Vorgestellt: Mensch ist Mensch e.V.

Bild: Mensch ist Mensch e.V.
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Beamtendeutsch, schier endlose Nachweisforderungen und abenteuerliche Fragestellungen - für viele Menschen sind amtliche Anträge ein Buch mit sieben Siegeln. Steht dann auch noch die Existenz auf dem Spiel, ist es bis zur Verzweiflung des Antragsstellers nicht mehr weit. Das wissen die Mitglieder des Vereins Mensch ist Mensch e.V. aus eigener Erfahrung - und haben sich kurzerhand dazu entschlossen, Menschen mit diesen Problemen zu helfen. Doch nicht nur Hilfe bei Anträgen steht dort auf dem Programm - hier wird versucht, für wirklich jedes Problem eine Lösung zu finden.

Wie genau das geht und wie man das alles ehrenamtlich auf die Beine stellt, verrät Frank Knott, 1. Vorsitzender des Vereins Mensch ist Mensch e.V. im Interview.


Frank, in deinen eigenen Worten: Was ist Mensch ist Mensch e.V.?

Bild: Mensch ist Mensch e.V.
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Ich sehe Mensch ist Mensch als Feuerwehr oder Erste Hilfe. Unser Konzept ist so niederschwellig wie irgend möglich für die Menschen da zu sein. Das bedeutet zum Beispiel: Es gibt prinzipiell keine Termine, jeder Mensch kann zu den Öffnungszeiten des Büros zu uns kommen. Wir hören uns die Probleme der Menschen an. Wir schauen uns die mitgebrachten Dokumente und /oder Briefe an und entscheiden dann mit dem Betroffenen zusammen das weitere Vorgehen. Wir versuchen immer so unbürokratisch und schnell zu sein wie möglich, so dass der Mensch auch sieht: Die machen was!


Gibt es denn eine Art Top 5 der häufigsten Probleme, mit denen die Hilfesuchenden zu euch kommen?
Ja:

1. Kindergeldkasse
2. Jobcenter: Bearbeitung von Anträgen dauern zu lange
3. Probleme mit dem Ausländeramt
4. Stadtwerke - Immer mehr Menschen können Ihre Stromrechnungen nicht mehr bezahlen
5. Mietschulden

Wie klappt das mit den unterschiedlichen Sprachen?

Durch gute Vernetzung. Wir sind zum Beispiel so ziemlich die einzige Organisation, die eine Sprachmittlerin für Romanes, die Sprache der Roma, ständig anwesend hat. Das ist ja der große Fehler, den alle anderen Organisationen die ich kenne machen: Eventuell gibt es zwar Dolmetscher für Rumänisch oder Bulgarisch vor Ort, aber den Unterschied zwischen Rumänisch und Romanes muss man sich in etwa so vorstellen wie zwischen dem Holländischen und dem Deutschen.

Welche Menschen besuchen das Mensch ist Mensch Büro?

Bild: Mensch ist Mensch e.V.
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Zu uns kommen Menschen, die wo anders weggeschickt werden - weil es für sie keinen Kostenträger gibt. Es kommen Menschen, die mit Ihren Problemen überfordert sind - weil sie beispielsweise Schulden oder Probleme mit verschiedenen Ämtern (Jobcenter,  Kindergeldkasse, Grundsicherung, Ausländeramt, usw.) haben. Es kommen Rentner mit Minirenten, die wir sehr häufig erst überreden müssen1 Grundsicherung zu beantragen - weil gerade bei der älteren Bevölkerung die "Stütze" ein denkbar schlechtes Image hat. Oder es kommen Menschen, die Probleme mit ihren gesetzlichen Betreuer haben2.

Im großen und ganzen kann man sagen, dass sich viele Menschen ohnmächtig gegenüber den Ämtern und den Sachbearbeitern fühlen.


Woran liegt das?

Die Zustände in denn Jobcentern sind teilweise katastrophal3. Viele Sachbearbeiter sind wegen des akuten Personalmangels total überfordert, bekommen Druck von oben wo es gilt, immer höhere Fallzahlen und Einsparungen durchzusetzen. Von Seite der Kunden, die selbstverständlich auf ihr gutes Recht pochen, dass ihre Anliegen schnellstmöglich bearbeitet werden, kommt ebenfalls Druck. 

Ihr macht also die Arbeit anderer offizieller Ämter?

Wie gesagt, wir kennen die Situation auf den Ämtern. Etwas was mich vielmehr zur Weißglut bringt: Wir bekommen immer öfters Anfragen von der Caritas bzw. Diakonie, ob sie uns Menschen mit teilweise heftigsten Probleme schicken dürfen - weil sie eben keinen Kostenträger für die Menschen haben, der ihre Arbeit bezahlt - Sorry! Natürlich werden wir den Mensch helfen, aber ich finde es eine absolute Frechheit, dass Organisationen wie die Caritas oder Diakonie, welche von Stadt, Land und Bund mit Riesensummen gefördert werden, hilfesuchende Menschen wegschicken, weil sie eben für den Fall kein Geld bekommen. Diese Organisationen lehne ich aus diesen Grund ab.

Ein von Montag bis Freitag geöffnetes Büro, täglich mehrere Begleitungen auf Ämtern und in Kürze auch bald eine eigene Straßenzeitung - wie lässt sich das alles ehrenamtlich stemmen?

Tja gute Frage... mit viel Kaffee :-)

Bild: Mensch ist Mensch e.V.
Bild: Das Team von Mensch ist Mensch e.V.

Im Büro sind ständig ehrenamtlich Christina, Martin und meine Wenigkeit und zusätzlich noch unsere Romanes-Sprachmittlerin, die wir Dank eines Sponsors für sechs Monate mit einen Minijob beschäftigen können. Alle 14 Tage kommt Rechtsanwältin Christina Worm und bietet eine kostenlose Rechtsberatung an (toll ist, dass wir aber praktisch zu jeder Zeit Kontakt zu ihr haben und sobald wir mal nicht weiter wissen, konkrete rechtliche Informationen von ihr bekommen. Das gleiche gilt noch für einen weiteren Rechtsanwalt).

Wie wir denn Arbeitsaufwand schaffen kann ich wenn ich ehrlich bin nicht beantworten - Oder doch: Es ist nur dadurch möglich, dass wir hier vom Charakter und der Zusammensetzung eine geniales Team sind, auf das ich absolut stolz bin!


Wo nimmst du die Energie für all deine Arbeit her?

Ich war ja bevor ich mit meiner eigenen Firma Pleite ging immer selbständig, da gibt es keine 40  Stunden-Woche und ich habe durch mein Leben aus Höhen und Tiefen gelernt, aus beinahe Nichts etwas aufzubauen. Es ist aber ganz klar: trotz allem Einsatz von mir - ohne die Menschen an meiner Seite wäre das alles nicht möglich !

Woher stammt eigentlich dein Wissen in Sachen Sozialberatung?

Ich habe ja schon vorher Sozialberatung gemacht damals im Vereinsheim von Bürger für Bürger Duisburg e.V. in Duisburg-Rheinhausen. Nur war es dort durch die räumlichen Gegebenheiten nicht wirklich gut zu machen. Dann kam es zu einen Zerwürfnis zwischen mir und dem jetzigen Vorstand des Vereins "Wir gehen Mit - Die Mitläufer e.V. " (ein Verein, den ich größtenteils mit aufgebaut habe aber in dessen Vorstand ich nie war). Daraus ist die Idee zu Mensch ist Mensch e.V. entstanden.

Ich habe das Glück, dass ich eben durch meine soziale Arbeit viele Menschen kennengelernt habe, die meine Art gut finden und mit meiner Art an Dinge heranzugehen zurecht kommen.

Zudem besitze ich ganz gutes verkäuferisches Geschick - so kam ich mit einen Geschäftsmann aus Duisburg ins Gespräch, der mir "leichtsinnigerweise" erzählte, dass er hier in Hochfeld ein kleines lehrstehendes Ladenlokal hat, welches er sowieso nicht wirklich vermieten könne - 2 Tassen Kaffee später hatte ich das Büro und die Zusage, dass sogar Strom Heizung sowie Internet für das Büro bezahlt würde :-)

Im Mai 2014 war all das noch eine reine Idee in deinem Kopf, zwei Monate später hattet ihr also einen Büroraum. Und der Rest?

Bild: Mensch ist Mensch e.V.
Bild: Mensch ist Mensch e.V.

Ok, die Möbel haben wir teilweise vom Sperrmüll oder auch von Bürger für Bürger bekommen - gebrauchte Computer habe ich an verschiedenen Stellen zusammen gebettelt, 30 Euro Barspende für Büromaterial hatten wir auch bekommen und zudem noch einen super Drucker (der alles kann außer Kaffekochen), den uns eine Bundestagsabgeordnete zur Verfügung stellte. Nur so konnten wir das Büro dann auch tatsächlich am 07. Juli 2014  eröffnen. 

... und der Verein?

Der entstand einen Monat später, wieder bei Kaffee - allerdings diesmal in einem Straßencafé in Duisburg-Hamborn. Dort habe ich mit Christina Worm beschlossen, dass wir nun ernst machen wollen mit dem Verein und uns die nötigen Gründungsmitglieder suchen. Weil wir beide nur wirklich gute Leute wollten, die auch Vertrauen zu uns haben, waren die recht schnell zusammengefunden. Da ich den Damen vom Vereinsregister ordentlich auf den Geist gegangen bin, waren wir in einer Rekordzeit von einem Monat schon ein eingetragener Verein (e.V.), dann musste die Dame vom Finanzamt leiden... Keine vier Wochen später hatten wir die Anerkennung als gemeinnützig bzw. mildtätig beim Finanzamt :-)


Hartz IV-Bezieher gelten nicht selten als faule Sozialschmarotzer, die sich auf den Geldbeutel der ehrlich arbeitenden Gesellschaft ausruhen... Wie geht Mensch ist Mensch e.V. mit diesem (Vor-) Urteil um?

Ich denke ich bin gutes Gegenbeispiel :)

 

Das heißt, du lebst auch von Hartz IV?

Ja - Ich war früher selbständig. Leider lief das Geschäft nicht mehr und wir hatten einen Riesenberg an Schulden und kamen einfach nicht mehr hoch. Mit irgendwas von 2,49 Euro sind wir dann zum Jobcenter gegangen: "Bitte helft uns! Wir fliegen aus der Wohnung. In ein paar Tagen stellen sie uns den Strom ab. Die Krankenversicherung können wir nicht mehr bezahlen." Wir mussten vom Jobcenter aus das Gewerbe abmelden und sind seit dem im Leistungsbezug.


Gibt es angesichts der vielen Probleme, mit denen die Menschen auf Euch zukommen, auch Lichtblicke am Horizont?

Ja - wir sehen bei sehr vielen Menschen denen wir helfen Fortschritte, sehen, dass Menschen die zu uns kommen selbstbewusster und selbstbestimmter werden. Oder auch bei den Roma die zu uns kommen sehen wir deutliche Fortschritte45.

Zum Abschluss: Was war das bisher schönste Erlebnis bei Mensch ist Mensch e.V.?

Bild: Mensch ist Mensch e.V.
Bild: Mensch ist Mensch e.V.

Das war ganz bestimmt unsere Weinachtsaktion für Kinder hier aus dem Bereich des Büros6 .

Nach einem Geschenkeaufruf bei Twitter erreichten uns aus ganz Deutschland Geschenkespenden für die Kinder hier, das war wirklich toll.


Wir sind ja rein durch Spenden finanziert, wir bekommen nicht 1 Cent Unterstützung von der Stadt oder dem Land. Umso toller ist es, dass wir von so vielen Menschen aus ganz Deutschland durch Spenden immer wieder unterstützt werden, obwohl viele von ihnen größtenteils selber nicht viel haben.


Danke für das Interview!


Mehr über Mensch ist Mensch e.V.

Mensch ist Mensch e.V.
Hochfeldstraße 34
47053 Duisburg

Telefon: 02065-7923199
E-Mail: frank@menschistmensch.de

Homepage: www.menschistmensch.de

Twitterkanal: @Mal1Euro

Betterplace: www.betterplace.org/de/projects/22659-mensch-ist-mensch-e-v-braucht-dringend-ihre-hilfe