Parkplatzgeiseln

Bild: Lasse Hochfeld / www.jugendfotos.de
Bild: Lasse Hochfeld / www.jugendfotos.de

Sie friert und wickelt sich ihre grüne Strickjacke noch fester um. Langsam nimmt sie ihre Handtasche auf den Schoß und nestelt eine Packung Zigaretten heraus. Zögert kurz, und stopft sie wieder zurück.Sie will aufhören mit dem Rauchen, der Kinder wegen und wegen ihrem Teint. Aber das Schicksal meint es ja nicht gut mit ihr.

Eigentlich nur aus Langeweile spielt sie mit den Fensterhebern in ihrem Auto. Scheibe hoch, Scheibe runter.

Ohne Zeit, viel Raum

Bild: Jasmin Gritza / www.jugendfotos.de
Bild: Jasmin Gritzka / www.jugendfotos.de

Der nervöse Blick auf die Radiouhr zeigt, dass er nicht zu spät, sondern sie zehn Minuten zu früh ist. Selber Schuld bist du, also reiß dich zusammen, sei nett.

Die Idee mit dem Autoparkplatz kam von ihr, eine rein strategische Entscheidung, vielleicht hätte sie anders gewählt, wenn sie gewusst hätte, wie es hier aussieht. Überall Müll und weggeworfene Taschentücher. Der einzige Strauch auf dem kleinen Gelände sieht aus, als würde er von allen möglichen Kreaturen als Klo missbraucht werden.

Als der schwarze Audi an ihr vorbeifährt, versteckt sie schnell die Zigarette, die sie sich mittlerweile doch gegönnt hat. Eine noch. Der Wagen dreht, und stellt sich mit einiger Entfernung vor ihres.

Jetzt geht es los. Bleib ruhig. Sie wünscht sich ganz weit weg, ihr graut vor dem, was gleich passiert. Was immer passiert.

Von Parkplatzgeiseln und Lösekindern

 

Bild: Malena Gräwer / www.jugendfotos.de
Bild: Malena Gräwer / www.jugendfotos.de

Der Audifahrer gibt Lichthupe. Wie bei einer Lösegeldübergabe. Ja, wie bei einer Lösegeldübergabe, jetzt weiß sie, woran sie das ganze Prozedere immer wieder erinnert. Die Lichthupe ist doch das Zeichen bei einer Lösegeldübergabe oder dem Geiselaustausch. Genaugenommen, das wird ihr schlagartig klar, ist es wirklich eine Geiselübergabe.

Ein Mann steigt aus dem Auto. Er sieht gut aus, glücklich, irgendwie ausgeglichen und entspannt. Sein blaues Hemd passt perfekt zu seiner Frisur und seine Augen strahlen mit diesem leuchtenden Blau, als er zu ihr herüberwinkt und sich dann daran macht, die Geiseln zu befreien.

Okay, stark bleiben, nett bleiben, aussteigen, denkt sie und seufzt. Sie hat es ja so gewollt hier, in dieser Müllhalde. Aber was kann sie schon anderes ausrichten? Von jemand anderem kommt ja keine Hilfe.

Schicksal, komm, wir trinken was

Bild: Elisa Haase / www.jugendfotos.de
Bild: Elisa Haase / www.jugendfotos.de

Der Gefangenenaustausch ist schnell vorbei. Keine zehn Minuten hat es gedauert, die zehnjährige Lena und den kleinen Louis samt Gepäck von einem Auto ins andere zu bugsieren, beim Kindesvater auf starke Frau zu machen und diesen ekligen Parkplatz wieder zu verlassen.

Die Kinder auf der Rückbank sind wie immer begeistert vom Wochenende, haben aber entgegen ihrer Gewohnheit heute das große Theater und Geschrei ausgelassen. Ob sich wohl alles doch mit der Zeit legt? Oder ob der Kindesvater einfach  vergessen hat, gegen sie zu wettern? Sie nimmt sich vor, auf diesen unkompliziertesten Geiseltausch seit langem heute Abend einen Wein zu köpfen.

 

Jetzt fängt Lena auf dem Rücksitz doch an zu quengeln. „Maaaaamaaaaa! Jetzt frag doch endlich wie es war! Nie willst du wissen wie es war!“ und der kleine Louis stimmt mit ein: „Ja Mama, dir ist es ganz egal was wir machen nämlich, gell?“ Ohne auf eine Antwort zu warten sprudeln die beiden los. „Wir waren bei Tante Lisa und da war der Paul und der hatte ein richtiges Kettkar, ein ganz tolles rotes und mit dem bin ich gefahren…“

Also doch, dachte Sie. In Gedanken köpfte sie die Weinflasche schon jetzt. Und eine Zigarette gönnt sie ihren Nerven schon jetzt. Eine noch.  Sie hat es ja auch nicht leicht mit ihrem Schicksal.