Oh du Fröhliche?!

 Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)
Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

"Liebe Weihnachtsgrüße! Geniesst die Feiertage wie ihr mögt: Allein, zu zweit, mit der Großfamilie, mit oder ohne Geschenke..." Das waren meine Twitter-Weihnachtswünsche dieses Jahr. Und ich hoffe, dass viele (und da meine ich jetzt ausnahmsweise die eingesessenen Wohlständler) wirklich Weihnachten so feiern konnten, wie sie sich das vorstellen, und nicht, wie man das eben so macht - höchstens, sie mögen es eben so.

 

Der lange Weg zu fröhlichen Weihnachten

Ja, es ist gewissermaßen Jammern auf hohem Niveau. Zugegeben, auf höchstem Niveau. Doch für mich ist es etwas ganz besonderes, Weihnachten so zu erleben, wie ich es nun zum 6. Mal in Folge erleben durfte. Bis es dazu kommen konnte, waren allerdings große Überwindungskräfte erforderlich. Das größte Problem bei der Umstellung: Wie kann ich mich aus den traditionellen Bräuchen so geschickt herauswinden, dass keiner gekränkt ist? Sagen wir mal so: Das war nicht leicht.

Meine ganz persönliche Weihnachtschronik:

Kindheit: Alles funkelt, alles glänzt!

 Oh, du fröhliche Weihnachtskinderzeit!
Oh, du fröhliche Weihnachtskinderzeit!

Weihnachten als Kind - klar, dass ich daran nix auszusetzen habe. Wie höchstwahrscheinlich jedes Kind sehnte ich schon Wochen im Voraus mit ellenlangen Wunschzetteln dem heiligen Abend und vor allem der Bescherung entgegen, freute mich auf den schön geschmückten Weihnachtsbaum, das lange Aufbleiben und auf die Aufmerksamkeit beim Geschenkeauspacken und der anschließenden Unaufmerksamkeit der Erwachsenen, wenn ich alleine mit den Hunden und meinen neuen Geschenken unterm Baum spielen durfte, während die Großen im Esszimmer stundenlang schwafelten.

 

Jugend: Das böse Erwachen oder: Weihnachten des Grauens

 Nicht nur Mensch, auch Hund braucht gute Nerven.
Nicht nur Mensch, auch Hund braucht gute Nerven.

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich mich schon sehr früh gegen den weihnachtlichen Geschenkewahn gewehrt. Zumindest kann ich mich daran erinnern, dass ich vor allem mit meiner Großmutter regelrechte Kämpfe im Bezug auf Geschenke ausgefochten hatte. Ich wollte durchsetzen, dass ich nichts zu Weihnachten bekomme, wenn ich mir nichts wünsche, dafür irgendwann anders im Jahr, wenn ich wirklich einen Wunsch hatte. Da stieß ich natürlich auf Granit. Weihnachten ohne Geschenke, wo gibts das schon! Auch auf einen Kompromiss, sich jeweils nur ein Geschenk unter den Baum zu legen, ging sie nur zum Schein ein: Zum Schluss waren da doch wieder viel zu viele Präsente pro Person zu finden. Drin natürlich nur so Dinge, mit denen man vielleicht etwas anfangen, sich aber nicht drüber freuen konnte. Immerhin hat sich die weitere Verwandtschaft versöhnlicher gezeigt und sich bei der Auswahl des einen Geschenks viel Mühe gemacht.

Psychosoziale Herausforderung

 Bild: Lioba Hölzle / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)
Tonnenweise unnötige Geschenke
Bild: Lioba Hölzle / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Auch wurde mir schon recht früh klar, dass Weihnachten bei Erwachsenen (zumindest in meiner Familie) ein ständiges "sich-verstellen" mit sich bringt. Faszinierend, wie unterschiedlich sich die Großen da anstellen. Mein Vater zum Beispiel behielt immer die Nerven, egal wie gegen den Strich ihm etwas ging - und das, obwohl er eigentlich immer sehr direkt ist. Mein Opa hingegen, ein üblicherweise sehr friedlicher und ruhiger Mensch, platzte nicht selten vor allem an Weihnachten der Kragen. Noch dazu galt ich nach wie vor als das Kind, für das der ganze Zirkus überhaupt veranstaltet wird - auch wenn ich mir nichts sehnlicher wünschte, als diesen Horrortag irgendwie heil zu überstehen.

"Diese Heiterkeit, diese immerwährende Heiterkeit!"


"Immerwährende Heiterkeit" dank diverser Alkoholika...

Ich übte mich wohl oder übel des Friedens Willen schnell in Loriots Phänomen der "Heiterkeit, dieser immerwährenden Heiterkeit!". Egal wie dir die altbackenen Gespräche teils im größten Stammtisch-Niveau (mangels Geschwistern und jüngerer Verwandten war ich stets die Jüngste mit den "da bist du noch zu jung dafür-" und "rebellischen" Meinungen) auf den Keks gehen - schlucks runter und bleib friedlich. Auch wenn sich am Ende des offiziellen Abends alle am liebsten gegenseitig die Augen auskratzen würden. Das Essen muss man toll und lecker finden, auch wenn du die Gans (und später die Beilagen der Gans) nicht im geringsten Ausstehen kannst. An Weihnachten gibt es eben Gans (war bei uns zumindest so), egal ob man es mag oder nicht. Zum Glück entdeckte ich mit zunehmendem Alter die beruhigende Wirkung des Alkohols, welcher tatsächlich sowas wie eine "vorübergehende Heiterkeit" bewirkte. Nicht selten war ich schon lange vor Mitternacht im Bett. Heimlich natürlich mit Hund, dem der Trubel auch nicht so zu gefallen schien.

Studienzeit: Weihnachten wie im Bilderbuch

 Echte Freude über Selbstgestrickte Strümpfe und Stulpen.
Echte Freude über selbstgestrickte Strümpfe und Stulpen

Mein letztes traditionelles Weihnachtsfest war auch eins der schönsten überhaupt, auch wenn der Anlass ein trauriger war: Mein krebskranker Opa befürchtete, dass dies sein letztes Weihnachten sein würde und beauftragte mich heimlich mit der verantwortungsvollen Aufgabe, "ein mal ein richtiges Weihnachten" zu organisieren. Immerhin - auch er schien die letzten Jahre mehr als Tortur erlebt zu haben. Tja, und ich? Wie sollte ich als Weihnachtsmuffel so ein perfektes Weihnachtsfest organisieren? Ich konnte ja nicht einfach alle abfüllen, am wenigsten meine Oma. Noch dazu wohnte ich seit einem Jahr nicht mehr in der Nähe der Heimat.

 

Es geht also doch!

Hier war vor allem die Vorweihnachtszeit eine echte Qual für mich. Um Veränderungen zu schaffen musste ich ja schließelich genau diese durchsetzen, was enorme Überzeugungsarbeit bei meiner sehr traditionell eingestellten Oma kostete. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie wir das letztendlich hingekriegt haben, aber es war wirklich ein tolles Fest, bei dem man sich nur wenig verstellen und auf "immerwährende Heiterkeit" machen musste. Es gab einen richtig hübschen Baum (sonst wurde der aus Kostengründen immer erst am 24. gekauft, jetzt zauberte er schon Tage vor Weihnachten Stimmung ins Haus), zu Essen gab es erstmals "schlichte" Frikadellen - auch mit ohne Fleisch - mit Kartoffelsalat, bei der Bescherung gab es nicht mehr so übertriebenen Quatsch (und teilweise beschenkten wir uns wirklich nicht! Je, war das schön!) und irgendwie waren alle glücklich, zusammen zu sitzen.

Seitdem habe ich tatsächlich die Hoffnung, dass alle, die traditionelle Weihnachten toll finden, genau so ein Fest erleben dürfen.

 

Heute: Neue Tradition geschaffen

 Keine Gans, kein Raclette - Warum nicht mal ein Weihnachts-Grillen?
Keine Gans, kein Raclette - Warum nicht mal ein Weihnachts-Grillen?

Trotzdem war das mein letztes traditionelles Weihnachts-Familien-Fest. Mein Opa behielt leider recht und starb im Frühling darauf. Seitdem habe ich die aufgesetzte "immerwährende Heiterkeit" abgelegt und verbringe Weihnachten stets ohne Familienverpflichtungen, ganz im Sinne des Großteils meiner Familie, wie sich herausgestellt hat. Außerdem gibt es zu diesem Konsumfest bei uns schon lange keine Geschenke mehr - und es halten sich alle daran.

Die ersten Anflüge von "Kind, du vereinsamst doch so, es ist Weihnachten, da zieht man das durch!" waren für alle eine Überwindung, doch wir haben eingesehen, dass Weihnachten auch ohne mich als "Kitt der Familie" toll sein kann, wenn man sich eben mal um etwas neues bemüht oder längst fällige Schlussstriche zieht.

Nach zwei mal Weihnachten in einer Ferienwohnung in München und Augsburg, ein obergenial abgefahrenes Weihnachten mit vorausgegangener Millionärsparty im Libanon (laaaaaange Geschichte), ein soft-Weihnachten mit einem Viertel der Familie (ein Versuch wars Wert...) und vor allem mehreren Weihnachten ganz alleine mit dem Lieblingsmenschen und dem Lieblingspony zu Hause hat sich so bei uns eine Art neue Tradition entwickelt, mit der alle Beteiligten glücklich sind. Das ist doch auch was.

Übrigens: Aus nostalgischen Gründen schauen wir traditionell am Weihnachtsabend Loriots "Weihnachten bei Hoppenstedts". Ihr könnt Euch bestimmt denken warum.

 



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Über das Schenken


Bild: Anne Dobler / www.jugendfotos.de

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