Schiffe versenken - die EU-Edition

Bild: Franziska Eichholz / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by) http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de
Bild: Franziska Eichholz / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Frühjahr 2015: Allein dieses Jahr ertranken bereits fast 2000 Flüchtlinge bei der Überfahrt nach Europa. Das Entsetzen bei den Europäern ist groß, aber wirklich was passieren tut nichts. Bis jetzt! Endlich tut sich was! Die EU hat mit EUNAVFOR Med eine tolle Idee, Europa vor den Flüchtlingsströmen zu schützen.

 

EUNAFOR Med – Hilfe zur Selbsthilfe

Ok, das sagt sie vielleicht nicht so direkt. Sie sagt, dass man mit der Mission die kriminellen Schmugglerbanden angreifen wolle. Und zwischen den Zeilen sagt sie das so, dass sie die Flüchtlinge vor sich selbst schützen wolle. Vor der Idee, ihr Leben einer Schlepperbande anzuvertrauen und in kleinen Booten übers große Meer nach Europa zu schippern. Und um Flüchtlinge so richtig davon zu überzeugen, dass das mit dem Schmugglern und dem übers Meer schippern eine blöde Idee ist, soll nun militärisch gegen sie vorgegangen werden. Oh nein halt – nicht gegen die Flüchtlinge natürlich, sondern gegen die Schlepperbanden.

 

Schiffe versenken

Bei den Militäraktionen, bei denen im besten Falle die Flüchtlingsboote nur mit Drohnen beobachtet und an die Küstenwache verpfiffen, im schlechtesten Falle die Boote samt Besatzung versenkt werden, sei laut einem internen EU-Papier nicht ausgeschlossen, dass „für Migranten ein erhöhtes Risiko von Kollateralschäden“ besteht, berichtet Pro Asyl. Naja, immerhin wissen die Flüchtlinge ja in den meisten Fällen, auf was für eine gefährliche Reise sich da begeben – da kommt es auf das ein oder andere weitere Risiko auch nicht mehr darauf an, nicht wahr?

 

Was wollt ihr hier???

Ja, gut, Kriegsflüchtlinge, das kann man ja verstehen, die brauchen natürlich Schutz. Aber so viele? Und was ist mit den Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika? Ja, sollen die doch arbeiten, dann verdienen die sich schon ihre Bananen! Aber nein, doof wie die sind machen sie lieber eine Reise übers Meer und wir dürfen dann schauen, dass die dabei nicht drauf gehen!

Seien wir doch mal ehrlich: Diese hunderttausende  Flüchtlinge, die da seit Jahren den Schmugglerbanden das Geld in den Rachen werfen, die sind ja auch selber schuld an ihrer Situation. DIE sind schuld daran, dass sich die Schlepperbanden eine goldene Nase mit Menschenhandel verdienen. DIE sind schuld daran, dass das Mittelmeer jeden Tag aufs Neue zu einem Massengrab wird. Und DIE sind natürlich auch daran schuld, dass die EU nun irgendwas machen muss, damit bei den Europäern gar nicht erst ein Schuldgefühl aufkommt.

 

Wir würden ja gerne, aaaaaaber...

Jaaa, Schuldgefühle! WIR haben doch das Rettungsprogramm Mare nostrum ins Leben gerufen! Ok, eigentlich war das nur Italien im Alleingang, und dank uns musste das Projekt wegen Geldnot wieder eingestellt werden. Aber WIR haben mit Triton eine ganz passable und auch günstigere Methode gefunden, um Europa vom Meer aus zu schützen. Und WIR haben jetzt auch mit EUNAVOR Med endlich mal das Problem mit dem Kopf der Schlange, nämlich den Schmugglern, angegangen. Klopfen wir uns also kräftig auf die Schultern!

 

Wie konnte es nur dazu kommen?

Schade nur, dass wir das erst jetzt machen, wo sich das mit den Schmugglern schon zu einem bestens organisierten Verbrechen gemausert hat. Wie die Mafia! Wie konnte es nur so weit kommen? Wieso haben die ganzen Flüchtlinge denn alle auf einmal beschlossen, nach Europa zu reisen? Was war der Nährboden für die Flucht aus so vielen Ländern, und was hat damit die Schmugglerbanden so groß werden lassen? Nicht, dass wir die Ozeane vor der afrikanischen Küste leergefischt haben. Nein. Wir haben auch immer die Friedensbemühungen in Syrien vorangetrieben. Oder zumindest mal gesagt „Hallo, lasst uns reden!“ Wir haben die Märkte in armen Ländern auch nicht mit billigen Produkten überschwemmt, wir kriechen auch nicht großen Firmen wie Nestlé in den Hintern, die das Grundwasser verseuchen und  sich mit dem Verkauf von Trinkwasser eine goldene Nase verdienen. Und wir unterstützen auch nicht die ganzen internen Konflikte mit Waffenlieferungen. Und zu guter Letzt fördern wir die Sache mit dem illegalen Einreisen übers Meer ja nicht mit der Möglichkeit der legalen Einreise nach Europa.

Was also, war nur die Ursache für dieses Dilemma???

Ach, ist ja auch egal jetzt. Wir haben ja nun einen Plan, um die Symptome zu bekämpfen. Man kann sich ja nicht auch noch über die Ursachen Gedanken machen.

 

Cody grüßt.

 

Hinweis 1:

Dies ist ein Text für einen Poetry Slam.

 

Hinweis 2:

Schmugglerbanden sollen hier nicht verharmlost werden, sind aus Sicht der Autorin als überaus kriminelle Nutznießer einer missglückten europäischen Flüchtlingspolitik zu sehen, die nicht alleine für das Leid auf dem Meer verantwortlich sind.

 

Hintergrund:

Am 18. Mai 2015 beschloss der EU Ministerrat, im Mittelmeer und an der libyschen Küste mit der Mission EUNAVFOR MEd (EU Naval Force Mediterran) militärisch gegen sogenannte „Menschenschmuggler-Netzwerke“ vorzugehen und will mit diesen Methoden ein neues Zeichen der Abschreckung setzen.

In insgesamt vier Operationsphasen von der Einschätzung der Strukturen über die Beschlagnahmung sowie Zerstörung von Schmugglerbooten an Land wie auf hoher See bis hin zur Bekämpfung von Schmugglern durch die libysche Küstenwache soll den Schmugglern damit das Handwerk gelegt werden.

Für die Flüchtlinge, die ihr Leben einem Schmugglerring anvertrauen, weil ihnen sonst kein Ausweg bleibt, bedeutet das eine weitere große, wenn nicht sogar die größte Gefahr auf der sowieso schon lebensgefährlichen Reise über das Meer, was auch der EU-Ministerialrat so sieht: Bei einem militärischen Schlag gegen die Schmugglerboote werde laut einem internen EU-Papier nicht ausgeschlossen, dass „für Migranten ein erhöhtes Risiko von Kollateralschäden“ besteht, so Pro Asyl.

Den Flüchtlingsstrom wird das wohl nicht eindämmen – vielmehr werden die Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien oder Somalia noch weitere, teurere und gefährlichere Wege auf sich nehmen.

Mehr dazu hier: www.proasyl.de/de/news/detail/news/eu_beschliesst_militaeraktion_gegen_fluechtlingsboote/

 Übrigens: Seit 2008 gibt es bereits EUNAVFOR Atalanta. Diese Mission bekämpft die Piraterie vor der Somalischen Küste.