Wo kommt unsere Schokolade her?

Bild: Violator06 /sxc.hu
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Mit Schlagwörtern wie „Bittere Schokolade“, „Kinder-Schokolade“ oder „Blutschokolade“ haben in der Vergangenheit verschiedene Organisationen, Zeitschriften und Weltläden auf sich aufmerksam gemacht. 2011 machten sich dann erneut einige Journalisten unabhängig voneinander auf Recherchetour nach Afrika, wo das "braune Gold" hergestellt wird. Mit Koffern voller Fakten kamen sie zurück. Dieser Bericht behandelt die vom WDR gedrehte Dokumentation "Markencheck Ferrero" über den Süßigkeitenriesen Ferrero.

Der wichtigste Bestandteil der Schokolade ist freilich die Kakaobohne. Hier tut sich Ferrero mit seinen konventionellen Kollegen gleich: Alle Schokobohnen werden aus dem sogenannten „Kakaogürtel“ in Ghana und der Elfenbeinküste bezogen – so günstig wie es eben geht. Kinderarbeit und Menschenhandel sind hier laut einer Reportage des Greenpeace-Magazins an der Tagesordnung. Der Bericht beschreibt nicht nur den Tagesablauf auf einem Kakaofeld, sondern auch die Ausweglosigkeit dieses Systems.

Gefangene des Systems

Den Kakaobauern kann man keine Schuld zuweisen, denn auch sie sind bettelarm und arbeiten neben ihren Mitarbeitern 14 Stunden täglich in der prallen Sonne, mit scharfen Messern und gefährlicher Chemie. Laut Greenpeace arbeiten nach Schätzungen der britischen Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International allein in der Elfenbeinküste bis zu 200.000 Kinder auf Kakaoplantagen und verhelfen so der multinationalen Schokoladenindustrie jährlich zu Umsätzen von fast zwei Milliarden Dollar.

Kinderarbeit gibt es nicht?


Für viele Kinder sind die Macheten zu schwer, sie schneiden sich oft Gliedmaßen ab und gelten dann als unbrauchbar. Mütter spritzen giftige Ungeziefermittel und atmen die Stoffe ungeschützt ein – ebenso ihre Säuglinge, die sie auf dem Rücken haben. Menschenhändler kaufen armen Familien ihre größeren Kinder ab, um sie an Kakaobauern weiterzuverkaufen. Moderner Sklavenhandel für den Genuss an Schokolade. Kinder sind trotz internationalem Verbot besonders häufig auf Kakao- und Kaffeeplantagen anzutreffen, und das auch, wenn die Firmen sich dem Druck des Verbrauchers beugen und ihren Zulieferern verbieten, Kinder auf Plantagen einzusetzen. Fakt ist: Gerade Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren gelten als besonders tauglich für die Ernte. Sie sind schon kräftig genug, essen aber noch nicht so viel, und geben sich mit wenig Gehalt zufrieden. Den Bauern sind die Hände gebunden: Es ist schier unmöglich, den niedrigen Preis halten zu können, wenn sie auf Kinderarbeit verzichten müssten.


Haselnüsse in rauhen Mengen

 

Bild: Kirsche 222 /sxc.hu
Bild: Kirsche 222 /sxc.hu

Ferrero ist aber nicht nur bei den Kakaobohnen ganz tief drin, der Konzern ist auch der weltgrößte Abnehmer von Haselnüssen. Kein Wunder – Nutella, Hanuta und Co bestehen zu einem großen Teil aus dieser Zutat, die, so der WDR-Markencheck. Ferreros Haselnüsse kommen nicht, wie suggeriert aus Italien, sondern aus der Türkei, genauer aus dem Haselnuss-Städtchen Ordu. Die Bevölkerung dort sieht sich ausgenutzt von dem Unternehmen Ferrero. Es sind hauptsächlich armenische Familien, von denen die Haselnüsse angepflanzt und geerntet werden. Auch dabei sind unzählige Kinder. Gerade während den Erntemonaten helfen sie verstärkt ihren Eltern, alle Helfer wohnen in einer Art Slum, ohne sanitäre Anlagen, medizinischer Versorgung oder gar einer Schule. Selbst der Bürgermeister des Haselnuss-Städtchens Ordu fühlt sich von den europäischen Unternehmen, ganz besonders von Ferrero, ausgenutzt, wie er den WDR-Reportern erzählt.

Faire Schokolade - eine Utopie?


Die Chance, eine wirklich fair gehandelte Schokoladentafel zu finden, ist leider relativ gering. Die wenigen fairen Angebote die es gibt, schmecken noch dazu nicht so, wie die herkömmliche Schokolade. Ist eine ethisch korrekt hergestellte Schokolade also nur eine Utopie?

Kleine Lichtblicke

Es gibt auch Lichtblicke: Viele Unternehmen haben nach dem wachsenden Druck durch die Konsumenten reagiert. Neben den rein ökologischen Herstellern und Weltläden engagieren sich seit kurzer Zeit auch konventionelle Firmen für fairen Handel.

Vieles bleibt unbeantwortet

Bild: fcolosso /sxc.hu
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Kraft zum Beispiel schweigt zwar noch immer zu ihren Gen-Futterpflanzen, brüstet sich aber mit ihren getätigten Spenden in Höhe von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Gleich 50 verschiedene Wohltätigkeits- und Nicht-Regierungs-Organisationen werden von dem Konzern unterstützt. Nestlé wertet sich mit seinem Fairtrade-Logo auf seinem Schokoriegel KitKat auf, holzt aber für die Palmölgewinnung den Regenwald in Indonesien ab. Mars will bis 2020 komplett auf Fairtrade umgestellt haben, lässt sich allerdings von der wegen laschen Kriterienüberprüfung kritisierten „Rainforest Alliance“ überprüfen. Und schlussendlich macht keiner der Hersteller auch nur ansatzweise Angaben darüber, wo ihre Milch herkommt - neben Zucker der vierte große Bestandteil der köstlichen Schokolade.

Faire Schoki auf Schwäbisch - mit Vorbehalt

Im kleinen schwäbischen Städtchen Waldenbuch wird seit rund 70 Jahren Schokolade im Quadrat hergestellt: Die Rede ist von Ritter Sport. 2008 erweitert Ritter Sport als erster großer Schokoladenhersteller sein Sortiment um die Bio-Schokolade und schafft es auf Anhieb zum Marktführer in diesem Segment. Naturidentische Aromen sind tabu, 100 Prozent natürliche Aromastoffe gelten als Ehrensache. Das wichtigste Engagement allerdings hört auf den Namen CACAONICA, ein Projekt, dass 1990 begann und sich mittlerweile von der Entwicklungshilfe zur Vertragspartnerschaft entwickelt hat. Pro Jahr wandern rund 250 Tonnen biologisch angebauten Kakaos nach Waldenbuch zu Ritter Sport. Die Kleinbauern erzielen dabei Verkaufserlöse, die deutlich über dem Weltmarktpreis liegen. Es geht noch weiter: 1991 erstellte Ritter Sport als erste Firma eine Öko-Bilanz für Verkaufsverpackungen und stieg auf recyclingfähige Verpackungen aus Polypropylen um. Seit 2002 betreibt Ritter Sport außerdem ein Blockheizkraftwerk und erzeugt 30 Prozent des Stroms und 70 Prozent des Wärmebedarfs selbst. Mit der 1988 gegründeten PARADIGMA Energie- und Umwelttechnik GmbH & Co. KG samt Tochterfirma Ritter Solar GmbH investiert Ritter Sport in alternative Energien und ökologische Heizsysteme. Alles wunderbar? Nun ja: es fehlt nach wie vor das Fairtradesiegel auf dem Quadrat, das ist angeblich zu teuer, und aus den Herstellerangaben wird man nicht so recht schlau, ob die faire Kakaobohne nur in den Biotafeln, oder in allen Quadraten steckt.

Es scheint ein Fluch zu sein, mit dieser Schokolade…