Amicus in Silva

Freunde im Wald


Bild: Anna-Roppelt / www.jugendfotos.de
Bild: Anna-Roppelt / www.jugendfotos.de

Ich war gerade dabei, meinen schwäbischen Pflichten im Treppenhaus nachzugehen, als unser siebenjähriger Nachbar Sebastian mitteilungsbedürftig wie immer von seiner Tagesmutter nach Hause kam. "Stell dir vor Cody," hieß es dann, "ich habe schon jetzt ganz viele neue Freunde in der neuen Klasse!". (Man muss wissen: Bei seinen alten Klassenkameraden war er nämlich der Buhmann gewesen, und das nicht ganz zu Unrecht, denn er machte sie regelmäßig blöd an, egal ob er sie wegen ihren billigen Klamotten oder wegen dem Auto ihrer Eltern mobbte.)

Einfach zu ehrlich

Nachdem er die erste Klasse nun zum zweiten Mal besucht, hat er jetzt also neue Klassenkameraden. Irgendwie muss die Mama ihm einige Smalltalktricks aus ihrem Berufsleben beigebracht haben, damit er nicht wieder gleich wegen seiner "Ehrlichkeit" bei den neuen Knirpsen unten durch ist. So kam es, dass er mir heute von seiner tollen neuen Klasse berichtete. "Zum neuen Jahr", meinte er ganz erwachsen, "hat er sich gedacht mal nicht so viel über die Anderen zu Reden, sondern mit ihnen." Ein sehr hübscher Satz, den er mit der Mama bestimmt lange üben musste, um ihn so perfekt vortragen zu können.
Das Sitzen bleiben wurde natürlich vor den Kindern verschwiegen und stattdessen eine schwere Erkrankung, nämlich ein Zeckenbiss erfunden, um das Wiederholen der Klassenstufe glaubwürdig zu machen. Das fanden besonders die "doofen Mädchen" sehr tapfer und wollten alle Details der Krankheit wissen: Wie es denn im Krankenhaus war und ob er jetzt wieder ganz gesund sei...

Ganz erwachsen. Zu erwachsen!

Bild: Christian Kösling / www.jugendfotos.de
Bild: Anna-Roppelt / www.jugendfotos.de

Auch die Mama hatte sich was zum zweiten ersten Schultag ausgedacht: jeder bekam eine Bretzel geschenkt. Sebastian sagte einfach recht wenig, denn "ich wollte mich am Anfang noch zurückhalten, damit die Anderen mich richtig kennen lernen können." Ein kluger Entschluss, besonders, wenn man ihn schon kennen gelernt hat. Auch diesen für einen Siebenjährigen sehr untypischen Satz hatte er wohl in dem Smalltalkseminar gelernt. Und da er schon so viel wusste und ein Jahr älter ist als der Rest, fanden ihn auch die Jungs sympathisch. So gesehen war der erste Schultag also ein voller Erfolg.

Cowboy und Indianer

Bild: Arne Lambertz / www.jugendfotos.de
Bild: Arne Lambertz / www.jugendfotos.de

Nach kurzer Zeit hatte sich Sebastian tatsächlich mit einem Jungen zum Spielen getroffen. Tatsächlich deswegen, weil das seit drei Jahren noch nie der Fall war. Der Junge, ein Freddi, wohnt neben einem Wald in dem Dorf der Schule und die beiden streunerten als Indianer im Wald herum, dass Sebastians Mama, als sie das erfuhr, bestimmt erst mal einen Ungeziefercheck und ein Desinfektionsbad für den Sohn und eine Kleiderspende für die Wohlfahrt in Gang setzte. Irgendwann kamen sie an Freddis altem Kindergarten vorbei, der entgegen der sebastianischen Vorstellung eines Kindergartens einfach nur aus einem alten Bauwagen bestand. "Das war einfach nur eine Holzhütte auf Rädern! Und der Freddi hat gesagt, dass die da gar nicht mal drin sind, sondern immer im Wald rumlaufen und Hütten bauen und Natursachen basteln und und und..." Ein gewisses Maß an Neid war seiner Stimmte deutlich zu entnehmen. Von diesem Traumkindergarten hat er freudestrahlend seiner Mama erzählt, doch die war davon gar nicht begeistert: Viel zu eklig wäre das wegen dem Ungeziefer, dem Dreck und richtiges Spielzeug würde es da auch nicht geben. Außerdem wird man krank wenn man immer so viel draußen ist und hygienisch betrachtet könne man so einen Waldkindergarten ja mal so gar nicht verantworten, das ist was für Hippies.

Cody, ein Hippie?!?!?

So ganz überzeugend fand Sebastian diese Argumente allerdings nicht. Zu schön hatte Freddi von seinem Kindi geschwärmt, zu abenteuerlich klangen Stockbrot und Indianer, mit dem Förster Rehe suchen und im Schlamm herummatschen ohne Ärger zu bekommen. Ein Gespräch mit Sebastian wäre aber kein solches, wenn nicht irgendwann der Moment kommt, in dem es mir regelmäßig die Sprache verschlägt. Und da kam sie schon, die Frage: "Cody, ist Freddi ein Hippie? Du musst das wissen, ihr seid doch auch welche, da kennt man sich doch!"
Zack, der Besen flog mir glatt aus der Hand. Ich und Hippie, na gut, das wäre was, aber bei dem Gedanken meinen Mitbewohner mit Batikhemd und Joint Gitarre spielend im Garten zu sehen wäre ich vor Lachen fast geplatzt. Sebastian verstand gar nichts mehr. "Das ist nicht witzig! Ich will doch auch ein Hippie sein!"

Was da die Mama wohl zu sagt?

Cody grüßt.

 

Mehr von Codys Nachbarkind im Goldkäfig namens Sebastian gibt es auch hier: Natura vertus in hortem - warum ein Garten kein Ferienresort mit Golfplatz ist.