ars bene aestimendi

Die Kunst des guten Schätzens

 

Bild: s.u.
Bild: s.u.

Die gegenwärtige Fernsehgeneration hat mich wieder einmal völlig überrascht. Da schaut man nichtsahnend eine Wissenschaftssendung nach der anderen, man muss sich ja immerhin weiterbilden, und dann stolpert man, so seriös der Sender auch sein mag, immer öfter über so seltsame journalistische Ausbrüche, die mich als einen Idioten abstempeln.

Mainstream oder sinnvolle Vergleiche?

 

Bild: Rachelq / sxc.hu
Bild: Rachelq / sxc.hu

Natürlich ist es ja nicht schlecht, wenn ein Sender versucht seine Werte zu verraten, um sich dem Mainstream anzupassen, das zeugt von Einsicht und Verstand, doch jeden Quatsch muss man nun wirklich nicht mitmachen.

Ich spreche von den neuen Maßeinheiten, den Maßeinheiten 2.0, wie es immer so schön heißt. Allein das ist ja schon eine völlig übertriebene Einheit. Muss etwas neu und abgefahren klingen, obwohl es einfach eine Weiterentwicklung ist, wie sich einfach vieles im Laufe seines Lebens weiterentwickelt, hängt man einfach eine Zwei und eine Null dran, und schon wirkt es sensationeller. Die bloße Angabe ”überarbeitet“ oder ”weiterentwickelt“ würde aber auch ausreichen.
Immerhin muss es ja nun so weitergehen: 3.0; 4.0 ...

Und dann müssen alle mitziehen, die vorher eben diese 2.0 verbrochen haben. Und spätestens wenn der eine was schneller entwickelt als der andere, kommt es zum Zahlenkollaps. Was ich aber eigentlich zum corpus delikti ans Kreuz nageln möchte, sind die Maßeinheiten, die gar keine sind, weil es einfach relative Einheiten sind.


Maßeinheit extrem

 

Bild: © Thomas Rosenau
Bild: Thomas Rosenau / wikipedia.de

Sieht man einen Waldbrand im TV, kriegt man gleich eine Zerstörung von ca. acht Fußballfeldern ins Ohr geknallt. Die deutschen Haushalte verbrauchen um ihren Vorgarten zu gießen kein Wasser mehr, sondern ca. sechs Badewannen im Jahr. Und die Menge an Müll, die sie produzieren, wird nicht in Kilo gemessen, sondern in Elefanten.

Zum Glück basteln die Vergleicher nicht alles ineinander, stellt euch mal vor es hieße so was wie ”Das höchste Hochhaus der Welt ist so breit wie die Fläche eines Fußballfeldes, so hoch wie drei mal den Kölner Dom aufeinander gestellt, die Stahlträger wiegen so viel wie vierzigtausend Elefanten, die verlegten Stromkabel würden sechzehn Mal die Welt umrunden, wenn alle Bewohner darin drei Minuten das Licht brennen lassen, könnte man mit der Energie ein Elektroauto ein Jahr lang fahren lassen."

Ein schönes Bild

 

Bild: Krappweis / sxc.hu
Bild: Krappweis / sxc.hu

Bei so viel Anschaulichkeit wird einem wirklich schwindelig. Stellt euch das mal bildlich vor: Auf einem Fußballfeld stehen drei Kirchtürme, darin sind vierzigtausend Elefanten mit Kabeln umwickelt, davor stehen ein Elektroauto im Hamsterrad und die empörten Fußballspieler. Nein, so viel Anschaulichkeit muss dann doch wirklich nicht sein. Zumal alles wie gesagt relativ ist. Ein Elefant wiegt, je nachdem ob es ein indischer oder ein afrikanischer ist, zwischen 2000 und 5000 Kilo. Ein Fußballfeld kann eine Fläche von 45*90 Metern oder 90*120 Metern haben und meine Badewanne ist halb so groß wie die meiner Nachbarin.

Funktioniert das im Alltag?

 

Bild: Vierdrie / sxc.hu
Bild: Vierdrie / sxc.hu

Ich mache den Test und bestelle an der Käsetheke im Supermarkt ein zillionstel Elefantel Emmentaler. Entsetzte Blicke durchbohren mich. Was bitte will ich? Auch nach zweimaligem Wiederholen meiner Wünsche bekomme ich nur ertaunte Blicke. Die Verkäuferin reagiert aber vorbildlich: Sie nimmt den Emmentaler, schneidet ihn in Scheiben und bittet mich bei meiner Wunschmenge einfach ”stopp“ zusagen.

In der Getränkeabteilung frage ich, ob es vom Orangensaft auch zwei hundertstel Badewannel-Flaschen gibt. Der ansonsten nett aussehende Verkäufer ignoriert mich daraufhin komplett. Auch der Passant, der mich nach dem Weg zum Bahnhof fragt, kann mit der Angabe ”in zwei Kölner Domen rechts“ nichts anfangen. Er sucht schleunigst das Weite, allerdings in der falschen Richtung.

Mathelehrer zeigen keine Gnade

 

Bild: Valium88 / sxc.hu
Bild: Valium88 / sxc.hu

Diese Maßeinheiten sind wirklich alles andere als alltagstauglich. Wenn man mal so drüber nachdenkt, macht das ja Sinn, denn sie wollen ja was gigantisches beschreiben, etwas, was es im Alltag ja gar nicht gibt.

Trotzdem finde ich es erbärmlich. Die Schüler wahrscheinlich nicht, die dürfen sich mit Elefantel- und Badewannel über eine große Toleranz in der Mathearbeit freuen. Und mit den Vergleichen lernt man auch gleich noch deutsche Grammatik: Der Konjunktiv in Hochkonjunktur.

Wer braucht schon Volumina, wenn er Fußballfelder hat? Danke liebes Fernsehen, dass du mir diesen unwichtigen Teil meines rationalen Denkens abnimmst, damit ich mich voll und ganz auf das eigentlich Wichtige konzentrieren kann:
Die Weltbevölkerung 2.0 wächst viel zu schnell, dass sie bald nur noch in Hochhäuser passt.


Cody grüßt.