landschaft mit den wenigen verlassenen Dornensträuchern existiert gar nicht erst! Gleich zu Beginn erwischte mich eine ziemlich heftige Fieberattacke, weswegen ich die ersten Tage gar nicht so richtig mitbekam und eher die Hitze in mir spürte als die Hitze um mich herum. Für Abds Schwester war klar, dass ich vom „Bösen Auge“ angegriffen wurde. Nach drei Tagen und seltsamen Nomaden-Heilmittelchen war ich dann aber wieder halbwegs fit.

Raum ohne Zeit

Wir hatten einen lockeren Tagesablauf aus Kaffee machen,  Brot backen, arabisch lernen und kochen, und dazwischen genossen wir die himmlische Ruhe, die warme Sonne und den leichten Wind, der sich hin und wieder auch mal etwas stärker zeigte. (Für mich ist es seitdem eindeutig klar, warum sich der Kopftuchtrend bei Frauen durchgesetzt hat: In der Wüste hab ich es nur mit dem Kopftuch gegen Sonne und Wind ausgehalten!)

Abends saßen wir am Feuer, rauchten Argila und sahen zum schönsten Sternenhimmel hinauf, den ich je gesehen habe. Später im Schlafsack wurden wir von einem Schäfer, der  seine Tiere neben unserem Lager grasen ließ, in den Schlaf gesungen.

Abenteuer Wüste

Hin und wieder bekamen wir Besuch von Abds Familie, einmal wurden wir für die verbotenen Muslimbrüder gehalten und fütterten die armen gequälten Esel, die die Schafherden begleiteten, mit unseren Essensresten. Wir entdeckten seltsame Reptilien, machten lange Ausflüge in die unendliche Wüste hinein, waren stolz auf unser Wüstenklo mit Solarlicht und suchten sogar Schokoladenostereier, die Gerhards Mutter ihm in den Rucksack geschmuggelt hatte. Und irgendwann wurden wir wieder abgeholt. Innerlich hatte ich ein wenig gehofft, dass der Busfahrer uns nicht mehr finden würde, denn auch hier hätte ich noch ewig bleiben können…

Nach großer Verabschiedungszeremonie hieß es gleich am nächsten Tag: Ab nach Aleppo! Die Rückkehr in das chaotische Stadtleben – oder überhaupt in die Zivilisation – war ganz schön anstrengend. Die lange Wüstenzeit hatte jeden unserer Truppe auf irgendeine unerklärliche Art verändert. Auch wenn ich der Wüste (bis heute!) noch nachtrauere, gefiel mir Aleppo auf Anhieb. Als Studentenstadt war sie etwas westlicher geprägt als Damaskus, aber trotzdem war der arabische Flair zu spüren (nicht unbedingt der islamische, das war wohl der größte Unterschied zu Damaskus). Die Jungs freuten sich zuallererst auf einen Besuch beim Metzger – der übrigens im Gegensatz zum deutschen Metzger durchaus noch  selber schlachtet – und das wenns sein muss mitten im Souq. Nicht selten wurden wir Zeugen vom letzten Schrei eines Hammels oder Schafs, das kurze Zeit später in allen erdenklichen Einzelteilen mitten auf der Straße feilgeboten wurde.

Kinder Aleppos

Auch in Aleppo wurden wir von ganzen Schulklassen belagert, ausgefragt und mit den Vesperbroten der Kinder gefüttert. Jedes Kind bestand darauf, ein Foto von uns zu machen, sowie bei uns auf den Speicherkarten der Fotoapparate zu erscheinen. Ein Erlebnis, das wir erst drei Jahre später so richtig begreifen sollten.


Seit es im April 2011 zum schlimmen Bürgerkrieg zwischen Baschar Al Assad und Aufständischen kam, kann ich nicht anders und muss genau diese Bilder der Kids immer und immer wieder anschauen. Sie sind chaotisch und durcheinander, voller Gesichter, Hände und Grimassen. Aleppo hat der Krieg besonders hart getroffen. Nach einem Bericht auf Spiegel Online brannte der historische Basar in Aleppo, wo die Hammel vor unseren Ohren starben, und wurde dadurch wohl komplett zerstört. In der Zitadelle, in der die vielen Kids uns mit ihren Pausenbroten fütterten und unbedingt fotografiert werden wollten, haben sich Assads Männer verschanzt. Sie gehen davon aus, dass die Rebellen sich sträuben, das geschichtsträchtige Weltkulturerbe anzugreifen. Viele Wohngebäude sind durch Maschinengewehrsalven beschädigt.

In den Ruinen von Palmyra, wo wir mit den Taxifahrern zusammengesessen hatten, hat Assads Armee einen Truppenstandort eingerichtet.

Es ist zutiefst erschreckend, die Bilder zu sehen, die immer wieder im Internet und in den Medien auftauchen. Leider ist mir diese Situation nicht fremd, bereits im Libanon-Israel-Krieg 2007 hatte ich Bekannte und Verwandte beider Parteien und hörte bei Telefonaten im Hintergrund, wie Bomben einschlugen. Im syrischen Bürgerkrieg ist es nicht viel anders: Abds Familie lebt seit über einem Jahr im Ausnahmezustand, nahezu alle Männer der Familie wurden von Regimetreuen "befragt" und mehrere Tage eingesperrt. Fließendes Wasser gibt es nur noch ein Mal täglich, die Schule ist meistens geschlossen.

Fragen über Fragen

Ich denke an die vielen Menschen, die wir in Syrien getroffen haben. Frage mich, wie es  Abds Familie und natürlich Abd selbst geht, der mittlerweile selbst eine Familie gegründet hat und hier in Deutschland alles in Bewegung zu setzen versucht, um auf die prekäre Situation seiner Heimat hinzuweisen. Leider ohne nennenswerten Erfolg. Ob sich die Taxifahrer und der Hotelbesitzer aus Palmyra wohl den Rebellen angeschlossen haben? Ob die beiden Opas aus der Backgammon-Werkstatt noch immer Perlmutt feilen? Nicht, damit sie es verkaufen können, sondern damit sie die blutigen Schlachten um ihr Land gedanklich in den Hintergrund drängen? Wie es wohl der (mittlerweile bestimmt nicht mehr schwangeren) Leila aus der Moschee geht? Und vor allem: Was denken all diese Menschen wohl über uns stupiden Deutsche, die zwar gerne mal zum Gucken kommen, aber nicht eingreifen, wenn sich ein Diktator systematisch an die Ausrottung seines Volkes macht?


Syrien in Bildern