Das erste Happy End

Bild: Hannah-Svanteson / www.jugendfotos.de CC-Lizenz(by-nc)
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Eigentlich kann es losgehen. Der Kaffee ist fertig, Namensschilder und Ordner stehen bereit, die Tische sind bestückt mit Stiften und Papier. Rund ein halbes Dutzend Helfer gehen noch einmal den Ablauf durch oder unterhalten sich mit den freiwilligen Dolmetschern. Mit Spannung erwartet werden die Hauptprotagonisten an diesem Mittwochmorgen: 33 Männer, welche seit nicht einmal 24 Stunden als Asylsuchende ihr neues Quartier in der Stadt bezogen haben und nach einer langen Flucht nun hoffen, in Deutschland bleiben zu können

 

Gelebte Willkommenskultur

 

Bild: Privat
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Als die Neuankömmlinge dann etwas zögerlich in das Gemeindehaus eintreten, herrscht sofort eine neugierige Stimmung - sowohl bei den Asylsuchenden, als auch bei den Helfern des Arbeitskreises Asyl. Doch sobald alle einen Platz gefunden haben, überwiegt die Zuversicht. Schnell werden noch die freiwilligen Dolmetscher an den Tischen verteilt, dann übernehmen Andreas Meininger*, Sprecher des Arbeitskreises Asyl sowie der Sozialarbeiter Jochen Wedner* das Wort - Meininger auf Deutsch, Wedner auf Englisch, die Dolmetscher simultan in die jeweilige Herkunftssprache. Meininger heißt die Männer im Namen des Freundeskreises herzlich willkommen und erklärt nicht ohne Augenzwinkern die Grundzüge der "German Gründlichkeit": Ordnung, Pünktlichkeit und Toleranz. "Männer und Frauen sind zum Beispiel gleichzeitig im Schwimmbad. Das ist hier so. Das völlig normal und es wird erwartet, dass Sie das akzeptieren." Und: "Sie sind hier in unserer Stadt willkommen - aber es liegt an Ihnen, wie lange das so bleibt. Bitte seien Sie höflich und kommen Sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt." Klare Worte gleich zu Beginn. Heftiges Nicken und Einverständnis in den Gesichtern der Asylsuchenden.

 

Ein erstes Happy End

Als wenig später jeder Asylsuchende seinen eigenen Ordner mit wichtigen Informationen und gleichzeitig auch die erste Chance auf Ordnung beim Asylantrag bekommt, ist die Stimmung nahezu euphorisch. Eifrig werden gemeinsam mit den freiwilligen Arbeitskreismitgliedern Stadtpläne studiert, Fragen gestellt und beantwortet, gescherzt und gelacht. Allesamt scheint man sich auf die gemeinsame Zeit zu freuen. Wäre da nicht die Gewissheit, dass das eigentlich Ziel, nämlich ein Bleiberecht, noch in so weiter Ferne ist - man käme fast auf die Idee, diese erste Zusammenkunft in der neuen Bleibe der Asylsuchenden wäre bereits ein Happy End.

 

33 Menschen mit 33 Schicksalen

Bild: Privat
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In gewisser Weise ist es das auch, wie stellvertretend drei Geschichten beweisen: Ibrahim* zum Beispiel, einst erfolgreicher und wohlhabender Geschäftsmann in Damaskus, hat sich durch den Bürgerkrieg nach sehr langem Zögern auf den langen und komplizierten Weg nach Deutschland gemacht, um von hier aus seine kranke Frau und seine vier Kinder in Syrien zu unterstützen. Eine Reise hierher wäre für die restliche Familie zu strapaziös gewesen. "Wenn ich mit meiner Frau telefoniere sagt sie immer, alles sei ruhig und ihnen gehe es gut, doch ich höre nicht nur die Angst in ihrer Stimme und meine Kinder im Hintergrund weinen, ich höre auch die Schüsse in der Ferne." erzählt er in bestem Englisch. "Natürlich mache ich mir große Sorgen um sie." Ibrahim möchte in Deutschland selbstständig werden, seine Familie in Syrien unterstützen und Geld sparen, um irgendwann wieder zurück in sein Heimatland zu gehen.

 

Die eigene Tochter noch nie gesehen

 

Weil Eldin* wegen seinem Studium seinen Militärdienst hinauszögerte, bald jedoch gegen seinen Willen von Assads Armee eingezogen wurde und sich bei einem Offizier freikaufen musste, beschloss er in einer Nacht- und Nebelaktion mit seiner schwangeren Frau zu fliehen. Doch Eldin wurde als Fahnenflüchtiger erwischt und verhaftet, seine Frau durfte gehen. Nach einigen Wochen ließ sich ein Gefängniswärter bestechen, und Eldin konnte fliehen. Seine Frau jedoch musste er zurücklassen. Über ein Jahr dauerte sein Weg nach Deutschland, mittlerweile ist seine Tochter auf der Welt. Eldin hat sie bisher nur auf Fotos sehen können, ist aber soweit es das Internet in Syrien zulässt, täglich mit seiner Frau per Skype und Whatsapp in Kontakt. So schnell wie möglich möchte er ein neues Leben beginnen, Deutsch lernen, Freunde finden und Frau und Tochter nachholen.

 

Dem Giftgasangriff entkommen

Auch das Schicksal von Yasin lässt kaum jemanden kalt. Der Syrer ist gerade mal 18 Jahre alt und musste im Bürgerkrieg mitansehen, wie sein kleiner Bruder erschossen wurde und seine Kommilitonen bei einem Giftgasangriff qualvoll umkamen. "Entweder erstickten sie oder starben, weil sie panisch aus dem Fenster sprangen", erzählt Yasin mit monotoner Stimme. Nur wenige, darunter Yasin, überlebten den Angriff leichtverletzt - ob dieser von Assads Regime oder von Assad-Gegnern ausging, weiß Yasin bis heute nicht. Vor diesem Hintergrund kein Wunder, dass der junge Erwachsene erstmal ankommen möchte.

 

Mit Sicherheit lassen sich mit den ganzen Geschichten dieser 33 Männer ganze Bücher füllen. Doch so sehr sie an ihrer Vergangenheit zu leiden haben, so positiv blicken sie nun nach vorne. Sie sind in Deutschland, sie haben es geschafft. Als die Runde sich nach knapp drei Stunden auflöst, packen alle mit an: Gläser und Tassen werden in die Küche gebracht, Stühle und Tische zusammengestellt, alles klar Schiff gemacht. Es fallen Sätze wie "Thank you so much for your time!", "I'm happy to become a member of your wonderful town" oder, wer weder des englischen noch französischen mächtig ist, zeigt seine Freude eben auf seiner Heimatsprache mit Unterstützung von Händen und Füßen. Nach und nach verabschieden sich die Männer von den Helfern, nahezu fröhlich und motiviert.

 

Die Angst vor der Warteschleife

Bild: Malte-Tiedemann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc)
Bild: Malte-Tiedemann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz (by-nc)

"Warten wir erstmal die ersten Wochen ab", rät Sozialarbeiter Jochen Wedner. Er ist ein alter Hase in diesem Job und kennt die stereotypischen Abläufe ganz genau. "Motiviert sind sie auf jeden Fall. Doch bald kommen die ersten Termine auf den Ämtern, der Papierkrieg, erste Rückschläge - dann noch das Heimweh und bei vielen auch der Erfolgsdruck. Bei diesen hier zum Beispiel", Wedner zeigt auf einige der ordentlich zusammengeräumten Namensschilder, "erkennt man am Vornamen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Erstgeborenen und damit die Hoffnung der ganzen Familie sind. Viele Familien haben für den Ältesten alles Geld zusammengelegt, um die Schlepper- und Schleuserbanden zu bezahlen." Um die 10.000 Euro im Schnitt mache das aus, je nach Herkunft. "Menschen, die hierher kommen, kommen in der Regel aus der Mittelschicht, also wie du und ich. Arme können sich das Geld für die vielen Schlepperbanden nicht leisten und sind in der Regel diejenigen, die in den Flüchtlingscamps landen", erklärt Wedner, der aus einer Mischung aus fachlicher Sachlichkeit und empathischer Zuversicht mit Herz und Seele seinen Job zu leben scheint. "Sind sie dann erstmal in Europa angekommen, haben sie es geschafft. "Bintu" nennt sich das in der Umgangssprache, nach dem englischen "have been to", also "dort gewesen"."

Gemeint ist Europa. Quasi der Ritterschlag. Das Happy End oder zumindest der erste Schritt zu einem Leben, das viele als "normal" und "durchschnittlich" bezeichnen würden. Es kann losgehen.