Wenn Sophie nur wüsste…

 
Bild: Johannes-Ammon / www.jugendfotos.de

„Weg da du alte Schrulle!“ Bernd schlug verärgert mit den Händen auf sein Lenkrad ein. Da die alte Dame samt Dackel und Gehwägelchen seelenruhig über den Zebrastreifen spazierte, konnte er seinen Rekord von 14 Minuten und 36 Sekunden wieder nicht toppen.

14 Minuten 36

Nachdem die rüstige Rentnerin den Weg wieder freigegeben hatte, lenkte er genervt seinen Wagen wieder zurück zum Ausgangspunkt. Vor zum Kreisverkehr, geradeaus durch, den Spielplatz links liegen lassen, dann kommt die Bushaltestelle und der Supermarkt auf der rechten Seite - Die Strecke kannte Bernd schon auswendig, hin wie zurück. Natürlich auch die Tücken und Gefahren: Bei der Ampel vor der Schule auf Kinder aufpassen, zwischen Supermarkt und Schnellstraßenzufahrt sollte man unbedingt den Hilfsspiegel benutzen, und bei der abknickenden Vorfahrtsstraße darf nicht allzu rasant in die Rechtskurve gesteuert werden, sonst schert das Heck zu schwungvoll aus.

Von vorne

Mit dem Passat war diese Kurve zwar leichter zu meistern gewesen, doch da dieser Wagen in Sachen Zuverlässigkeit gerne mal wegen einem rumpelnden Stoßdämpfer seinen Einsatz in Frage stellte, fuhr Bernd nur noch ausschließlich mit dem Ford Galaxy auf seiner persönlichen Teststrecke, die sich mehr und mehr als Geduldsprobe erweisen sollte.  


Bild: Tabea Stölting / www.jugendfotos.de

Er dachte an Sophie. „Wenn sie nur wüsste, was ich hier mache!“, dachte er, und er wusste wirklich nicht, was denn wäre, wenn sie es wüsste. So wirklich wusste Bernd ja selbst nicht, was er da machte. Sophie jedoch ahnte nichts von der Rekordjagd ihres Mannes. Sie wähnte ihren Gatten wie jeden Abend bei seinen Kumpels in der Stammkneipe, nichts ahnend, dass er bereits seit fast drei Wochen nicht mehr im „Alten Ross“ war, sondern hier seine Runden drehte, Stunde um Stunde, Abend für Abend. Nur einmal hatte Sophie ihn dabei erwischt, wie er vor der Wohnung reifenquitschend losgerast war, damals dachte sie, er sei zurückgekehrt um zu kontrollieren, dass sie sich wirklich mit ihrer Mutter und nicht mit ihrem besten Freund zum Stelldichein traf.

Zurück auf Null

Um ewige Streitereien zu vermeiden, startete Bernd seitdem erst an der nächsten Straßenkreuzung, wo er auch jetzt gerade wieder eintraf. Die Schubertstraße bot sämtliche Vorteile und im Notfall konnte man auch mit Sicherheit damit leben, erst die zwei Minuten zum Auto zu laufen, die waren in seinem Rekord von 14:36 bereits berücksichtigt worden.

Ein kurzer Blick zu Bernd und Sophies Wohnzimmerfenster, dann setzte er die Stoppuhr wieder zurück auf null. Noch einmal wollte Bernd es für heute versuchen. Das war er Sophie, seinen Kumpels und sich selbst schuldig.


Bild: Annabell Sommermeyer/www.jugendfotos.de

Und tatsächlich: Dieses Mal schaffte der werdende Vater den Rekord zum Entbindungskrankenhaus unter 13 Minuten – und das, ohne auch nur eine einzige Verkehrswidrigkeit zu begehen. Zufrieden fuhr er zu seiner Frau zurück, wohl wissend, dass er sich gleich erneut einem vorwurfsvollen Vortrag anhören durfte, was ihm denn einfiele, bei den besonderen Umständen lieber zu seinen Saufkumpanen zu gehen, anstatt der hochschwangeren Frau beizustehen.

Wenn Sophie nur wüsste…