92 Jahre

Ich möchte Euch heute eines meiner Lieblingsbilder vorstellen. Es ist das allererste Bild von der wunderbar-genialen Omi Gertrud und ihre erste Begegnung mit ihrem Urenkelchen, und gleichzeitig auch ein ganz lieber Geburtstagsgruß - Omi Gertrud wurde dieses Jahr nämlich sage und schreibe 92 Jahre alt.

Folglich liegen zwischen Omi Gertrud und dem kleinen, neugeboreren Menschlein auf ihrem Schoß also auch knappe 92 Jahre. Ungefähr 33.500 Tage. Das Baby, das noch nicht viel erlebt hat in seinem kurzen Leben und die Omi Gertrud, die vom Tanzunterricht in der Offiziersschule mit Musik vom Grammophon, zu besonderen Anlässen auch mit einer echten Kapelle zu erzählen weiß. Von ihrer Jugend als Bäckerstochter, welche sie von der Lebensmittelknappheit weitgehenst verschonte. Von Lebensmittelrationsmarken für Zucker, der nahezu so wertvoll wie Goldbarren war und deswegen auf dem Speicher ihrer Bäckerei als Notnagel versteckt wurde. Von dem Dorfarzt, der das erste Autos in ihrem Dorf fuhr. Von Schulkameraden, die erst in der Hitlerjugend, dann in den Krieg verschwanden und nicht mehr auftauchten. Von so vielem, von dem man heutzutage immer kleinere Chancen bekommt, sie von einem Augenzeugen zu erfahren. Und dann noch von so einer tollen Augenzeugin, wie Omi Gertrud eine ist.

 

Die Gegenwart im Griff

 

Doch wer nun denkt, Omi Gertrud sei ein klassischer Senior mit seinen "Früher war alles besser"-Geschichten, der irrt gewaltig. Omi Gertrud ist Neuem gegenüber nämlich überwiegend sehr aufgeschlossen, auch wenn sie logischerweise vieles nicht versteht. Omi Gertrud lebt alles andere als in der Vergangenheit - sie hat ihre Gegenwart ganz schön im Griff! Bis vor kurzem sogar noch in ihren eigenen vier Wänden.  Sie geht einfach mit den Gegebenheiten sehr rational um. Wer stirbt, wird in ihrem Geburtstagskalender durchgestrichen. Der Fernseher wird eben mit Kopfhörern benutzt, da die Ohren nicht mehr so gut hören. Und wenn irgendwas beim Anziehen doch nicht klappt weil die Finger zu klamm sind, wird ungeniert die Pflegerin gerufen. Omi Gertrud meint, sie muss sich selbst nichts mehr beweisen, mit ihren 92 Jahren.

 

 

Vielleicht beweist sie es sich selbst nicht, dafür ihrem Umfeld um so mehr. Omi Gertrud hat's nämlich noch voll drauf, meistens zumindest. Sie steht nicht mit neuem Gerät auf Kriegsfuß, sondern hat sogar ein Handy, so irgendwie die Existenz und Funktionsweise von Internet und GPS-Gerät verstanden. Sie lässt manchmal, wenn ich von einigen Twitterern erzähle (v.a. Herr Grün und Renate Bergmann) sogar Grüße ausrichten. Und sie war sogar schon mehrmals mit beim Geocaching, wobei sie darauf bestand, dass ihr Name ebenfalls in das Logbuch eingetragen wird. Sie ist noch mehrmals die Woche mit ihren Freundinnen auf Achse und fühlt sich als eine der Ältesten unter ihren Mitbewohnern am jüngsten. Und sie geht tapfer mit Enkeln, Urenkel und Rollator über Stock und Stein durch den Wald und den Park spazieren und bringt gelegentlich Sprüche, dass man schier vor Lachen nicht mehr kann (sie wäre die geborene Twitter-Frau!). Ja, das alles macht Omi Gertrud.  Da schaut man auch mal über eine Namensverwechslung oder die Tatsache, dass sie nicht mehr so gut hört hinweg. Sie ist wirklich eine coole Oma, die Omi, quasi eine reale “meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“-Oma.

 

Omi Gertrud hat Pepp

Die Omi Gertrud hat einfach Pepp! Und wenn ihr jetzt noch genau wissen wollt, wie das obige Bild entstanden ist: Das war natürlich Omis Idee: "Und jetzt mach doch noch ein Bild für meine Freundinnen, damit die sehen, dass ich wirklich die erste mit Urenkel bin!" Gesagt getan. Ein tolles Bild für die Ewigkeit.