How to Date an Vegan

Bild: @boeserjunge / twitter.com
Nett gemeint, muss nicht sein - ein Verehrer mit Brokkoliestrauß wartet auf sein Date. (Bild: @boeserjunge / twitter.com)

Neulich bei Facebook. Ein Arbeitskollege - nennen wir ihn Simon* - chattet mich an und meint: "Du Julia, ich brauche deine Hilfe. Privat." Ich stutze. Wir verstehen uns zwar echt gut, hatten bisher aber nur beruflich miteinander zu tun. Wenig später wird klar, warum Simon ausgerechnet zu mir gekommen ist: "Also, es ist mir ein bisschen unangenehm und etwas peinlich dich zu fragen..:" - "schieß los!" -  "Nunja, ich habe morgen ein Date mit einer Vegetarierin, und habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll! Du bist doch auch so eine, kannst du mich nicht drauf vorbereiten?"

 

How to Date an Vegan

Hui, denke ich (hatte Simon neulich nicht noch eine Freundin?) ICH bin also auch so eine? Und noch viel kurioser: ICH soll Date-Doctor spielen? Oha - klarer Fall für klare Worte! "Was willst du denn wissen?" frage ich weiter, denn ich hatte wirklich keine Ahnung, was er denn von mir wissen wollte. "Na, was ich machen soll, weil sie ist echt nett!". Hä? Als wären Nicht-Fleischesser pauschal schon mal eher nicht nett. Ich verkneife mir ein blödes Kommentar - und führe anschließend eines der tollsten "Veggi to Omni"-Gespräche ever.

... denn sie wissen, was sie tun.

Bild: Dana Müller / www.jugendfotos.de
Kaum zu glauben: Das ist nicht für jeden appettitlich anzuschauen. (Bild: Dana Müller / www.jugendfotos.de)

Vielleicht geht es ja vielen Menschen so wie Simon. Veggis (wie habe ich dieses Wort anfänglich gehasst!) scheinen irgendwie einfach komisch zu sein. Man könnte fast schon sagen, dass Nicht-Fleisch-Esser für Fleischesser allein durch diese Eigenschaft irgendwie anders sein MÜSSEN. Glaubt mir: Ja das sind sie. Weil eben jeder Mensch anders ist. Veganer und Vegetarier wissen was sie tun - alle anderen wissen, was Vegetarier und Veganer nicht tun. Und genau hier liegt das Kommunikationsproblem.

Nun, für mich ist meine Ernährung absolut normal und alltäglich (immerhin bin ich mit unterschiedlichen Stufen schon über 16 Jahren selbst "so eine"), und gerade weil das so ist, verstehe ich nicht immer, was andere daran so "komisch" oder "anders" finden.

Man sieht es mir nicht unbedingt an. Man merkt es unter Umständen nicht einmal: Als ich nach der Hälfte meines Lebens von Vegetarierin auf Vegan umstieg, hat das fünf Wochen lang NIEMAND gemerkt, dabei wohnte ich in einer WG, die sehr oft zusammen kochte. Wie gesagt: Es ist für mich völlig normal. Auch wenn ich eigentlich nicht so eine bin, die großartig über ihr Essverhalten redet - wenn ich gefragt werde, gebe ich natürlich auch eine Antwort.

Einmal vegan ohne Missionstrieb, bitte. Danke

Missionarisch fühle ich mich nicht. Je nachdem wie mir mein Gegenüber kommt, reagiere ich manchmal mal mehr, mal weniger mit einem kleinen oder auch großen Seitenhieb von wegen: "Dein Hund schläft im Bett und dein Hühnchen landet im Schredder". Meistens - so kommt es mir zumindest vor - halte ich jedoch einfach die Klappe. Freilich habe mich schon längst an das ständige erklären und argumentieren gewöhnt, und mittlerweile kann ich auch mit Anfeindungen (ja, die gibt es, sehr viele sogar) und dämlichen Kommentaren (die gibt es am meisten) mehr oder weniger gut umgehen.

Immer diese Vorurteile

Es ist nämlich so: Witzigerweise (ja, mittlerweile finde ich es mehr oder weniger amüsant) scheint sich im Gemeinsinn der Menschen ein regelrechtes Portfolio an Standart-Reaktionen gebildet zu haben, sollten Veggis ihre kulinarische Ausrichtung geäußert haben. Viele machen sich darüber lustig, viele haben ein (pseudo-) Interesse an den unmöglichsten "Wenn aber... dann..."-Stories, viele wollen irgendwelche "Vegetarier werden alle sterben"-Studien gelesen haben, und mindestens genauso viele werden aggressiv. Dieses abwehrende Schwarmverhalten (die Psychologie nennt es je nach Ausprägung "Reaktanzverhalten" oder "Erlernte Hilflosigkeit") erleben Menschen, die keine tierische Produkte zu sich nehmen, ständig. Besonders aufregend (meistens im wahrsten Sinne des Wortes) wird das klassischer Weise bei der älteren Gesellschaft oder auch bei einer größeren Gruppe zu Tisch.

Dinge, die du einem Veggi niemals sagen solltest...

 

 

Quelle: © www.runvegan.blogspot.de

Auch Illith vom Blog runvegan.blogspot.de kennt dieses Schicksal nur zu gut. Zur Aufheiterung hat sie eine eigene Vegan-Version eines Bullshit-Bingos kreiert und damit einen regelrechten Erfolgssturm unter gleichgesinnten Veganern ausgelöst. Passender wie dieses Bingo kann man es kaum ausdrücken und ich wette, dass sehr viele Veganer hier nicht nur schon längst mindestens alle Kästchen ankreuzen könnten, weil sie die Sprüche schon (bestimmt mehr als ein mal) zu Ohren bekamen, sondern diese Liste noch beliebig erweitern könnten. Übrigens gibt es das Bingo bei Illlith auch zum praktischen und kostenlosen Download (hier geht's zum dazugehörigen Artikel) und auf ihrem Blog noch sehr viel mehr zum Thema zu entdecken.

Neben "Du allein kannst die Welt ja eh nicht retten, warum tust du dir das dann an?" werde ich zum Beispiel auch regelmäßig gefragt, ob ich dies oder das essen dürfe. "Ja" sage ich dann. "Vielleicht möchte ich es aber nicht". Dass ich aus freien Stücken etwas tue oder eben nicht, scheinen nicht alle verstehen zu wollen.

Hier spontan noch weitere "tolle" Sprüche:

- "Auch keinen Käse?"

- "Woanders hungern Menschen, und du lässt das Essen verkommen?"

- "Ich kannte auch mal einen Veganer, der wurde dann schwer krank!"

- "Du bist doch keine Veganerin, die dürfen doch keine Haustiere haben, und die hast du doch!"

- "Du lebst vegan? Erwarte kein Mitleid von mir."

- "Laktoseintoleranz? Seit wann denn das?"

- "Also mir schmeckt dieses Tofuzeugs ja gar nicht."

- "Das ist mir viel zu teuer."

Und, nicht zu vergessen (der kommt nahezu IMMER!): "So, du bist also Vegetarier? Hitler war das ja auch."

"Das bisserl Schlachten" Gabriele Busse

Sehr zu empfehlen (und zum Brüllen komisch) ist auch Gabriele Busses Poetry-Slam Beitrag "Das bisserl Schlachten". Die Dame lebt netterweise in Tübingen, sodass ich sie auch schon live erleben konnte und ich muss sagen: (nicht nur mit ihrem veganen Slams) Sensationell!

 

Bild: Manuela Maria Rieke / www.jugendfotos.de
Gar nicht so unheimlich, diese Veggis. (Bild: Manuela Maria Rieke / www.jugendfotos.de)

Wer will hier wohl wen bekehren?

Nun gut, genug der Ausflüge in den schaurig komischen Alltag uns Veganer. Zur Erinnerung: Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber eigentlich habe ich nicht den Eindruck, als würde ich überall groß herumerzählen, dass ich Veganerin bin - nicht zuletzt wegen dieser schlauen Sprüche by the way. Ich halte mich meistens zurück und habe nicht das Gefühl, dass ich jemanden "bekehren" wollen würde. Wer mich nicht verstehen möchte, den zwinge ich auch nicht. Je nach Sympathiegrad erlaube ich mir jedoch, diese almost Top 30 der bekloppten (sorry, das sind sie nun mal wirklich!) Sprüche zu unterlassen - denn die höre ich wirklich oft genug.

Genauso wenig kann ich es leiden, wenn man mich wie eine schwerstkranke Patientin behandelt und vor anderen versucht, sich für mich zu rechtfertigen. Hallo?! Ein paar Beispiele:

- "Du solltest ja eigentlich nicht campen gehen, bei deiner Ernährung machen die Abwehrkräfte bestimmt nicht lange mit." Aha, Unwissenheit.

- "Wenn wir jetzt ins Restaurant gehen, will ich von dir kein Wort zum Thema Fleisch hören, sonst waren wir das letzte Mal zusammen weg, klar?" Oh, eine Drohung.

- "Mit der kann man bestimmt nicht weg, die lässt garantiert den Koch an den Tisch tanzen und sich die Inhaltsstoffe vorlesen". Tada: Gerüchteküche. 

- Im Restaurant: "Wissen Sie, sie hat eine sehr starke Laktoseintoleranz." Wie nett, eine Lüge.

Ihr seht schon, auch hier könnte ich noch sehr viele weitere Beispiele bringen.

Sollte ich irgendwem wegen meiner Ernährungsweise peinlich sein, kann er mich mal. Ich entschuldige mich ja schließlich auch nicht bei irgendwem, wenn jemand im Restaurant ein Fleischgericht bestellt (ich weiß jedoch, dass einige denken, dass ich das tue - bei den Tieren im Gebet. HAHA!).

 

Ich lebe vegan. Mehr nicht.

Gelatine
Nehmt euch vor den Horrorgeschichten der Horrorveggis in acht! (Okay, die Geschichten sind vielleicht Horror (daraus wird Gelatine), aber nicht wegen der Veggis)

Auch wenn es vielleicht besser in das "Verrückt-Bild" eines Veggis passen würde, finde ich mich ganz normal. Ich trage ich keine Bilder von Schlachthof-Massakern im Geldbeutel spazieren, schlage auch des nachts keine Schaufensterscheiben von Metzgereien ein und habe eine ganz normale Figur ohne Hungerhakenambitionen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich mich zu Besuch irgendwo meistens von Beilagen ernähre, und das ist kein Problem für mich.

Ich kenne unglaublich viele Vegetarier und Veganer (übrigens im Verhältnis etwa 50:50 Männlein / Weiblein), von denen ich anfangs gar nicht wusste, dass wir die gleiche Ernährungsform haben. Das hat sich erst später herausgestellt.

Und zu guter Letzt weigere ich mich in den meisten Fällen sogar oft von "die Veggis" und "die Omnis" zu sprechen, denn ich möchte nicht irgendwen separieren. Und ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was ich denn machen würde, wenn ich mit einem Schwein auf einer einsamen Insel strande. Wahrscheinlich würde ich mir ein Ananas-Kokos-Chutney machen, denn damit kenne ich mich aus. Ich habe aber auch noch nie einen Fleischesser gefragt, was er denn machen würde (ich glaube bei der Insel-Frage wird davon ausgegangen, dass es keinen gibt, der einem die Drecksarbeit (das Schlachten) abnimmt).

Simons Date

Aber zurück zu Simon und seinem Date. Was meinen unsicheren Kollegen am meisten verwunderte war, dass ich ihm riet, seine Angebetete gar nicht erst auf ihre Ernährung anzusprechen. Zumindest nicht beim ersten Date. "Warum soll sie das Gefühl bekommen, sich dafür rechtfertigen zu müssen?" Die Wahrscheinlichkeit dass Simon das so herüberbringt ist - sorry Simon - nämlich relativ hoch. "Frag sie lieber nach ihren Hobbies, Vorlieben und eben all das. Akzeptiere ihre Ernährung einfach, und wenn du das nicht kannst, dann suche dir lieber eine andere", riet ich ihm (es gibt nichts schlimmeres, als Leute, die dich in diesem einen Punkt ändern wollen, damit es IHNEN damit besser geht.)

Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de
Dieses Bild heißt übrigens "Kolbenfresser". Finde ich echt kreativ und witzig. Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de

Bleibt noch zu sagen: Simons Date lief prima. Die Beiden haben sich jetzt schon öfters getroffen und verstehen sich bestens. Angeblich trage ich an dieser Situation eine gewisse Mitschuld: Wie Simon meinte, sei er der erste gewesen, "der keine dummen Sprüche über ihr Vegetariertum machte, und das hat ihr gut getan." Kann aus mir also doch noch eine Date-Beraterin werden. So eine bin ich also.



*Wie heißt es so schön: "Name von der Redaktion geändert." Ich habe keinen Kollegen Namens Simon.