Was man braucht, kann man kaufen...


Bild: Isi Fischer / www.jugendfotos.de

... aber was, wenn man kein Geld ausgibt?

 

Gute Frage dachte ich mir, und probierte es einfach aus. Eine Woche lang, beginnend mit dem europäischen Kauf Nix-Tag, war oft einige Improvisationskunst und enorme Selbstbeherrschung gefragt – nach erstaunlich kurzer Zeit aber wollte ich dieses Gefühl nie mehr missen.

 

1. Erfahrung: Nackt. Leer. Hilflos ohne Piepen

 

Der Anfang war das Schlimmste. Zwar tröstete ich mich der Aktionstag und das damit verbundene Kollektivbewusstsein über den vorübergehenden Tod meines Geldbeutels hinweg -  Doch nachdem ich am Morgen feierlich die letzten Scheinchen und Münzen an meine Sparschweine verfütterte, war der riesige Beutel quasi nutzlos. Es war sehr unangenehm, ohne Geld das Haus zu verlassen. Was, wenn ich plötzlich irgendwas kaufen muss? Was, wenn ein Notfall eintritt?

Bis heute kann ich mir nicht erklären, wieso ich mit Geld mehr Sicherheit verbinde als zum Beispiel mit meiner Krankenkassenkarte oder dem Personalausweis. All das blieb nämlich ebenfalls zu Hause, obwohl ich es ja hätte mitnehmen können. Doch alle Karten ließ ich ohne schlechtes Gewissen liegen, nur das Geld habe ich nahezu zwangsneurotisch vermisst.

Mit der Zeit aber gewöhnte ich mich dran. So sehr sogar, dass ich selbst meine Handtasche nutzlos fand und zuhause ließ, da bisher dort immer der Geldbeutel drin war. Das bisschen Taschentuch, den Schlüssel und das Handy ließ sich viel leichter in den Jackentaschen verstauen.

 

2. Erfahrung: Brauchst du Geld? - Mitleid

 

 
Bild: Konstantin Zirwick / www.jugendfotos.de

Manchmal habe ich fast ein klitzekleines bisschen ein schlechtes Gewissen: Was meine Mitmenschen mit mir so alles mitmachen müssen! So langsam aber vermute ich, dass ich so schnell niemanden mehr mit meinen kuriosen Ideen überraschen kann. Jedenfalls war von Freunden, Kollegen und vor allem von meiner Familie bei der Schilderung meines Projektes vor allem der Hintergrund wichtig zu erklären. Nein, ich brauche kein Geld. Nicht, weil ich genug habe (wann hat man das schon), sondern weil ich es nicht brauche. Ich BRAUCHE es nicht! Zumindest wollte ich genau das sagen können, ob es wirklich klappt wusste ich ja noch gar nicht. 

Trotzdem griff ich natürlich gerne auf die kleinen Gemeinschaftssnacks, die plötzlich im Büro auftauchten zurück und weiß ich es sehr zu schätzen, dass mich meine Kollegin auf einen Kaffee und mein Kumpel mich auf einen Glühwein eingeladen hätte, und dass ich jederzeit einen finanziellen Rettungsschirm von meinen Eltern bekommen hätte, hätte ich es wirklich benötigt.

 

3. Erfahrung: Jagen und Sammeln – die Ernährungsfrage

 

Um beim buy nothing-Selbstversuch nicht zu schummeln, habe ich im Vorhinein keinerlei Vorräte besorgt. „Mal sehn was passiert!“ war die Devise und soweit ging auch eigentlich alles gut. Bis das Brot leer war. Ich wich auf Müsli aus - bis die Milch leer war. Dann begann die Tauscherei. Und das lief erstaunlich gut!

Schnell wurde in meinem Umfeld eine neue Währung eingeführt: Nahrung gegen Nahrung. Besonders gut im Kurs: Selbstgemachtes. Schon immer bekomme ich zum Beispiel von einem Dozenten der Lehrmolkerei der Universität Hohenheim selbstgemachte Butter geschenkt, die sonst wegen „einfach zu viel“ weggeworfen wird. Die 500 Gramm-Klötze stapelten sich bereits im Tiefkühlfach, und da ich sehr viel lieber Alsan esse, waren sie also definitiv zu entbehren. Auch das im Frühjahr eingemachte Bärlauchpesto und die eingeweckten Pflaumen- und Apfelmusgläser ließen sich gegen Frischobst, Milch und Mehl eintauschen, für ein Fläschchen Most bekam ich Gemüse und Nudeln… und wenn ich etwas nicht behalten mochte, konnte ich es immer noch an anderer Stelle wieder gegen etwas anderes eintauschen. Sensationell, wie das funktionierte!

Dann eine tiefgreifende Erkenntnis: Ich, wo ich mich eher als spontan, flexibel und weit weg von festgesetzten Ritualen glaubte, ertappte mich genau an diesem Punkt. Auch ich bin ein Gewohnheitstier! Ist kein Brotbelag mehr da, muss neuer gekauft werden. Auf die Idee einfach etwas anstelle eines Väsebrotes zu essen, wäre ich ohne das Projekt nie gekommen.

Also: Weg mit den festen Essgewohnheiten! Statt Väse auf dem Brot gab es selbstgemachten Linsenaufstrich (nach Rezeptempfehlung einer Leserin) und Marmelade (esse ich sonst selten), statt gekauftem Brot wurde selbst gebacken (mehr dazu im Fazit) und statt einem immer gleichen Menüplan standen plötzlich Impro-Kochkünste auf dem Speiseplan. 

 

4. Erfahrung: Das schlechte Gewissen – Zahlungsaufschub und andere Probleme

 

Irgendwann kam er dann doch, der Moment, in dem Cash gefordert wurde. Sanft zwar nur, aber es war mir ein Beweis dafür, dass es ganz ohne Geld nicht gehen wird. Zum Einen kam die erste Versicherungsrechnung fürs kommende Jahr. Kein Problem, die lässt sich wunderbar eine halbe Woche auf dem Schreibtisch parken. Zum Anderen wurde für ein Abschiedsgeschenk eines Kollegen gesammelt. In diesem Fall zeigte die geldeintreibende Kollegin glücklicherweise Verständnis für mein Kauf nix-Projekt und gewährte mir einen Zahlaufschub bis nach Versuchsende, ganz stilvoll mit Schuldschein. Nachdem mein Geldboykott vorbei war, konnte ich es wirklich kaum erwarten, meine Schulden zu begleichen.

Zudem kamen mir erst im Laufe des Versuchs manche Fragen erst auf. Was ist eigentlich mit den Handygebühren? Sobald ich jemanden anrief, gab ich ja auch Geld aus. Zwar nur Centbeträge, aber immerhin. Miete, Strom und Co. ließen sich da schon leichter verdauen, da es sich hier um pauschale Monatsbeiträge handelt. Und wie sind Einladungen zu deuten? Heißt Geldverzicht, dass auch jemand anderes für mich nichts ausgeben darf oder ist ein spendierter Glühwein (der mir auch ohne Geldverzicht spendiert worden wäre) schon zu viel?

Ein weiteres Problem war eine plötzliche Grippeinfektion, die mich eiskalt zur Halbzeit heimsuchte. Komplett ans Bett gebunden – man muss die Dinge ja positiv sehen – kam ich wenigstens nicht in Versuchung irgendetwas zu kaufen, doch hätte ich einen Arzt besuchen müssen, wäre ich unter keinen Umständen an der Praxisgebühr und eventuellen Medikamentenpreisen vorbei gekommen. In diesem Fall fühlte ich mich allerdings so Elend, dass ich unter keinen Umständen das Haus hätte verlassen können, ein Arztbesuch blieb also aus.

 

Fazit: Nichts ist unmöglich!

 

Ehrlich gesagt hätte ich einen so reibungslosen Geldverzicht nicht erwartet. Anfänglich war ich sogar fast ein bisschen enttäuscht. Durch die Grippe musste ich nicht mal eine Alternative zum Tanken finden, auch wenn ich dafür auch schon eine Lösung parat gehabt hätte. Meine Armbanduhr, die stehen blieb, ist auch jetzt noch leer, sie wird einfach nicht mehr benutzt, die Handyuhr tut es genauso.

Die größte Sorge hatte ich allerdings vor der Essensbeschaffung - hier hatte ich mich anfänglich schon beim Containern gesehen. Von wegen! Beim ersten Supermarktbesuch mit vollem Geldbeutel bekam ich fast die Krise von den Menschen, die scheinbar blind doppelt so viel in ihre Einkaufswägen werfen als sie wirklich brauchen.

Die Tauschereien haben sogar so viel Spaß gemacht, dass ich jetzt noch davon lebe. Ein bisschen stärkt mich das Gefühl, dass ich mit meinem Projekt auch das Konsumbewusstsein der vielen "konventionellen Käufer" geschärft habe, dass sie plötzlich ganz scharf auf Selbstgemachtes waren. Ich weigerte mich nämlich strikt, dass die Tauschpartner erst etwas kaufen müssen, was sie dann mit mir tauschen können, sondern dass sie sich selbst Gedanken darüber machen, was sie von ihren Vorräten entbehren können.

Außerdem brachte mich das Brot backen in Puncto Rebound-Effekt zum Grübeln. Ist es sinnvoller, Energie für den Herd und Wasser für die Sauerei zu verbrauchen anstatt Brot zu kaufen? Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken machen müssen!

Wenn man nicht zu einem ungewohnten Verhalten gezwungen wird, kommt man niemals auf die Idee, überhaupt darüber nachzudenken, ob etwas anderes eigentlich mehr Sinn macht.

Irgendwo zwischen Alltag und Kantine ist bei sehr Vielen der Bezug zum Essen wohl vollkommen verloren gegangen und ich musste mir eingestehen, dass das zumindest in Sachen Brot und Käse auch bei mir der Fall war.


Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de

Das Ergebnis also nach einer Woche ohne Geld: Sofern man sich auf Änderungen einlässt, Gewohnheiten ablegt und genug Mut hat um mit unüblichen Fragen auf andere Menschen zuzugehen, ist eine Woche ohne virtuellem und analogem Geld durchaus machbar. Die Folgen werden einem erst im Nachhinein bewusst, was wohl auch gut so ist. Situationen wie ein Kneipen- oder Diskobesuch habe ich wegen der Grippe leider nicht erlebt – weswegen ich mir auch keine Lösung dafür ausdenken müsste. Aber ich wette, auch hierfür hätte ich einen Weg gefunden!

 

Das Wichtigste sind kreative Ideen!

Meine Empfehlung: Lasst euch auf mehr Selbstversuche ein!