Strombrötchen

Zu lecker für die Tonne? Oder geht uns ohne Weckle das Licht aus?
Bild: Tim Oerter / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Eine Bäckereikette wirbt damit, dass Kunden einige Brötchensorten vom Vortag zurückgeben und gegen frische tauschen können. Die Vortagsbrötchen werden anschließend zur Wiederverwertung in Biogasanlagen zu Strom verarbeitet. Nicht alle Kunden finden das gut. Cody ist unschlüssig. Unsere Kolumnen-Queen hat deswegen wieder in die Tasten gehauen und die Bäckerei gefragt, was genau sie sich mit dieser delikaten Aktion versprechen.

 

Nachhaltigkeit oder Aufruf zur Lebensmittelverschwendung?

Ich bin ja ein sehr neugieriger Mensch. Wenn ich was nicht kapiere (und das kommt ziemlich oft vor auf diesem komischen Planeten) dann hake ich einfach nach. Es ist ja auch eigentlich ein durchaus bekannt: Das Brötchen kommt vom Bäcker und der Strom kommt aus der Steckdose. Jetzt will es diese  eine Bäckereikette aber besser wissen und lädt mich ein, die Dissonanz zwischen Hunger und zu großen Augen beim Einkauf wieder wett zu machen, indem sie mein altes Brötchen in Strom unwandelt.

Lasst uns also Brötchen kaufen, sonst hocken wir bald alle im Dunkeln? Ich habe die Aktion einfach mal (ok, absichtlich, ich gebs ja zu) nicht verstanden und bei besagter Bäckerei einfach mal nachgefragt, was das soll. Zurück kam ein wahrer Roman und ein bemerkenswert perfektes PR-Schreiben.

Aber lest selbst!

Verehrte Bäckerei-Mitarbeiter,

ich melde mich wegen Ihrer Aktion des Brötchentausches, welche ich entweder nicht richtig verstehe, oder tatsächlich als Aufruf zur Lebensmittelverschwendung interpretiere. Vielleicht können Sie mir da ein bisschen weiterhelfen: Vertreten Sie tatsächlich die Meinung, dass Ihre Kunden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, mehr Brötchen kaufen, damit sie einen Tag später in die Biogasanlage wandern?

Als nachhaltig denkender Mensch finde ich das ethisch nicht vertretbar - vor allem aus zwei Gründen: Gibt es doch a) den Eindruck, dass das Einkaufen über Bedarf nicht schlimm ist und b) Brötchen, die älter als einen Tag sind, nicht mehr zum Verzehr geeignet sind (was bei Ihren Lebensmitteln nicht stimmt - sie schmecken mir auch "im Alter" noch immer sehr gut, und lassen sich zudem ja auch zu Semmelbröseln, Knödeln, etc. weiterverarbeiten, wenn sie nicht mehr frisch sind).


Ich bin bei dieser Aktion zudem deswegen verwirrt, weil ich Ihrem Unternehmen stets ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber Lebensmitteln unterstellt habe. Als - zugegeben - "Mischkäufer" (teils kaufe ich bei Ihnen, teils im Discounter Backwaren) schätze ich zudem die nette und gute Beratung, das verhältnismäßig große vegane Sortiment und die regionale Qualität.


Vielleicht können Sie mir die "Nahrungsmittel für Energiegewinnung"-Aktion aus Ihren Gesichtspunkten erklären, denn sie hat meine Einstellung zur Bäckerei Keim - sagen wir mal - leicht ins Wanken gebracht.
Ich freue mich auf eine Antwort und schicke liebe Grüße,

C. Cerebri.

 

 

Was dann kam, war die bisher schönste Antwort, die ich jemals von einem Unternehmen erhielt. Und ihr wisst, ich schreibe viele Briefe an viele Unternehmen (nachzulesen z.B. hier)...

 

Sehr geehrte Frau Cerebri,


Es freut uns, dass Sie sich als Kundin Zeit nehmen uns über Ihre Wahrnehmung zu unserer aktuellen Aktion zu schreiben. So geben Sie uns die Möglichkeit Ihnen die Hintergründe und Gedanken die dahinter stehen zu erklären.
 

Wir sind ein seit 1898 familiengeführtes, mittelständisches Unternehmen aus der Region. Wir sind konsequent regional und bis heute sehr handwerklich in der Herstellung unserer leckeren Backwaren. Wichtigste Unternehmensziele sind zufriedene Kunden und Mitarbeiter. Unsere Unternehmensgeschichte können Sie gerne auf unserer Homepage nachlesen.
 

Heute stehen wir als Bäcker im Wettbewerb mit Handel und Discount. Der Marktanteil von klassischen Bäckereien, zu denen wir uns auch zählen,  geht leider seit Jahren zurück. Vor 15 Jahren haben die Menschen noch 60% Ihrer Backwareneinkäufe beim klassischen Bäcker getätigt. Heute sind es nur noch 40%. Der Rest versorgt sich in Supermärkten und bei Discountern. Sie beschreiben sich ja auch als eine (immerhin ;-)) Wechselkäuferin. In der gleichen Zeit haben nahezu 10.000 Bäckereibetriebe in Deutschland geschlossen. Beispiele hier aus der Region sind die Bäckerei Ott aus Tübingen, die Bäckerei Burk aus St. Johann, die Bäckerei Herrmann von der Alb aus Dettingen, die Bäckerei Häfner aus Nürtingen… Die Liste lässt sich leider beliebig verlängern.

 

Über den Preis können wir mit Handel und Discount nicht konkurrieren. Wir sind deshalb ständig auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen die, neben unserer Qualität, Regionalität und Frische, unseren Kunden Vorteile bieten, die sie bei anderen Bäckereien und im Handel bzw. Discount nicht finden. Dazu habe ich Ihnen einen aktuellen Handzettel mit 10 guten Gründen für Ihren Einkauf beigefügt.

 

Die von Ihnen beschriebene Aktion ist eine dieser Aktionen.

 

Es geht hier keinesfalls darum, Menschen zum Verschwenden von Backwaren aufzufordern. Es geht hier auch nicht darum, Lebensmittel gering zu schätzen. Das wollen wir nicht. Im Gegenteil. Unsere Backwaren werden mit viel handwerklichem Aufwand und Liebe hier in Mittelstadt hergestellt. Uns ist auch bewusst, dass es Länder und Menschen gibt in denen nicht ausreichen Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Die gibt es übrigens auch bei uns. Das ist auch ein Grund, warum wir einen großen Teil der Abends übrigen Backwaren an die Tafeln (Reutlingen, Metzingen, Nürtingen) in der Region kostenfrei abgeben. Denn natürlich müssen wir in unseren Fachgeschäften bis zum Ladenschluss präsent sein und die wichtigsten Artikel bis Ladenschluss vorrätig haben. Sonst enttäuschen wir Kunden und die kommen dann nicht wieder sondern kaufen beim Wettbewerb. Gerne würden wir jeden Abend alles ausverkaufen und/oder die übrigen Backwaren am nächsten Tag verkaufen. Beides ist jedoch in unserem Marktumfeld nicht möglich und würde unser Unternehmen schädigen.

Leider können wir allein die Probleme dieser Welt nicht lösen. Wir konzentrieren uns auf unser Unternehmen und die Menschen, die bei uns beschäftigt sind. Und die können nur beschäftigt bleiben, wenn unser Unternehmen erfolgreich ist.

 

Wir machen diese Aktion auch nicht für die Umwelt. Wir machen diese Aktion für Menschen, die sich beim Einkauf verkalkuliert haben. Ich möchte Ihnen dazu gerne ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung  geben. Diese Erfahrung hat mich auf die Idee zu dieser Aktion gebracht.

 

Unsere Tochter hat gerne ab und an Freundinnen zur Übernachtung bei uns zu Hause. Die Mädels machen sich einen Filmeabend und „quatschen“ dann die halbe Nacht. Am Sonntag morgen schlafen sie dann gerne aus. Ich mach mich dann schon mal auf und kaufe frische Brötchen ein, weiß aber nicht genau wieviel benötigt werden, weil ich die Freundinnen meiner Tochter nicht einschätzen kann. Ich weiß auch nicht welche Sorten gerne gegessen werden. Sicher hätte ich auch am Abend vorher einen Zettel mit der Bestellung herumgehen lassen können – hab ich aber leider nicht getan. Weil man ja gerne ein guter Gastgeber sein möchte, kauft man (ich) dann halt lieber etwas zu viel ein, als zu wenig. Natürlich würden wir nun normalerweise die übrigen Kleverle im Lauf des Tages verzehren. Aber wie das Sonntags halt so ist – wir sind bei Verwandten eingeladen und bis spät Abends unterwegs. Und ich gebe zu – am nächsten Tag mögen wir die Brötchen, so lecker sie auch sind, nicht mehr essen.

 

Für genau diese Fälle haben wir uns die Aktion überlegt. Denn mal ehrlich – wer sollte Brötchen absichtlich kaufen und alt werden lassen um frische kostenlos zu bekommen? Wo wäre der Sinn? Es ist also weder eine Aufforderung Backwaren zu verschwenden, noch eine ökologische Aktion. Mit dem Hinweis dass die zurückgegebene Ware in die Biogasanlage geht wollen wir nur darauf hinweisen, dass wir sie nicht einfach wegwerfen. Und ganz am Ende ist es doch auch sinnvoll die „alten“ Kleverle an einer Stelle (bei uns) zu sammeln und dann gesammelt zu Energie zu machen als sie wie bisher (bestimmt nicht bei Ihnen – aber in vielen Anderen Haushalten) zu entsorgen. Zu Ihrer Frage der Entsorgung. Es ist so, dass die Kleverle die beim Kunden waren keinem anderen Zweck als dem der Entsorgung zugeführt werden können. Sie werden gesammelt und einmal wöchentlich vom Entsorger abgeholt. Andere übrige Backwaren die nicht beim Kunden waren gehen wie oben beschrieben an die Tafeln oder werden für unseren selbstgemachten Sauerteig verwendet. Ein kleiner Teil geht in Semmelbrösel und Weckmehl.

 

Natürlich gibt es auch viele Menschen die Ihre Backwaren und auch alle anderen Lebensmittel nur nach Bedarf einkaufen und  verbrauchen. Das ist bei uns in der Regel auch so. Aber jede Regel hat Ihre Ausnahme. Und nur darum geht es.

 

Erlauben Sie mir an dieser Stelle noch eine Anmerkung zum Thema Regionalität. Unsere Backwaren werden in unserer Backstube in Mittelstadt aus regionalen Zutaten hergestellt. Unsere beiden Mühlen sind in Horb am Neckar und Illertissen. Beide verarbeiten Getreide aus unserer Region. Das Getreide wächst in einem Streifen zwischen Stuttgart und Bodensee. Wir achten auch bei unseren anderen Zutaten auf Regionalität. Beispielsweise kommen unsere Wurstwaren von der Metzgerei unsere Scheu & Weber aus Owen (http://www.scheu-weber.de/) . Gemüse und Salate kommen vom Keltenhof auf den Fildern (http://www.keltenhof.com/) . Und unser Fleischkäse kommt von der Metzgerei Schneider in Pliezhausen (http://www.metzgerei-schneider.org/) . Unser Kaffee ist zwar nicht regional, aber aus nachhaltigem Anbau und fair gehandelt (http://www.rainforest-alliance.org/de) .

 

Allerdings wird es immer schwerer Kunden zu überzeugen dass mit all diesem Handeln auch ein höherer Preis verbunden sein muss. Und deshalb versuchen wir mit vielen Angeboten und Konzepten auch preissensible Kunden von unserer Qualität zu überzeugen. Einer dieser Versuche ist nun eben diese Aktion.

 

Abschließend kann ich Ihnen sagen, dass die Aktion auch bei uns im Unternehmen sehr unterschiedliche Reaktionen auslöst.

 

Ich hoffe sehr, Ihnen mit diesen Ausführungen ein wenig Hintergrundinformation für unsere Aktion gegeben zu haben. Im Namen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünsche ich uns, dass Sie uns weiterhin als Kundin gewogen bleiben und die vielen anderen Vorteile und unsere leckeren Backwaren weiter für sich nutzen.

 

Sollten Sie noch weitere Fragen oder Anregungen haben stehe ich Ihnen per Mail oder Telefon jederzeit gerne zur Verfügung.

 

Mit backfrischen Grüßen,

 

Ihr ...

 

Letztenendes kommt der Strom ja bekanntlich einfach aus der Steckdose - egal ob er als Atom, Wind, Wasser, Pflanze oder eben als Brötchen dort ankommt.