Filius perditus

Der verlorene Sohn

Bild: © Flo Dahm / www.jugendfotos.de
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Wurde man aus der wohl behüteten Schulzeit quasi hinausgespült, ist der Alltag vom täglichen Überleben in freier Wildbahn geprägt. Die Wohnungssuche. Die Nahrungszubereitung. Das finanzielle Spagat aus partymachendem Klischeestudent und dem täglich bei zwei Jobs gleichzeitig angestellten Realstudenten. Es ist nicht leicht sich da zurechtzufinden, zumal man sich vorher nie ernsthaft damit beschäftigt hat, wie das Geschirr ohne Spülmaschine sauber wird. Mal ganz davon abgesehen, dass Unterhosen nicht im Schrank wachsen, und sich auch der Kühlschrank zum großen Bedauern meines Mitbewohners nicht selbstständig nachfüllt.

Menschenunwürdige Naturgesetze

Bild: Anne Dobler / www.jugendfotos.de
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Doch das ist ja nichts neues, vielmehr handelt es sich dabei um ein Generationen übergreifendes Phänomen, welches zwar (hoffentlich) jeder selbst mal erlebt hat, aber dennoch nicht in der Lage ist, seinen Nachwuchs auf diese menschenunwürdigen Naturgesetze hinzuweisen. Vielmehr wird sich noch darüber lustig gemacht: "Ha! Der Ernst des Lebens zeigt sich erst nach dem Auszug Junge, was hab ich dir gesagt!", so Mutter P., nachdem der liebe Sohn seine erste eigene Wäsche durch ein vergessenes Tempo gründlich versaute.

Ich bin so alt und so allein - und hilflos erst...


Oder die Eltern sind mit dem Auszug des Sprößlings rein gar nicht einverstanden. Mit fadenscheinigen Argumenten machen sie sich auf einmal doppelt so alt und hilflos, wie sie nie sein wollten. Statt um das eigene Alter etwas zu verjüngen zu jedem Geburtstag eine Alterskerze von der Torte zu klauen, werden zeitgleich zum Auszug zwei Kerzen zusätzlich in die Sahne gesteckt. Bei den immer seltener werdenden Sohnemannbesuchen wird gehumpelt, gejammert und die ein oder andere Notlüge erzählt. Am Telefon wird auch schon mal geschluchzt, Tante Fridel und Opa Hans werden in den teuflischen Plan involviert und rufen ihn und die tiefen Kindheitserinnerungen in ihm an. Das Heimweh wächst. Der Plan der herrschsüchtigen Mutter geht einen Schritt weiter. Damit Sohn weder hungern muss noch selbstständiger wird, kocht Mutter P. für jeden sohnfreien Tag ein Gericht für den armen Kerl. Fein säuberlich stehen jedes Wochenende Tupperdosen - damit ja nichts schiefgeht beschriftet mit den Worten "Montag" bis "Donnerstag"- in der Küche bereit.

Montag bis Donnerstag Muttis gute Küche

Der Freitag fehlt: Das ist taktisch bedingt, denn wird der Freitag noch mitgeliefert, dauert es länger bis der satte Sohn "nach Hause" findet. Es ist egal, dass er sowieso nur zum Wäsche waschen, bügeln und zur Abholung gut beschrifteter Tupperdosen kommt. Hauptsache, er ist da. Sein neues Heim wird nicht "zu Hause", sondern "Loch" genannt, da er es sich nicht leisten wollte eine lichtdurchflutete Terrassenloft zu mieten, sondern eine möblierte Kellerwohnung, die zwar klein und durch die monströsen Möbel etwas eng, aber dennoch gemütlich ist.

Neuer Lebensmittelpunkt wird ausgemerzt

Bild: Philipp Gmach / www.jugendfotos.de
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Da Mutter P. es zunächst unterschätzt hat, dass neue Freunde im neuen Lebensumfeld dazu führen können nicht mehr so oft in die Heimat zu fahren, muss auch dieses Übel beseitigt werden. So plant und organisiert sie für jedes Wochenende ein Event, dass jeder Grundschulmutter, die gerade versucht ihrem kleinen Knopf eine supertolle unvergessliche Kindergeburtstagsparty zu organisieren, vor Neid so blass wie das Schimmelpony des Ponyreitens wird. P. kann das. Immerhin gibt es genug Verwandte, die Geburtstag oder Hochzeitstag oder Taufe feiern können. Da das Alter wie gesagt variabel ist, lässt sich da einiges drehen.
Und wenn sie dann auch noch beim täglichen Anruf merkt, dass er besonders oft von einer "Sie" spricht, wird ausdrücklich wahlweise vor Großstadtnutten oder Dorfschlampen gewarnt, denn "eine ernsthafte Beziehung, weisst du, das erkennt man als Mutter sofort, ist mit "der da" auf keinen Fall möglich, die betrügt dich nur und passt gar nicht zu dir."

... und dann auch noch ein Wunderkind


Paradoxerweise ist der Junge, sobald er es nicht hören kann, der Stolz der ganzen Familie. "Wissen Sie, er hat schon nach einem Monat eine Gehaltserhöhung gekriegt, er darf den Chef schon duzen, das dürfen selbst langjährige Mitarbeiter nicht, und überhaupt wäre der ganze Laden von unserem Naturtalent mal ordentlich aufgemischt worden." Wenn Sohn das hören würde, würde ihm vielleicht endlich klar werden, dass Mama P. einen ordentlichen Knacks hat und er vielleicht doch mal das Leben seines Kühlschranks im Loch ganz alleine in den Griff kriegen sollte. Oder eine Dorfschlampe dafür einladen könnte. Die ist bestimmt auch sehr mütterlich besorgt um sein Wohl.
Wäre doch ein Kompromiss.

Cody grüßt.