agraprofit - Eine Sache der Blickrichtung

Endlich hat sich ein Unternehmen auf dem Markt etabliert, das für die Dinge steht, die es tut. Es nennt sich "agraprofit" und stellt derzeit auf verschiedenen Wochenmärkten seine Produkte vor. „Wir sind fair zum Verbraucher“, meinen die zwei jungen, sympathischen Verkäufer, "wir produzieren Billigwaren und bieten aber gleichzeitig volle Transparenz über die Produktion".

Nicht wissen wollen

Das ist bei "agraprofit" mehr Information, als der Kunde wissen möchte. Im Sortiment auf dem Marktstand sind an diesem Tag Eier aus garantierter Kleingruppenhaltung, pestizidbelastete  Bananen, Kaffee von gebeutelten Kaffeebauern und Schokolade, für die nachweislich Kinder geschuftet haben, aber "jedes nach seinem Können im Rahmen einer Art Arbeitsferienlager".

 

Schnäppchenwille überwiegt

 

Das Erschreckende: Die Leute kaufen trotzdem. Manche stehen zwar etwas ratlos vor dem modernen Marktstand, aber bei vielen kann man quasi das Dollarzeichen in den Augen sehen. Hin und wieder eine Nachfrage. "Wie kommt es, dass die so günstig sind?", fragt ein Kunde beispielsweise angesichts des Bananen-Superschnäppchens. "Warum die so günstig sind? Das liegt einfach daran, dass wir unseren Arbeitern nicht so viel bezahlen.", meint der sympathische junge Verkäufer ohne mit der Wimper zu zucken. Und er setzt noch eins drauf: "Wir geben sogar mehr Geld für Pestizide aus als für unsere Arbeiter um ehrlich zu sein."

Realitiät akzeptieren, Profit maximieren

Kann gar nicht sein? Von wegen. Mal abgesehen von dem Unternehmen "agraprofit" gibt es dieses Denken tatsächlich. Beim Ansehen des Kurzfilmes schauert es dem geübten strategischen Konsumenten (also demjenigen, der beim Einkauf etwas genauer auf die Herkunft seiner Produkte achtet) schon etwas.

Zum Glück möchte man meinen, ist dieser Kurzfilm über eine Guerilla Aktion nicht echt. Aber das ist leider falsch gedacht: Zwar mag das Unternehmen nicht existieren, die Konsumenten, die bei der Aktion hinters Licht geführt wurden gibt es tatsächlich. Und das nicht nur vor diesem Marktstand, sondern täglich in jedem Supermarkt.

DAS ist erschreckend.

Konsumenten aufrütteln

Erfreulich ist jedoch zu deuten, dass dieses Video innerhalb kürzester Zeit dank allen möglichen Social Media Kanälen und der Berliner Internationalen Grünen Woche innerhalb kürzester Zeit einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat. War ich gestern der 304. User, der sich bei Youtube für das Video interessierte, hat es heute - keine 24 Stunden später - bereits an die 16.000 Klicks. Das ist schon mal ein großes Lob für YOOL - Werbeagentur für Nachhaltigkeit, welche den Film konzipiert und realisiert hat.

"Kontrollierter Gourmet-Anbau mit regionaler Rezeptur"

Bild: Max Strohmeier / www.jugendfotos.de
Bild: Max Strohmeier / www.jugendfotos.de

Hintergrund der Aktion der Kampagne "Öko + Fair ernährt mehr!" von Naturland und dem Weltladen-Dachverband könnte passender nicht sein: Glaubt man den Machern des Projektes, zählen die Deutschen zu den größten Schnäppchenjägern Europas. Für die Deutschen sei der Preis, insbesondere bei Lebensmitteln, wichtigstes Kaufkriterium.

Die Lebensmittelindustrie täuscht mit schönen Werbeslogans über die fragwürdige Entstehung der Billigprodukte hinweg. Mit schöngefärbten Produktbeschreibungen wie "regional", "kontrollierter Anbau", "traditionelle Rezeptur", "Gourmet", oder mit grünen Verpackungen und nachhaltiger Produktaufmachung lässt sich der Verbraucher allzu leicht darüber hinwegtäuschen, dass für Billigpreise auch nur billige Massenproduktion möglich ist, oft unter Ausbeutung von Menschen und Raubbau an der Natur. Dass gesunde, faire und nachhaltig produzierte Ware zum Discountpreis nicht möglich ist, wollen die Kunden in der Regel nicht einsehen.

 

Aber wie aufgewühlt, beunruhigt oder auch unbeeindruckt reagieren die Menschen, wenn sie direkt hören, welche Zustände andernorts mit ihrem Einkauf verbunden sind? Genau das wollten die Filmemacher herausfinden – und dokumentierten damit sehr anschaulich das Dilemma in Sachen Nahrungsmittelwertschätzung.