Flüchtlingshilfe vor Ort - Gratwanderung

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Bild: "nimul koy" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Weil du wahrscheinlich gar nicht mitkriegst, was hier abgeht ein Tipp: Wenns geht, bleib wo du bist - Deutschland brennt", schreibe ich meiner Mutter am letzten Tag ihres Urlaubs. "Du willst gar nicht wissen, was diese Woche alles passiert ist. So furchtbar." Natürlich wollte sie es doch wissen. In Stichworten tippe ich Worte wie #LaGeSo, LKW-Leichen, Heidenau, Salzhemmendorf, Weissach und all die anderen Attacken auf Flüchtlingsheimen in mein Handy. Lange Zeit bekomme ich keine Antwort, dann ein "Wie furchtbar! Gibt es auch gute Nachrichten?" Naja. Gibt es die? "Ja. Immer mehr Menschen treten für die Flüchtlinge ein. Sie sind meist leise, aber sie sind da. Und dein Enkel bekommt den ersten Zahn."

 

Die Flüchtlingshelferin in mir und ich

Vor lauter Sorge um den Geisteszustand dieser deutschen Gesellschaft (also meiner!) ist nämlich eins nicht zu vergessen: Auch das eigenene Privatleben geht weiter. Seit ich mich aktiv in die Flüchtlingshilfe einbringe, kann ich mich viel mehr über Selbstverständlichkeiten freuen, weil ich gelernt habe, dass sie nicht für alle Selbstverständlich sind. Privatsphäre zum Beispiel. Oder die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben. Oder auch einen Schlüssel für meine vier Wände zu besitzen. Doch vieles, wie der erste Zahn des ersten Babys, ist auch einfach gleich - egal ob Flüchtling oder nicht.

Hinter den Flüchtlings-Schlagzeilen stecken ganz normale Leben

Heute zum Beispiel war ich mit einem Flüchtlingspapa, nennen wir ihn Herrn G., Babyerstlingsklamotten kaufen, weil er sich nicht so damit auskennt und die Mama bei ihrem Frühchen im Krankenhaus ist. Hat alles wunderbar geklappt, auch wenn Frühchenklamotten nicht so leicht zu finden sind.

Später jedoch, als es darum ging, das ganze zu ihm nach Hause zu fahren, kam er wieder, dieser Moment, an dem ich mich am liebsten in Luft auflösen würde. "Wo wohnst du?", frage ich. Und denke: Bitte, bitte, bitte nicht in der Musterstraße*. Nach einem Besuch im dortigen Asylantenheim brauche ich nämlich immer mindestens einen Schnaps (jetzt, wo ich einen Säugling zu füttern habe und das mit dem Schnaps nicht geht, ist mindestens eine riesige Schokoladentafel vonnöten.) Einfach, weil es dort ziemlich viele Menschen ziemlich vieler Nationalitäten auf ziemlich wenig Platz mit ziemlich wenigen sanitären Anlagen bzw. Kochgelegenheiten gibt. Natürlich sagt der Frühchenpapa Musterstraße. Und natürlich komme ich trotzdem samt meinem Nachwuchs mit zum Tragen helfen und den anderen Hallo zu sagen. Die anderen sind in diesem Fall Mutter G., Kinder 1+2 G., die gemeinsam mit Herrn und Frau G. und ab sofort auch mit Säugling G. in einem Zimmer wohnen, das so groß ist wie meine Küche.

Die Ausstattung dementsprechend angepasst: Dünne, stapelbare Matrazen im Eck, ein Sofa, ein großer Tisch (wohin der kommt wenn das Schlaflager errichtet wird weiß ich nicht) und graue Metallspints als Kleiderschrank. Ein Fenster hat keine Scheibe, die steht mit abgebrochenem Furnier auf dem Sofa. Moment mal - zieht da nicht morgen ein FRÜHCHEN ein? "Wir haben schon gesagt am Dienstag, aber keiner bisher kommt." Heute ist Freitag. Ein neuer Punkt auf meiner ToDo-Liste.

 

Raum für sich

Wenig betrete ich meine Wohnung und komme mir vor, als betrete ich eine andere Welt. Ist aber nur mein kleines Universum mit eigenem Bad, funktonierendem Klo und einer sauberen Küche. Und einer riesigen Tafel Schokolade. Die gönne ich mir jetzt, bevor ich bei der Flüchtlingshelferin des Sozialamts anrufe, um eine Fensterscheibe für Familie G. zu besorgen.