50:50, Baby!

Männlein oder Weiblein? Ja was denn nun? Bild: Franziska Löding / jugendfotos.de

Männlein oder Weiblein? Ja was denn nun?
Bild: Franziska Löding / jugendfotos.de

Zwei Jahre nach ihrem Umzug traf ich mich neulich mit einer alten Freundin Melli. Bei unserem Wiedersehen war nicht nur die Vorfreude riesengroß, sondern auch die Überraschung, als sie wahrlich und wahrhaftig vor mir stand: Was für eine Kugel sie vor sich herschiebt! „Siebter Monat, wollte dich überraschen!“ Das ist gelungen! Doch schon bald, nachdem wir es uns in einem Café gemütlich gemacht hatten, begann er wieder, mein ach so bekannter Fettnapfmarathon…

 

Ja, was wirds denn nun?

Nachdem ich mich versicherte, dass Melli noch immer mit Mark (was fand ich diese Namenskombination schon immer sensationell) liiert ist und der Nachwuchs folglich auch seine Gene tragen wird, begehe ich einen schweren Fehler: Ich frage, ob man schon wisse, welches Geschlecht klein Melli-Mark wohl haben werde. Naja, das allein war gar nicht so verkehrt, eher der Zusatz „man sagt ja, als Mutter merke man das irgendwie…“ Tja Cody, ganz falscher Ansatz!

 

Einfach zum Schreien

 Einfach zum Schreien! Bild: Stefan Franke / jugendfotos.de
Einfach zum Schreien!
Bild: Stefan Franke / jugendfotos.de

Schon geht sie los, Mellis leidvoll gelernter Umgang mit so unsensiblen Stümpern wie mir. Nachdem ich anscheinend ziemlich verwirrt aussehe, klärt sie mich auf: „Ach Cody, du kannst dir das alles gar nicht vorstellen, was man sich für eine Scheiße anhören muss!“ Nein, kann ich wirklich nicht. Doch Melli hilft mir auf die Sprünge. „Hast du gewusst, dass es so unglaublich viele bescheuerte Bauernregeln und pseudo-Anzeichen für das Geschlecht deines Nachwuchses gibt? Jeder meint, er habe das perfekte Gespür dafür und freut sich dann wie Bolle, wenn seine Prognose stimmt, was bei einer 50:50-Chance ja durchaus wahrscheinlich ist.

 

Von Spitzbäuchen und verdrehter Evolutionstheorie

Ganz vorne mit dabei: Die Bauchform. Ist die Babywampe spitz, wird es ein Junge. Wirst du selber fett, ein Mädchen. Die schlagen angeblich auf die Hüfte. Frag mich nicht warum, Begründungen gibt’s da keine. Die gibt’s aber zum Beispiel bei Pseudo-Evolutionsforschern, die behaupten: Das Baby wird ein Junge, weil der Vater der Dominantere in der Beziehung ist und umgekehrt. Die gleiche Begründung gibt es übrigens aber auch andersherum: Ist der Mann dominant, gleicht die Natur das mit einem dominanten Mädchen aus, nicht, dass es da zu einer geschlechtsgleichen Dominanzlinie innerhalb der eigenen Blutsverwandtschaft kommt, wo kämen wir denn da hin!?“ Melli ist auf dem besten Weg, sich in Rage zu reden.

 

Ein Tief auf Omas Bauernregeln

 Bild: Joel Krumbacher-Birle / jugendfotos.de
Bild: Joel Krumbacher-Birle / jugendfotos.de

„Letztendlich wird alles was mit dir passiert auf das Geschlecht deines Kindes projiziert. Wenn du während der Schwangerschaft hübscher wirst, wird es nämlich ein Junge. Es heißt wohl, das Mädchen raubt der Mutter die Schönheit. Auch schön: Wenns dir richtig dreckig geht, wird’s ein Junge. Der ist nämlich unkomplizierter, wenn er dann mal da ist. Oder aber es wird dann ein Mädchen, denn die machen immer Probleme, auch wenn sie noch gar nicht da sind. Apropos nicht da: Verspätet sich der Nachwuchs, wird’s ganz klar ein Mädchen, denn das möchte sich immer noch ein bisschen schick machen vor dem großen Auftritt. Oder eben ein Junge, denn die lassen sich gewöhnlich ja immer alles zweimal sagen.“

 

Ins Gegenteil verkehrt

Zum Glück vergisst Melli nicht Luft zu holen, nimmt einen Schluck Tee und zeigt mit der Gabel auf ihr Stück Torte. „Jetzt darfst du dreimal raten, was deine Ernährung damit zu tun hat. Da gibt’s natürlich auch tolle Bauernregeln. Hast du richtig Bock auf Herzhaftes, wird’s ein Junge. Stehst du auf Obst und Süßkram, ein Mädchen. Immerhin,“ Melli steckt sich ein Stück Torte in den Mund, „immerhin ist das eine der wenigen „Regeln“, die sich anscheinend nicht ins Gegenteil drehen lassen. Und wenn das auch noch nicht reicht, gibt’s am Himmel ja noch genügend Sterne, die gewöhnlicher Weise im errechneten Geburtsmonat eben dieses oder jenes Geschlecht vorhersagen…“

 

Tägliche Ladung Schwachsinn

„STOP!“, wage ich meine Freundin zu unterbrechen, „Das ist ja grausam!“ „Siehste.“ Die Arme tut mir richtig leid. Alltäglich mit so einer Salve an Schwachsinn konfrontiert zu werden, ist bestimmt der blanke Horror. „Dabei meinen es bestimmt alle nur gut.“, tröstet sich Melli selbst. Naja, wenn sie meint. Zwar bin ich jetzt kein bisschen schlauer was das kommende Melli-Mark-Baby angeht, werde mir aber ein für alle mal hinter die Ohren schreiben, niemals, wirklich NIEMALS eine Schwangere mit Vorurteilen in Sachen Babygeschlecht zu konfrontieren. Als ich Melli stolz mein Vorhaben schildere, habe ich damit unbewusst das nächste Fass geöffnet: „Was heißt hier eine Schwangere damit zu konfrontieren? Das regt mich auch auf – immer wird die Reaktion auf die eigene Dummheit auf die Empfindlichkeit der Schwangeren geschoben…

 

Ojeoje, ich ahne schon, was als Nächstes kommt. Und ich fürchte, Melli hat auch hier wieder recht. Leider.