Spießer ist, was du draus machst

 Bild: Tabea Vollmert / www.jugendfotos.de CC-Lizenz (by-nc)
Abgeblättert: Revolution war gestern
Bild: Tabea Vollmert / www.jugendfotos.de CC-Lizenz (by-nc)

"Wenn ich groß bin, will ich auch ein Spießer werden!" Diesen legendären Satz aus einer Bausparkassen-Werbung Ende der 90er habe ich bestimmt nie gesagt. Und niemals hätte ich gedacht, dass ich mich mal zu den Spießern zählen werde. Doch nun, nach den wilden Jahren aus Schule, Uni, chaotischen Reise-Experimenten und Co. scheinen die Anzeichen dessen, was ich gemeinhin als spießig verstand, auch vor mir keinen Halt zu machen.

Frau von Spieß, bitte!

Es ist nicht zu leugnen, und das ist schon etwas unheimlich. Wirklich.

Ich mache mindestens zwei Mal die Woche Sport. Der persönliche Fuhrpark vor der Haustür wächst und gedeiht. Ich beginne zunehmend, die Sache mit der Kehrwoche ernstzunehmen und ertappe mich nicht selten dabei, mich über die Nachbarn zu ärgern, die das nicht tun. Ich genieße die Aussicht von ein paar höheren Stufen der Karriereleiter, fange an, mein Leben rund um den Job drehen zu lassen und fühle mich gegenüber jüngeren Kollegen abgebrüht, stressresistent und alt. Außerdem folge ich auf Twitter einem Gartenzwerghersteller.

Ja, ich habe sogar mehrere Zeitschriftenabos und gehe auch sehr viel öfter als früher in ein Restaurant. Seit mein scheinbar einzig übriggebliebenes Zeichen der Rebellion dank Attila Hiltmann und Björn Moschinski voll trendy ist, kann ich mich nicht mal mehr auf mein Veganertum berufen. Bei dubiosen "Errechne dein mentales Alter"-Tests im Internet bin ich deutlich älter, als mir lieb ist. Auf einer Geburtstagsparty (dem ersten 30. im Freundeskreis by the way) ertappe ich mich mit einer alten Bekannten dabei, dass wir von Thermomixen (sie) und Handstaubsaugern (ich) schwärmten. Und spätestens die Tatsache, dass ich seit über drei Monaten meine - Achtung - STEUERERKLÄRUNG vor mir herschiebe, beweist ja wohl eindeutig, dass die Spießer dieser Welt um eine Person reicher geworden sind.

Spießer ist, was du draus machst

 Scheint, als wäre ich nun tatsächlich groß geworden. Groß und spießig. Auch wenn ich das eben nicht werden wollte. Glaube ich. Denn mal abgesehen von all den Vorurteilen eines Spießers, ist so ein Leben ganz schön bequem. Immerhin muss man ja nur an seinen eigenen Vorteil denken, und nicht noch an den Rest der Welt. Tja, so ist das. Oder auch nicht. Wenn ich ein bisschen überlege, kommen nämlich auch mindestens genausoviele große und kleine Antispießer-Merkmale zum Vorschein - allein schon deswegen, weil ich mich damit auseinandersetze. Zum Glück gibt es ja "die Anderen". Und die Tatsache, dass es wesentlich größere Spießer um mich herum gibt, die mich liebevoll als "ausgeflipptes Öko-Huhn" bezeichnen, beruhigt mich ebenfalls. Spießige Grundregel besagt ja: Schuld sind immer die Anderen. Und spießig auch. Ich hingegen bin nur ein kleines, witziges und leicht verrücktes Menschchen.

Wie ein Gartenzwerg.