Grenzgänger.

 Bild: Fritz-Schumann / www.jugendfotos.de (CC-Lizenz(by))
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… und eines Tages kam sie einfach her und nahm ihn mit. Auf die Reise. In ein Land, nein, in eine Welt. In eine Welt, in der er Flügel hatte, in der alles grün und bunt ist, und in der einfach alles um ihn herum verpuffte wie Seifenblasen im Regen: Alles, was ihn herunterzog, alles, was seinen Kopf zerbrach und alles, was dicke Regenwolken mit seiner Seele anstellten. Am Anfang waren sie und er etwas zögerlich, doch bald nahm sie ihn immer häufiger an die Hand und brachte ihn zur Pforte in ihre Welt, und schubste ihn dann hinein in die Unendlichkeiten seiner selbst – dem Ort, den er ohne sie nie gefunden, den er ohne sie niemals erreichen konnte.

 

Eine Welt der lauten Lautlosigkeit

 Bild: Stephan-Langer / www.jugendfotos.de (CC-Lizenz(by-nc-nd))
Bild: Stephan-Langer / www.jugendfotos.de (CC-Lizenz(by-nc-nd))

Er war dort nie am Ruhen, weil er in sich zur Ruhe fand, indem er in einem vor Glück schreiendem Tempo über das Grün und das Bunt hinweg raste, barfuß, und einfach nur konzentriert war auf die Geschwindigkeit, die sein Herz zum Pochen brachte, die Gedanken vom Denken befreite und alles so klar werden ließ, wie es in seiner Welt niemals werden konnte.

In ihrer Welt gab es keine Steine, die im Weg standen, keine Sorgen rechts und links am Wegesrand, keine Belanglosigkeiten, die ihn herunterzogen in den tiefen Sumpf des Alltags und der ach so wichtigen Werte der Gesellschaft seiner eigenen Welt.

 

Abhängig vom Abgrund

 

Je öfter sie ihn in ihr Land entführte, desto schwerer wurde ihm die Rückkehr: Er hasste die Momente, wenn die Wartende ihn zurückrief zur Grenze der beiden Welten, wo sie ihn brutal zurückstieß in seine Welt, in der er keine Flügel hatte, in der es keine Ruhe gab außer unerträglichen Stillstand. Wo nach jeder Rückkehr die Steine auf den Wegen immer größer, die Sorgen rechts und links am Wegesrand immer schwerer und die Sümpfe aus Belanglosigkeiten immer tiefer und tiefer wurden bis er sich ein letztes Mal besann und seine Welt mit ihrer Hilfe für immer den Rücken kehren wollte.

Als sie das nächste mal kam, um ihn mitzunehmen, ging alles ganz schnell: Er ließ sich nicht wie sonst von ihrem sanften Händedruck leiten. Stattdessen packte er die Arme der zierlichen Grenzgängerin, zerrte sie mit über die Grenze der beiden Welten, deren beiden Seiten sie selbst niemals zuvor betreten hatte und stürzte sich mit ihr hinein in das Land, in dem er Flügel hatte und sorgte auf abscheulichste Art dafür, dass sie ihn niemals wieder zurückrufen konnte zur Grenze seines Seins.