Am dünnen Seil zum stabilen Ich

Wie die Tübinger Psychiatrie ganz neue Wege geht, um ihren Patienten zu helfen

Marcus Hegwiesel* ist sehr zurückhaltend. Er spricht nur wenig und drückt sich lieber im Abseits herum, während der Rest der Truppe zusammensteht und die Lage bespricht.


Bild: Julia Becker

Ida Bergmann vermutet, dass er sich ritzt, sich also mit einem scharfen Gegenstand selbst Verletzungen zufügt. „Das Pflaster auf dem Arm spricht für sich.“

Als Patienten der akuten Psychiatrie lernen Ida Bergmann, Markus Hegwiesel und all die anderen schnell, kleinste Anzeichen und Hinweise auf den jeweiligen Gesundheitsstand zu schließen. Und trotzdem ist es letztendlich egal, warum sie sich an einem Ort trafen, der im Volksmund als „geschlossene Abteilung“ bezeichnet wird.

Am Wiesfelsen in St. Johann auf der schwäbischen Alb jedoch steigt Marcus ganz frei einfach drauf los. Schnell, mit vollem Einsatz. Er fühlt mit den Füßen. Die 25 Meter hohe Felswand wirkt, wenn man ihm zusieht, wie ein Klacks. Dabei ist er der Einzige, der sie heute komplett erklimmt- zweimal hintereinander.

Erlebnistherapie statt Klinikfrust

Patienten wie Hegwiesel sind ein Paradebeispiel für den Erfolg der Erlebnistherapie, welche die Tübinger Psychiatrie seit sieben Jahren gezielt für Erwachsene anbietet. Ein Erlebnis im therapeuthischen Sinne ist dabei nicht nur mit Adrenalinkicks zu vergleichen. Die Abwechslung vom tristen Klinikalltag kann sich schon alleine durch einen Hund auflockern, der auch an diesem Klettertag freudig schwänzelnd zwischen den Kletterern herumwuselt, sich seine Streicheleinheiten abholt und ein Lächeln nach dem anderen verteilt.

Eine Erlebnistherapie ist also mehr: Neben dem Klettern werden für die Tübinger Patienten der verschiedenen Krankenstationen weitere Aktivitäten wie Kanu fahren, Radtouren, oder einfach das Pflücken von Obst zur Marmeladen- oder Sirupherstellung angeboten.

Doch angefangen hat alles mit dem Klettern. Wöchentlich fahren die Patienten mit ihren Betreuern entweder in die Hirschauer Kletterhalle oder zur Paul Horn-Arena. 1400 waren es bis jetzt.

„Für Menschen wie Hegwiesel ist Klettern eine große Hilfe, zurück ins Gleichgewicht zu finden“, meint Alfred Mollenhauer, Betreuer der akuten Psychiatrie. Zusammen mit neun Teamkollegen plant und organisiert er diese Aktivitäten.

Offenes Denken in geschlossener Station

Bild: ohsosi /sxc.hu
Bild: ohsosi /sxc.hu

Der Alltag auf der Station sei häufig langweilig und trist, die Zimmer meist klein und das düstere Milieu trägt laut Norbert Doll ebenfalls nicht zu einer Gemütsverbesserung bei. Unter dem Motto „Besonders in einer geschlossenen Station sollte man offen denken“ kam die Idee auf, das Natürliche im Alltag hervorzuheben. Ein Milieuwechsel in den Wald, ein Lagerfeuer oder eine Schneewanderung kann bei den Patienten wahre Wunder bewirken. Es sei allein ein großer Unterschied, ob der Betreuer seinen Hund dabei habe oder nicht. Die Menschen reagieren selbst auf kleine Formen tiergestützter Aktivität komplett anders, gehen mehr auf das Tier, und später auch auf andere Menschen ein. Genau das ist auch beim Klettern wichtig: Immerhin muss man nicht nur an seine eigenen Kräfte vertrauen, sondern sich auch auf denjenigen verlassen können, der am Fuße des Felsens steht und sichert.

Zu der Idee kam es durch Zufall. Vor acht Jahren fragte der damalige Oberarzt der Psychiatrie, Prof. Dr. Henner Giedke, in einer Besprechung, was man mit den Patienten aller Stationen machen könne, um ihnen ein aktives therapeutisches Angebot bieten zu können. Mollenhauer, der gerade am Wochenende zuvor mit seinem Sohn im Donautal klettern gewesen war, meinte scherzend, dass er auch mit den Patienten klettern gehen würde.

Ein Testversuch wurde gestartet und das Projekt glückte auf Anhieb. Seit auch die rechtlichen Hürden genommen waren, wird das Klettern als Therapieform angeboten. Es bildete sich ein zehnköpfiges Kletterteam aus Betreuern, die zweimal im Jahr nach den neuesten Richtlinien des deutschen Alpenvereins (DAV) ausgebildet werden.

Nach der Konzeptvorstellung und einigen Verhandlungen mit dem Klinikverwaltungsleiter Manfred Fahrner erfolgte die Neuanschaffung der Kletterausrüstungen und der Fahrräder. Unterstützung in Form von Kletterschuhen erhielt die Klinik von einer Praktikantin aus Österreich. Die anfängliche Angst, Patienten könnten entwischen oder sich oder anderen willentlich Schaden zuführen, konnten Mollenhauer und Doll schnell zerschlagen. Beide kennen ihre Patienten gut und nehmen nur diejenigen mit auf Ausflüge, denen sie das körperlich und geistig zutrauen.

Die Tübinger Psychiatrie hat mit dieser Therapieweise in Form und Umfang Neuland betreten, denn sie ist deutschlandweit einzigartig

Obwohl einige Patienten extra wegen diesen Angeboten nach Tübingen kommen, schreitet der Nachahmungsprozess sehr langsam voran. Viele Kliniken schrecken vor den rechtlichen Auseinandersetzungen, den Kosten und aus Bequemlichkeit zurück. „Wir geben regelmäßig Seminare über unsere Erfahrungen mit der Erlebnistherapie in anderen Psychiatrien und hoffen so auf Nachahmung.“, so Norbert Doll, der ebenfalls als Betreuer auf dem Wiesfels dabei ist. Verschiedene Kliniken in Deutschland prüfen das Klettertherapieangebot, und in einigen Fällen gibt es inzwischen Ansätze zur Klettertherapie.

Der Erfolg dieser außergewöhnlichen Maßnahme zeigt sich bei jedem Patienten auf andere Weise. „Die eigene Erkrankung rückt in den Hintergrund. Jemand, der sich beispielsweise selbst verletzt, steht unter einem Zwang. In den meisten Fällen tut er dies, um sich zu spüren, da viele die innere Verbindung zu sich selbst verloren haben.“, so Mollenhauer. „Beim Klettern jedoch ist der Körper gefragt, der Patient spürt sich wieder und an diesem Tag kommt es bei dem Betroffenen zu keiner Selbstverletzung.“ Sei es durch das Glücksgefühl, wenn man das Ziel und damit die Aussicht erreicht hat, sei es der Muskelkater am nächsten Morgen.

Warten auf den Klettertag


Bild: Julia Becker

Beim jährlichen Echtfelsklettern in St. Johann meldeten sich diesmal sieben Patienten an. Unter ihnen auch Benjamin Belke. Er ist regelmäßig bei den Kletterausflügen dabei. Der 44 -Jährige hatte Erfolg im Beruf, Glück in der Liebe und bekam trotzdem scheinbar über Nacht akute Depressionen. Durch das Klettern bekam er „Mehr Mut zu sich selbst“. Für ihn ist es ein neues Hobby. Auch nach dem stationären Aufenthalt möchte er mit dem Klettern weiter machen, hat sich sogar eigens dafür eine komplette Kletterausrüstung angeschafft. „Ich warte eigentlich die ganze Woche auf den Donnerstag, das ist Klettertag.“ Ida Bergmann geht es genauso. „Ansonsten sitze ich nur alleine Zuhause oder in der Anstalt rum und lese“, sagt sie. Im Gegensatz zu Belke beteiligt sich die spielsüchtige Bergmann auch an anderen Programmen. Letzte Woche war sie Kanu fahren. Heute steht sie entmutigt vor dem Wiesfels und blickt den Hang hinauf, wo sie hoch soll. „Da komm ich nie hoch. Nie im Leben!“ Alfred Mollenhauer grinst. Aussagen wie diese hört er oft. Doch er schafft es meistens, seine Patienten aufzubauen, gibt ihnen Tipps von unten und koordiniert die Schritte. Keine zwanzig Minuten später strahlt Ida Bergmann vom Gipfel des Hangs hinab. Diese Etappe hat sie geschafft.

 

*Alle Namen geändert.

Dieser Artikel erschien am 21. August 2009 auch im Reutlinger General-Anzeiger.