luctificia gravitatis

Eine unheilsschwangere Schwangerschaft


Bild: haak 87 / sxc.hu

Juhu, Mittagspause! Es ist ein wundervoller Tag, eigentlich der erste richtige Sonnentag befinde ich, nachdem ich nach vier Stunden ohne Fenster in meiner Arbeitsstätte stand. Ich husche schnell in die Bäckerei, kaufe mir Bretzel und Kaffee und eile in einen kleinen Park. Da keine Bank mehr frei ist, geselle ich mich ungefragt zu einer Frau mit Kinderwagen.
Warum nur habe ich das getan! Es fing schon mit ihrem vorwurfsvollen Blick an, als ich mich neben sie setzte. Freundlich lächelnd und das nicht weiter beachtend packe ich gierig meine Bretzel aus und beiße hinein.

Ich biss in eine Bretzel - wie töricht!

"Sehen sie nicht, dass Amadeus versucht zu schlafen?", raunzt sie mich an. Ich sehe einen Säugling in einem Hightech-Kinderwagen liegen, der dem Versuch zu schlafen deutlich schon mehrere Schritte voraus ist - er ratzt tief und fest. "Schläft doch wie ein Murmeltier! Wie alt ist er denn, der Kleine?", entgegne ich. Vorwurfsvoll keift die frische Mama mich an: Ich wäre ein unverantwortlicher Mitmensch, der keinerlei Rücksicht auf hilflose Mütter nimmt und gehöre ebenfalls zu der egoistischen Gattung verbohrter Menschen, die keine Ahnung haben, wie es denn so ist als Mutter, wenn man völlig vergessen wird von der Gesellschaft. Meine Bretzel bleibt mir im Halse stecken. Hat sie die noch alle? Was hab ich ihr denn bloß getan? Das Argument dieser unglaublichen Person, die völlig unerwartet sämtliche Aggressionen an mir auszulassen scheint, hätte mich um ein Haar von der Bank gehauen: Ich sei zu laut gewesen! Zu laut! Als ich nämlich meine Bretzel aus der Bäckertüte holte, habe ich diese zusammengefaltet und zurück in meine Tasche gestopft. Wie töricht von mir!

Amadeus und Chantal werden wohl keine Freunde

- Es folgt eine Vorwurfsalve einer verbitterten Mutter, Euch zuliebe nur in einigen Ausschnitten aufgeführt. -

Bild: Nico Piechulek / www.jugendfotos.de
Bild: Nico Piechulek / www.jugendfotos.de

Man könne sich nicht vorstellen, wie sehr man plötzlich benachteiligt ist, wenn man ein Kind erwartet. Schon in der frühen Schwangerschaft beginnt die Welt sich gegen die werdende Mama zu richten: Überall wird geraucht, Alkohol getrunken und sich auch sonst völlig normal verhalten, als würde es den vermeintlich erfreulichen Umstand gar nicht geben. Man wird einerseits in Watte gepackt und andererseits wie eine Aussätzige behandelt. Keiner verstehe was schwanger sein heißt! Man könne sich vor den dummen Kommentaren der Kollegen kaum noch in Schutz nehmen. Merken die denn nicht, dass das alles schon dem Kind schaden kann? Der Ehegatte hat keinen Sinn für den Embryo und verhält sich einfach so, als wäre nichts passiert, als würde das Leben jetzt einfach so weitergehen wie zuvor! Ist dann das Kind da, beschweren sich alle über den Lärm, man sieht aus wie ein Wrack, sie habe sich extra solch eine Familienkutsche einer unnoblen Automarke kaufen müssen und auf die Tagesmütter sei mal so gar kein Verlass.

Latte-Macchiato-Mama vs. Codys Kinder

Die Dame hat anscheinend aus reinen Prestigegründen ihre biologische Uhr in letzter Sekunde noch ausgenutzt und kommt nun in den Wechseljahren auf die Idee, dass sie die allereinzige Mutter ist die es je gegeben hat und gefälligst als Allmutter angebetet werden muss. Jetzt hat sie all ihre angestaute Wut darüber, dass wohl nur sie dieser Ansicht ist, mir ins Gesicht geschrien, ganz nebenbei um einiges lauter als mein Rascheln mit der Bretzeltüte. Dass sie die letzten 41 Jahre zu den egoistischen Menschen gehörte, und sich seit der Niederkunft zum oberegositischem Werwolf im Opferschafspelz wärmt, kommt ihr nicht in den Sinn. Als sie mich dann noch von oben herab beratschlägt ("Du junges Ding, pass ja auf dass du nicht schwanger wirst und dir das erspart bleibt!"), platzt mir der Kragen.

Ja, auch andre Menschen haben Kinder


Bild: Julia Becker

"Weisst du, ich habe es nie bereut, Kinder zu haben.", lüge ich. "Kevin ist jetzt acht und Jaqueline kommt bald in den Kindergarten. Ich habe die Veränderungen die durch die Kleinen in mein Leben kamen nie als lebensverschlechternd gesehen! Auch wenn die Bahnhöfe keine Rampen für Kinderwägen haben, ich beide mit zur Ausbildung und nachts mit zum Putzjob nehmen musste und alles Geld für sie draufgeht, würde ich mich niemals bei wildfremden Leuten über meine kleinen Schätze beschweren!" Das sitzt. Mutter Macchiato wird kreidebleich, keine Ahnung ob wegen meiner Worte, oder weil sie gerade mit einer vermeintlichen Assifrau gesprochen hat, ohne es zu merken. Sie versucht im Aufspringen noch was zu stammeln, bleibt aber sprachlos und zischt mit klein Amadeus ab. Ich bleibe, wie immer an dieser Stelle, einfach sitzen.

Cody grüßt.