Deutsche Slums für Reiche

 Bild: Keynan Dietrich / www.jugendfotos.de
Bild: Keynan Dietrich / www.jugendfotos.de

Ich gebe zu: Diese Drei-Minuten-Geschichte könnte unter Umständen auch in zwei Minuten gelesen sein. Dafür bleibt sie mit Sicherheit länger im Kopf. Sie handelt von der Geschichte des Bruders einer Freundin, der die Geschichte tatsächlich erlebt hat…

Kulturcrash mit positivem Nebeneffekt

…und zwar im Zug. Die Fahrt von hier nach dort begann für Sven eigentlich wie immer. Ein stressiger Arbeitstag und ein paar Überstunden lagen hinter ihm, was immerhin zur Folge hatte, das nicht mehr allzu viel in der Regionalbahn los war. Auch hier gibt es nämlich Berufsverkehr, wie regelmäßige Bahnfahrer wissen. So machte Sven es sich alleine in einem Vierersitzgrüppchen bequem. Nach einiger Zeit machten ihn mehrere Stimmen hinter ihm hellhörig.

 

Slums in Deutschland? Wo?

 Bild: AnRo0002
Bild: AnRo0002

"Look, look! They HAVE Slums here in Germany. I knew it. I KNEW it!" sprach eine männliche Stimme mit unverkennbar indischem Akzent. Sven sah verwirrt aus dem Fenster und sah, was sein Mitfahrer entdeckt hatte: Der Zug fuhr gerade an einer liebevoll gepflegten Schrebergartenkolonie vorbei, die – das musste er zugeben – für unwissende durchaus für eine Art Armenbehausung aussehen konnte.

 

Schrebergärten - German Slums

Sven hätte jetzt einfach schweigend in sich hinein grinsen können. Stattdessen stellte sich den ausländischen Mitreisenden vor und erklärte dem Inder und einer Vietnamesin (deswegen das Englisch, beide waren auf Geschäftsreise), dass es sich bei dem vermeintlichen Slum um einen Kleingarten handelt, indem sich Menschen aus der Stadt etwas Gemüse anpflanzen und Ruhe vor dem Großstadttrubel suchen.

 

 Bild: Jonathan McIntosh
Bild: Jonathan McIntosh

Städter wollen einen Garten? Warum denn das?

Da war die Überraschung groß. Keiner der beiden konnte verstehen, warum sich die Deutschen  einen Garten zulegen, wenn sie es doch in der Stadt geschafft hatten Fuß zu fassen. Sich vollkommen freiwillig und nicht aus der Not heraus die Hände bei der Gartenarbeit schmutzig zu machen – einfach unvorstellbar. Schnell war allen Gesprächspartnern klar:

Das Wohlstandsgefühl in Indien und Vietnam beißt sich mit dem der deutschen Kultur. Wer einen Garten hat, kann sich keinen Einkauf im Supermarkt leisten – und wer genug Vermögen besitzt, muss sich nicht im Gemüsebeet die Hände schmutzig machen. Schon gar nicht in einem, das aussieht wie ein Slum.

 

Deutsche Slums für Reiche

 Bild: Canna W. / sxc.hu
Bild: Canna W. / sxc.hu

Der Inder, die Vietnamesin und der Deutsche haben an diesem Tag im Zug etwas gelernt, das in keinem Reiseführer steht.  Und sie haben sich angefreundet. Noch heute stehen sie über Facebook in Kontakt und tauschen sich vor allem darüber aus, wie die drei verschiedenen Länder mit der Armutsbekämpfung umgehen.

Gut, dass es sich bei den German Slums nur um ein Missverständnis handelt. Aber um eins, aus dem wir bestimmt etwas lernen konnten.