Der alte Mann und sein Glück - oder: Eine Geschichte in Prosa Moll


Aktenzeichen: 1K 130/11,  Amtsgericht Tübingen


Bild: Lisanne Müller / www.jugendfotos.de
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Ein letztes Mal noch, dachte der alte Mann, als er durch seinen geliebten Garten ging. Alles war so wie immer, wie er es sich vor über 40 Jahren vorgestellt hatte. Die Birke, die er als kleiner Setzling damals bei einem Waldspaziergang mit seinen Söhnen mitbrachte, war groß und prächtig geworden, die Tanne unten an der Straße hatte sich ein Vogelpaar als Familienresidenz ausgesucht und vor kurzem erst hatten sie hier den Hamster seiner Enkelin begraben.

„Weil ich Schnuffi und dich dann immer hier besuchen kann“, schniefte die kleine Sabrina mit Tränen in den Augen. Unterm Nussbaum steht nun ein kleines Kreuz mit dem Namen des toten Nagers. Ein Eichhörnchen hatte bei der Beerdigung im Nussbaum gesessen und zugesehen. Der Nussbaum war groß und alt, vor langer Zeit hatte er hier eine Schaukel befestigt, damit seine Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen konnten. Als er ein kleines Kind war, hatte es keine Schaukeln an Nussbäumen gegeben.


Dienstag, 5. März 2013, 10 Uhr Amtsgerichtsgebäude, Saal III


Er ging zu den sieben Apfelbäumen, die über all die Jahre hinweg so viele Früchte trugen, dass seine Frau Inge gar nicht mehr wusste, wohin. Jeder noch so kleine Platz in der Vorratskammer war damals mit Apfelwaren gefüllt gewesen: Apfelkompott, Apfelsaft, Äpfel für die Amseln im Winter, ja sogar ein eigenes Apfelmarmeladenrezept hatte Inge erfunden, um der jährlichen Apfelflut Herr zu werden. Einige Kilos verkauften sie auf dem Markt.


Unbebautes Grundstück, wasserversorgungs- und Entsorgungsanschlussgebühren sind bei Anschluss noch fällig


Bild: Zirzuke / sxc.hu
Bild: Zirzuke / sxc.hu

„Die Bäume danken dir die gute Pflege eben mit ihren Früchten“, hatte Herr Huber von der Saftpresse einmal gesagt. Und er fand, dass Herr Huber damit bestimmt nicht unrecht hatte. Die Pflege seiner sieben Apfelbäume hatte er immer gerne und mit größtem Gewissen durchgeführt. Bis heute war er jeden Herbst mit der alten Holzleiter und einer kleinen Säge auf die Bäume gekraxelt, hatte die Äste gestutzt und die größeren Flächen versiegelt. Im Frühjahr dann schützte er die Stämme mit Talgpuder vor den gefährlichen roten Ameisen und düngte die Wurzeln mit Asche aus dem Holzofen.


Verkehrswert gemäß § 74a Abs. 5 ZVG: 265.000,00 Euro


Damals hatte man ihn belächelt, als er mit sieben – und nicht wie üblich mit einer geraden Zahl an Obstbäumen - von der Baumschule kam. Sieben Apfelbäume sollten es sein, ein Baum für jeden seiner Brüder, die im Krieg geblieben waren, als er ein kleiner Junge war. Heute nennt man das Friedwald, erst neulich hatte er eine Dokumentation im Fernsehen darüber gesehen. Und jetzt war alles vorbei. Für die Bäume.


Im Wege der Zwangsvollstreckung wird das Grundstück Flst. 5987, 11a 22m² versteigert


Bild: Sparkules / sxc.hu
Bild: Sparkules / sxc.hu

Ein letztes Mal noch lief er im Slalom um die Apfelbäume herum, strich mit der Hand über die raue Rinde und befand mit einem Blick auf die Äste, dass dieser Sommer wieder eine gute Ernte einbringen würde. Doch seine Bäume würden den Sommer nicht mehr erleben. Auch das Vogelpaar in der Tanne und das Eichhörnchen im Nussbaum mussten sich eine neue Bleibe suchen. Seine Enkelin Sabrina würde das Grab ihres Hamsters Schnuffi nicht mehr besuchen können. Zwei Tage noch, dann sollte das Schicksal seines ganzen Glücks besiegelt werden.


Bietvollmachten müssen öffentlich beglaubigt sein, Bieter benötigen Personalausweis oder Pass

 

Wie wohl Äpfel aus dem Supermarkt schmecken? Bisher hatte er sich diese Frage nie stellen müssen. Er würde sich die Frage wohl auch nie mehr stellen, denn er wollte plötzlich keine Äpfel mehr essen. Nicht, wenn er sie nicht selbst in seinem Garten geerntet hatte. Bald würden seine sieben Apfelbäume plattgewalzt werden. Schnuffis Grab ebenfalls. Wahrscheinlich würde der Meißner das Grundstück kaufen und seine Fabrik darauf erweitern. Er konnte es Meißner nicht verübeln. Er mochte den Unternehmer, der mit seiner Schlauchmaschinenfabrik so viele Arbeitsplätze in seine kleine Stadt gebracht hatte. Aber der Gedanke, dass aus seinem Grundstück nun eine Lagerhalle oder schlimmer, ein einziger Parkplatz wurde, gefiel ihm keineswegs.


Auf Verlangen ist nach Maßgabe der §§ 67 ff ZVG Sicherheit in Höhe von 10 % des Verkehrswertes zu leisten


Bild: Max Pf. / www.jugendfotos.de
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Zwei Tage noch. Plötzlich fiel ihm ein Spruch ein. Von wem war er doch bloß? Von Adenauer oder Bonhoeffer? Ach, was sollte das. Er fasste einen Entschluss. Mit einem Spaten hob ein kleines Loch aus, ganz behutsam. Dann machte er sich auf den Weg in die Baumschule. Im Auto fiel es ihm dann ein. Der Spruch war von Martin Luther.

 „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“, so ähnlich hat er das gesagt.

Er grinste in sich hinein.

Seine Welt geht erst übermorgen unter.

Zeit genug, für ein achtes Apfelbäumchen.


Für sich.