Verkaufsoffener Wahnsinn

 Bild: Mzacha / sxc.hu
Bild: Mzacha / sxc.hu

Es ist ein wundervoller Tag. Die Vöglein zwitschern, die Sonne strahlt. Nach einem sehr langem Winter hat sich mit Pauken und Trompeten der Sommer angekündigt. Wo der Frühling hin ist, interessiert erst mal niemanden, hauptsache die Sonne, die so lange hat auf sich warten lassen, strahlt mit voller Kraft von oben und aus den Herzen der noch so grimmigen Menschen. Und damit noch nicht genug: Es ist auch noch Wochenende.

 

Wenn eine ganze Stadt vom Frühlingsfieber niedergestreckt wird

Ein perfekter Tag also zum Ralaxen, oder auf seine Art den ersten richtigen Sommertag zu genießen. Ich, seit langem nicht mehr in einem konsumsüchtigen Umfeld gewesen, gehe heute zu einem besonderen Event: In meiner Stadt ist heute ein verkaufsoffener Sonntag, also die Chance, endlich mal wieder eine volle Dröhnung von all dem zu bekommen, das ich so abfällig schätze und dennoch nicht davon lassen kann.

 

Verkaufsoffener Wahnsinn

 Bild: Miriam Rahimov / www.jugendfotos.de
Bild: Miriam Rahimov / www.jugendfotos.de

Natürlich ist ein verkaufsoffener Sonntag mehr als nur ein weiterer Wochentag. Die Einkaufsstraße ist mit zahlreichen Ständen von Vereinen oder Speisewägen übersät, überall dudelt Musik, für die Kids gibt’s Hüpfburgen und Karussells, und freilich ist auch für die Erwachsenen einiges zu sehen. Irgendwelche Trachtengruppen und Interessenvereine hüpfen in traditionellen Verkleidungen durch die Innenstadt. Idealerweise rundet ein alles übergreifendes Motto den Tagesablauf ab.

 

Konsum als kollektiver Krankheitserreger

Meine Stadt hat sich das passende Motto  "Springfever" ausgesucht. Ein Motto, bei dem sich gleich mehrere Nackenhaare in aufrechte Stellung bringen: Ein Event für die ganze Familie preist sich ja nicht unbedingt dadurch an, dass es gleich mehrere Generationen den Titel nicht verstehen. Oma Reichert zum Beispiel wird ihrem Enkelchen Hans nicht erklären können, was ihre Heimatstadt mit diesem Thema bezweckt, und da Hänschen mit seinen zarten fünf Jährchen auch noch nicht perfekt Englisch spricht, kann auch er seiner Oma nicht weiterhelfen. Vielleicht macht das ja auch gar nichts, denn die vielen armen Menschen, die sich bei 25 Grad heute hier in Maskottchenkostümen aller Couleur  unter die Menschen mischen, sprechen für sich: kauft gefälligst fleißig ein, das ist toll, da hast du was von. Diese Symbolsprache versteht man auch ohne Englischkenntnisse.

Bild: Niteshift
Bild: Niteshift

 

7 Tage sollst du shoppen

In meiner leidenschaftlichen Eigenschaft als Konsumkritikerin ist es natürlich Ehrensache, mich über diese Tatsache so richtig ordentlich aufzuregen. Was brauchen wir denn bitteschön auch noch am siebten Wochentag Gelegenheit zum einkaufen? Sind die armen Mitarbeiter nicht schon genug gestraft, Montags bis Samstags teilweise bis Mitternacht mit froher Miene an ihrer Arbeitstelle zu verweilen? Und vor Allem: Was bewegt die Besucher dieses  „erlebnisreichen Programmtages“, in die Stadt zu gehen?

Nun gut, ich bin ja auch da. Die vielen überglücklichen Leute mit ihren Kindern gehen mir allerdings gewaltig auf die Nerven. Alle scheinen die gleiche Idee zu haben wie ich, und so stehe ich geschlagene zehn Minuten an einer Eisdiele an, um mir das erste Eis des Jahres zu kaufen, das sich unmerklich wieder ein bisschen im Preis erhöht hat. Die Mädels und Jungs in ihren Kostümen zumindest scheinen ihre Rolle mit großer Freude zu vollführen. Vielleicht wollen sie sich mit dem wilden rumgehüpfe auch nur vor einem Hitzschlag bewahren, wer weiß. Jedenfalls kaufen sie die Kinderherzen mit Plastikspielzeugteilchen Made in China und damit auch die Elternherzen Made in Konsumwahnien.

 

Springfever for ever

 Bild: Renate Härtl / www.jugendfotos.de
Bild: Renate Härtl / www.jugendfotos.de

 Ich schiebe mich – nein, ich werde geschoben - durch das Straßengetümmel und  kriege ich an jeder Ecke einen halben Regenwald in die Hand gedrückt. Flyer hier, Flyer da, von der Kirche über die Disko bis hin zum Sexshop bin ich nun mit superspezial Springfever-Angeboten versorgt. Hier und da suchen verzweifelte Eltern ihren Nachwuchs im Getümmel, so mancher Hund, egal wie groß er auch sein mag wird vom Herrchen getragen, von den Omas mit ihren Gehwägelchenproblemen mal ganz zu schweigen. Ein Rätsel, was die alle hier wollen. Ich jedenfalls gehe lieber nach Hause und relaxe auf dem Balkon. Nachher werde ich tatsächlich noch vom Frühlings-Konsum-Fieber angesteckt.

Cody grüßt.