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Eine Zwiebel als Spaßmacher

 


Bild: Julia Becker

Es begann mit fünf Zwiebeln. Mitsamt 28 Jugendlichen befand ich mich im Urlaub am Meer. Es war eine Idylle wie aus dem Bilderbuch. Glasklares Wasser, viel Sonne, unerträglich schöne Hitze, viele bunte Fische zum Schnorcheln, viele steile Klippen zum runterhopsen. Sogar an Hängematten und Gitarren wurde gedacht, jeden Abend gab es in "unserer" Bucht ein gemütliches Beisammensein mit Liedern und der ein oder anderen Romanze.

Entzugserscheinung als Wohlstandsproblem

Diese Idylle hielt aber nicht so lange an wie ich sie hätte aushalten können. Nach einer Woche ging es los - die ersten Entzugserscheinungen meiner Schützlinge machten sich bemerkbar. Die eine hatte das unstillbare Bedürfnis nach Internet, der andere nach Fleisch, gleich ein ganzes Zelt konnte es nicht aushalten, die Lieblingsserie auch nur einen Tag länger zu verpassen. Fast schon panikartig wurde jemand angerufen, der die News der Stars und Sternchen haarklein erklären konnte. Das half allerdings auch nicht viel, denn die Lieblingskandidatin der Mädels musste die geliebte Castingshow verlassen. Die gute Laune sank kontinuierlich. Ohne medialen Krimskrams konnten die lieben Media-Verwöhnten also nicht mehr in den Urlaub fahren. Glasklares Wasser, viel Sonne, unerträglich schöne Hitze, viele bunte Fische zum Schnorcheln, viele steile Klippen zum runterhopsen - alles war nicht mehr das, was es in der ersten Woche noch war.

Eine Freizeit mit fünf Zwiebeln retten


Bild: Julia Becker

Höchste Zeit also für uns vier Chefs des Urlaubs zu handeln. Unser Teamer Rolf verpflichtete jeden zu einem Sporteventtag. Laura trommelte tags darauf zum Beauty- und Wellnesstag. Meine Wenigkeit hetzte die umweltfremden Next-Topmodels zu einer sechs-Stunden-Wanderung, mit tollen Aussichten, Picknick am Strand und romantische Dörfchen. Nach diesen drei Tagen purer Action wurde gebettelt und gefleht: "Bitte wieder etwas mehr Entspannung! Ein Buch lesen oder so, das wär jetzt schön!" Na also, geht doch. Aber wir Teamer ließen nicht locker.
Wendy teilte die Gruppe in fünf Teile ein - und gab jeder eine Zwiebel. Die Aufgabe: Diese Zwiebel in 24 Stunden zu etwas Tollem zu tauschen, wer das schönste Stück ertauscht hat, gewinnt.

Zwiebel wird Apfel

Die Teilis zogen los. Wild wurde getauscht, was das Zeug hält. Aus der Zwiebel ein Apfel. Aus dem wurden Kekse. Aus Keksen Bälle, aus Bällen Kaffeekannen, aus diesen Klappstühle, der verwandelte sich zu Luftmatratzen. Der ganze Campingplatz wuselte, sortierte und mistete aus. Gegen Abend kam ein Mitarbeiter des Platzes und meinte, die Besucher hätten eine riesige Freude an unserem Spiel, und brachte noch etwas Krimskrams, was er und seine Kollegen ausgemistet hatten. Vielleicht können wir das ja brauchen. Nach dem Abendessen wollten wir die Siegergruppe küren, doch daraus wurde nichts. Die Errungenschaften der anderen Gruppen weckte den Ehrgeiz der Teenis noch mehr, es wurde regelrecht nach einer Fristverlängerung gebettelt. So kam es, dass vier der fünf Gruppen (eine hatte ihre Zwiebel gleich zu Beginn des Spiels ins Meer gepfeffert) nach zwei Tagen aus einer einzigen Zwiebel ein Schlauchboot samt Paddel, einen Restaurantgutschein für fünf Personen, einen Schwenkgrill samt Kohle und einen alten Schwarzweißfernseher ertauscht hatten.

Der stille erhobene Zeigefinger


Bild: Julia Becker

Die Freude war riesig. Die Erkenntnis, was aus einer einzigen Zwiebel alles gemacht werden kann, brachte einige Teilis in philosophische Hochstimmung. Der Kontakt zu den ausländischen Campingplatzbewohnern, die glücklicherweise größtenteils von der Idee begeistert und dementsprechend engagiert waren, gefiel besonders den Schüchternen. An diesem Buchtabend, natürlich mit Mitternachtsfahrt mit dem Schlauchboot und Feuerchen am Grill, versuchten wir Teamer noch auf den ökologischen Aspekt hinzuweisen. Doch das war nicht nötig: ausnahmslos Jeder hatte unsere stille Botschaft verstanden: Kaufen ist nicht immer die einzige Lösung um an tolle Sachen zu kommen, und macht lange nicht so viel Spaß wie tauschen. Was hat euch am besten bei dem Spiel gefallen? "Der Kontakt zu den Menschen", "Der Ehrgeiz was Tolleres zu bekommen", "Etwas zu verwerten was andere weggeworfen hätten." Das geht doch runter wie eine Woche entspannte Strandidylle. Und das ganz ohne den Zeigefinger zu erheben.


Eine Gruppe war übrigens bei der Lagerfeuersitzung nicht dabei. Sie saß lieber auf dem Küchenboden und sah sich ihre Soap in ihrem errungenen Fernseher an. Dieses eine Mal hatten wir nichts dagegen. Sie hatten es sich wirklich verdient, die medienverwöhnten Gören.

Cody grüßt.