Krabat - oder wo sind deine Eltern?

Was wirklich das Problem von Hauptschulen ist

Es sind Weihnachtsferien. Man sollte meinen, die Schüler sind in dieser Zeit an allem anderen interessiert, als in die Schule zu gehen, und trotzdem brennt im baden-württembergischen Metzingen am 17. Dezember Licht in der Hauptschule.

Vorweihnachtliche Aufregung

Bild: Julia Becker
Bild: Julia Becker

Es herrscht eine feierliche Stimmung und eine Menge Spannung in den Schulräumen. Im Musiksaal der Neugreuth-Hauptschule warten liebevoll dekorierte Tische mit Kaffee, Plätzchen und Obst auf das Publikum der Generalprobe zu Ottfried Preusslers Krabat, zu dem sogar einige Pressevertreter erschienen sind. Die Generalprobe des ersten Aktes wollte den Eltern einen Einblick in die teilweise harte Arbeit ihrer Kinder gewähren, welche seit Monaten für das Stück üben. Die aufgeregten Jungschauspieler der 7. Klassen sind teilweise in ihren Manuskripten vertieft, teilweise in eine Schneeballschlacht vor der Schule verwickelt. Kurz nach 17 Uhr rufen Klassenlehrer Stephan Gerhauser und Theaterintendant Dr. Horst Laubner ihre Schützlinge zusammen, geben letzte Anweisungen, dann kann es los gehen.

Theater mit Konzentrationsübung

Nach einer kurzen Begrüßung der Konrektorin der Schule, Waltraud Haas, treten zwei Mädchen auf die Bühne und geben eine kurze Inhaltsangabe des Stückes „Krabat“ unisono wieder. Mit vielen musikalischen Einlagen unter Schirmherrschaft der ehemaligen Musiklehrerin Sigrid Müller kommt das Stück in Schwung. Bis zu 14 Schüler haben auf der Bühne gleichzeitig eine Rolle. Das verlangt viel Konzentration - Konzentration, die in den ersten Minuten verflogen ist.

Es wird unruhig, gekichert und geflucht, die pausierenden Rollen Lachen oder führen Privatgespräche und stören dabei die Akteure. Laubner unterbricht, spricht ein ernstes Wort und ruft alle Schüler zu einer Konzentrationsübung zusammen. „Sehr viele Schüler können einfach nicht ruhig sitzen und sich konzentrieren. Auch das einfache Zuhören ist für viele problematisch. Das Gegackere geht schon los wenn sich einer nur geringfügig verspricht, dann ist es sehr schwer sie wieder zu beruhigen.“ so Laubner später. „Es ist aber mit der Zeit schon viel besser geworden“, fügt Gerhauser hinzu, und Haas nickt zustimmend.

Die Lehrer kennen ihre Schützlinge. Und wirklich - nach den Entspannungsübungen und einem erneuten Beginn des Stücks klappt alles hervorragend. Der Text sitzt, obwohl er teilweise lange Sprechszenen mit vielen nicht mehr umgangssprachlichen Wörtern beinhaltet, ohne ein Spickeln auf das Manuskript. Ebenso die Liedtexte, teilweise auch Soli, welche die Sänger mutig und sicher vortragen, die Bewegungen noch nicht ganz so sicher, aber erkennbar.

Krabat im Glück

Bild: DJmorway /sxc.hu
Bild: DJnorway / sxc.hu

Eine dreiviertel Stunde lang ist der letztlich doch noch sehr gelungene erste Akt, der Applaus tut den strahlenden Gesichtern sichtlich gut. Hauptakteur Krabat bedankt sich im Namen seiner Mitschüler für den Applaus und entschuldigt sich für die anfänglichen Schwierigkeiten. Der Applaus wird noch lauter. Doch schnell ist der Zauber wieder verflogen, der Saal ist innerhalb kürzester Zeit fast leer.

Etwas orientierungslos wissen die Jungschauspieler nicht, was sie von der Situation halten sollen. Denn: Die liebevoll gedeckten Tische warteten umsonst. Zwei Elternteile waren zur Elterngeneralprobe gekommen, zwei von 21 Schülern. Die Leiter des Theaterprojekts teilen die Enttäuschung ihrer Schützlinge sichtlich. Als sie bei den Kindern nachfragen, warum ihre Eltern nicht gekommen seien, kommen unterschiedliche Antworten: „Die haben Weihnachtsfeier“, „müssen arbeiten“, „auf die Schwester aufpassen“, „haben keine Lust“, „wollten eigentlich kommen, weiß auch nicht wo die sind“ oder „meine Mutter ist im Fitnessstudio“. Blankes Entsetzen macht sich auf Laubners Gesicht breit. Er möchte übers Wochenende all jene, die nicht da waren, anrufen.

motiviert, interessiert, ignoriert

Die Lehrer und Betreuer des Projekts sind stolz auf ihre Schüler. „Es ist erstaunlich, wie sie teilweise über sich hinauswachsen! Man kann richtig zusehen wie sie ihre Persönlichkeit bilden, sich ausprobieren und mit Freude in fremde Rollen schlüpfen. Natürlich wächst da auch das Selbstvertrauen für den Einzelnen und die gesamte Klasse“ meint Stephan Gerhauser, der Klassenlehrer. Auf die Frage, warum die Eltern so wenig Interesse an ihren Kindern zeigen, kann auch er keine Antwort geben. Wirklich neu ist ihm das allerdings nicht. Nicht selten saß er bei einem Elternabend alleine im Klassenzimmer. Wenn ein Schüler Probleme mit dem neuen Lebenspartner der Mutter hat oder Wünsche äußert, vertrauen sich die Schüler lieber ihrem Klassenlehrer an, als ihren Eltern. Gerhauser berichtet beispielsweise von einem Fall, bei dem ein 14-jähriger Schüler gerne einen Sportkurs belegen wollte, seine Eltern ihn aber nicht ließen. Er solle lieber seinen Computer benutzen, immerhin habe man den extra für ihn angeschafft. Ein Mädchen durfte nicht in den Chor, da sie nicht so viel Zeit mit „den Strebern“ verbringen sollte. Und zu guter Letzt ist es Gerhauser mit seinen Kollegen, der – in seiner Freizeit und bei eigener Verantwortung – mit Kuchenständen und selbstgebasteltem Nippes Geld für Schulausflüge sammelt.

Mehr Lehrer als Eltern bei einer Vorstellung. Ist das normal?

Bild: Julia Becker
Bild: Julia Becker

Dass die Eltern der Kinder die Erziehung komplett an die Lehrer abgegeben haben, will er nicht aussprechen. Trotzdem sei das Interesse der Eltern nicht immer an der schulischen Leistung und den Bedürfnissen der Kinder orientiert. So auch bei der Krabat-Generalprobe. Dass mehr Lehrer als Eltern bei der Elternprobe anwesend waren ist traurig, umso wichtiger für jeden einzelnen der Jungschauspieler ist das Vertrauen in ihre Betreuer. So viel Engagement der Lehrer des Projektes, welche dies alles in ihrer Freizeit und ehrenamtlich machen, sowie Dr. Horst Laubners und Sigrid Müllers unendliche Geduld bei den teilweise chaotischen Proben, zeigt den Schülern, dass sie sehr viel erreichen können, wenn sie nur wollen und nicht bei kleinsten Rückschlägen sofort aufgeben.

 „Einige Schüler waren bestimmt enttäuscht, gerade weil ihre Eltern eigentlich kommen wollten. Doch wie man gesehen hat, spielen sie gerne Theater, auch ohne Publikum. Da die Lehrer voll und ganz hinter dem Projekt stehen und jeden nach seinem Potential fordern und fördern, gibt ihnen das eine ganze Menge.“ Der Zusammenhalt den das Projekt innerhalb der Klasse entwickelt hat, war auch bei der Generalprobe zu spüren. Die Kids und die Lehrer sind sich einig: Auch für das nächste Schulprojekt werden gerne Überstunden in den Ferien geschoben, „denn Theater“, so Krabats Meister, „macht einfach Spaß!“ Egal ob mit oder ohne Eltern.