Der Tag, an dem ich mein Pony entführte

 Bild: Julia Becker

Iegendwann im März 2001: In "meinem" Reitstall war ich ein klassisches Pferdemädchen. Indem wir das komplette Drumrum des Reitunterrichtes stemmten, hielten wir den Laden am Laufen. Wir kannten die komplette Lebensgeschichte samt Ahnen und Urahnen eines jeden Ponys, und wir kannten natürlich auch jede Macke und jeden Charakterzug unserer vierbeinigen Schützlinge.


Bauchgefühl und Mitleid statt Stammbaum

 Bild: Julia Becker

Hatten die Anfänger Reitunterricht, sahen wir ihnen meistens belustigt zu. Bis eines Tages das Anfängerpony an einem Hustenanfall fast zusammenbrach.

Das war nichts weiter besonderes, da das Tier schon immer schweres Asthma hatte. Das Besondere an diesem Hustenanfall an diesem Tag war, dass ich es plötzlich nicht mehr mit ansehen konnte. Bis heute ist mir dieser Mut unbeschreiblich.

Ich war eigentlich immer sehr schüchtern und traute mich selten, alleine und offen etwas zu behaupten, ohne dass nicht mindestens eine beschützende Hand in Reichweite war. Noch dazu hatte ich mein absolutes Lieblingspony in einer kecken Scheckstute gesehen, die lieb war, tolle Gänge hatte und immer an der Tete war. Aber in diesem Moment stiefelte ich selbstbewusst wie nie zuvor in die Halle, nahm der Reiterin den kranken Ponywallach ab und beschloss, dass das arme Tier keine einzige Runde mehr im Schulbetrieb zu gehen hatte - indem ich es einfach aus der Reithalle entführte und mit ihm spazieren ging.

Das gab natürlich gehörigen Ärger. Nach einigem hin und her vor Ort (und noch größerem hin und her zu Hause) hatte ich alle Parteien (den Stallbesitzer und meine Familie) jedoch davon überzeugt: Dieses Pony braucht mich! (Dass es auch mein komplettes Erspartes für die heißgeliebte Scheckstute brauchte, nahm ich in Kauf.)

 

Vom Mädchen zum Pony - Wie alles begann

 Bild: Julia Becker

Nachdem das Tier nun in meinen stolzen Besitz übergegangen war galt es zunächst, das Pony wieder fit zu kriegen. Da ich nicht unbedingt die große Ahnung von Pferdehaltung hatte, kam erstmal ein gehöriger Tierarztmarathon auf uns zu, der wiederum gehörige Kosten mit sich brachte. Weil alle Heilversuche nicht den gewünschten Erfolg brachten und das Tier sich immer noch die Seele aus dem Leib hustete, beschlossen wir, dass es in einem Offenstall am besten aufgehoben war.

Dieser befand sich zwar ungefähr 20 Minuten von der Stallanlage entfernt, war aber letztendlich die beste Lösung. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis mein Pony wieder fit zum Reiten war. Wir verbrachten die Zeit allerdings damit, uns kennen zu lernen. Ziemlich oft hatte ich mit den antrainierten Schulpferdmarotten und meiner Unwissenheit zu kämpfen.

Da wir aber nahezu täglich miteinander Zeit verbrachten - und das von Angesicht zu Angesicht, da ich ja nicht reiten sondern nur vom Boden aus arbeiten konnte - festigte sich mit der Zeit eine tiefe Verbundenheit.


Ein Happy End mit Hindernissen

 Bild: Julia Becker

Heute ist aus dem einst trotteligen und schwerkranken Anfängerpony ein einzigartiges Verlasspony geworden.

Wir haben gemeinsam schon so viele Abenteuer erlebt, uns so oft blind vertraut und immer eine Lösung für unsere Probleme gefunden. Trotzdem haben wir die Asthmageschichte nicht vollständig lösen können. Das Tier reagiert ganzjährig allergisch auf Heustaub und Stroh, im Frühling kommen noch sämtliche Pollenallerigen hinzu.

 

 

In guten wie in schlechten Zeiten...

 Bild: Julia Becker

Wir tragen diese Zeiten mit Fassung.

Immerhin hätten wir ohne dieses Asthma niemals zueinander gefunden. Und somit unser gemeinsames Leben in guten wie in schlechten Zeiten (und die hatten wir beide) verpasst.

Wir kennen unsere Macken. Wir verstehen uns blind. Wir sind zusammen alt geworden, das Pony hat bereits 20 Jahre auf dem Buckel - das hätte damals niemand gedacht. Wir sind ein eingespieltes Ehepaar auf Pferde-Mensch-Ebene, ohne großes Trara um die perfekte Mode und Heilpülverchen zu schieben.

Weil uns das Bauchgefühl und das Mitleid zusammgeführt hat, und nicht ein toller Stammbaum.

Danke, liebes Bauchgefühl, für meinen Mut.