De doctrina imperfecta

Der kaputte Unterricht


Bild: Kalilo / sxc.hu

Neulich an selber Stelle berichtete ich über die Lehrpläne an hiesigen Schulen. Diesmal muss ich eher über die Exekutive der Bildung sprechen. Die armen Lehrkörper verdrehen gerade die Augen, das muss man verstehen, denn immerhin können sie ja nie irgendetwas für das marode Bildungssystem. Wobei es am System eigentlich weniger hapert, das ist mehr ein Problem von Theorie und Praxis. Wein und Wasser sozusagen. Für alles Unmögliche gesorgt, für nichts Vorhersehbares vorgesorgt. ”Erzie hung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend“, hat mein Lieblingslehrer einmal zu mir gesagt. Deswegen war er mein Lieb lingslehrer. Den Nagel ins Hirn getroffen.

Der Rektor, der Präsentator

Da gibt es zum Beispiel meine Freundin Bärbel. Bärbel hat zwei Jungs im Alter von elf und 14 Jahren. Wie das in einem anständigen Haushalt der kapitalistischen Gesellschaft nun mal so ist, gehen beide Jungs in die Schule. Und wie das ebenfalls nun mal so ist, sehr löblich und keinesfalls zu kritisieren, ist die Lehrerin des Jüngeren darauf aus, der Regierung eine große Freude zu machen, denn sie sorgt für Nachwuchs aus dem Mittelstand. Eine schwangere Lehrerin ist nun ein Scheideweg zwischen Sein und nicht Sein der ihr untergebenen Schüler. Nichts, dass sie was dafür könnte, doch irgendjemand muss ja immer an einer Tatsache Schuld sein. Und Rektoren, das wissen wir alle, Rektoren sind mehr Übergötter, und tragen keinesfalls an irgendet was Schuld. Amoklauf? Die Lehrer haben das nicht erkannt. Marodes Schulgebäude? Sache der Stadt. Ein Rektor kann sich doch nicht um alles kümmern. Das Schmücken mit fremden Lorbeeren ist schon anstrengend genug. Ja klar, natürlich war es Lehrer Schulze, der den Schüleraustausch mit Spanien organisierte, und Lehrerin Müller hat mit ihrer Musikklasse dem Altersheim ein Ständchen gebracht, doch das Repräsentieren der Schule ist immerhin Chefsache. Und wie viel Arbeit da drin steckt: Presse informieren, Bürgermeister umgarnen, Sponsoren becirzen.

Man muss es einfach positiv sehen...


Bild: Laura00 / sxc.hu

Bärbels Jüngster jedenfalls hat nun ein kleines Problem. Da seine Lehrerin nun mit philologisch wertvollem”dududu“ und”dadada“ beschäftigt ist, muss Johannes auf sein broken English verzichten. Geschichte und EWG sind ebenfalls gestorben. Ist doch schön, alle Welt klagt über zu viel Nachmittagsstunden für die Kinder, jetzt ist es ihnen zu wenig, immer um elf nach Hause zu dürfen. Ersatz ist was für Weicheier, immerhin lernt man ja für das Leben, und im Leben wird einem auch nicht alles beigebracht. Das muss man erfahren. Und was man in der Schule nicht lernt, lernt man ohne Schule erst recht nicht. Eine komplette Mutterschutzperiode sind nun also 30 Kinder quasi arbeitslos. Wenn die Lehrerin zurückkommt, soviel ist abgemacht, wird es nur noch Englisch geben, und selbst das wird nicht reichen um den Lehrplan durch zu kriegen. Compress- air-gun method.

Einsatz der Eltern

Und wer braucht auch Geschichte und EWG, die Jugend von heute ist doch eh zu doof um das aufzunehmen. Bärbel aber gibt so schnell nicht auf. Sie hat es bis zur Elternvertreterin geschafft und tritt dem Repräsentanten ein bisschen auf den Füßen herum. Immerhin hat sie erfahren, dass es an Lehrern mangelt. Wer hätte das gedacht. Keiner möchte den Job übernehmen, da er einfach für Aushilfen zu schlecht bezahlt ist. Und Referendare? Immerhin leben viele Betriebe, vom Krankenhaus bis zum Tellerwäscher von ausnutzungswilligen Praktikanten. Nein, Referendare, das ist Sache von Frau Metzger, und die, das müsse man verstehen, die hat gerade erst angefangen und muss sich erst einarbeiten. Natürlich gibt sich mit so einer Antwort keiner gern zufrieden. Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden... Doch nein, Bärbel wird höflich darum gebeten sich doch bitte anonym gegen die vielen ausfallenden Unterrichtsstunden zu wehren. Am besten mit allen anderen Schulen auf einer Demo oder so. Sonst könnte das Konsequenzen für die Schule nach sich ziehen. Man müsste die Fehlstunden offen legen.

Keinen Wind erzeugen

Bild: Joshua Kleinsorge / www.jugendfotos.de
Bild: Joshua Kleinsorge / www.jugendfotos.de

Was das bedeutet, ist mir schleierhaft, aber so wie sie mir das erklärt, scheint das dem Ruf der Schule nicht gut zu tun. Das recht ernüchternde Resümee Bärbels nach einem halben Jahr Elternbeirätin: Irgendwer hat ihre Aufgaben falsch verstanden. Am Schuljahresempfang bitte hübsch aussehen und gute Miene machen, damit Geld in die Kassen kommt, sonst bitte untertauchen und ja ruhig sein. Eins ist klar: Bärbel hat es verstanden.


Cody grüßt.