litterae bona et stulta

Gute Briefe, blöde Briefe

Bild: Madeleine Schade / www.jugendfotos.de
Bild: Madeleine Schade / www.jugendfotos.de

Liebe MitarbeiterInnen! Ich möchte mich auf diesem Wege einmal darüber informieren, wie es Ihre Firmenphilosophie eigentlich mit Nachhaltigkeit, Tierschutz und fairen Arbeitsbedingungen hält...
So beginnen viele meiner Briefe an die ganz Großen der Lebensmittel. Die Reaktionen darauf sind sehr verschieden. Aldi zum Beispiel antwortet immer innerhalb einer Woche, Edeka in den meisten Fällen auch, Migros lässt sich schon etwas mehr Zeit, und von manchen habe ich bis heute noch nichts gehört, zum Beispiel von Kaufland und Lidl. Die Aussagen kann man zwar alle in die Tonne stampfen, und das mit großen Füßen, so einen Müll bekommt man zur Antwort, doch man sieht, der Wille, eine freundschaftliche Bindung zu seinen Kunden vorzutäuschen, ist da.

Aldi antwortet schnell und unpräzise

Da Aldi besonders gerne und rasch antwortet, schreibe ich denen auch oft. Natürlich bin ich immer wer anders und habe auch immer ein anderes Anliegen, das meistens auch gar nicht stimmt. Meine letzte Mail befasste sich mit dem BSCI- Zeichen auf T- Shirts, das aber nicht auf der Packung drauf, sondern in der Packung drin ist, also von außen nicht ersichtlich. Meine imaginäre Tochter bekam das Shirt von ihrer imaginären Tante geschenkt und ließ das verpackte Stück lange im Schrank liegen, weil sie von Aldi und den Arbeitsbedingungen dort und vor allem in den Produktionsländern nichts hält. Sorgsame Mutter wie ich bin, konnte ich mein Töchterchen aber doch davon überzeugen die Packung zumindest mal zu öffnen, und tata! flog uns das Siegel in die Hände, das faire Arbeitsbedingungen bestätigt. Warum also, lieber Aldi, macht ihr das Zeichen nicht gleich offen und ersichtlich oben drauf? Die Antwort war ein Standartformular und recht ernüchternd: "Vielen Dank für Ihren Verbesserungsvorschlag zu unserem Produkt. Bei der Auswahl unserer Produkte für unsere Kundinnen und Kunden achten wir grundsätzlich auf ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis. An Anregungen und Ideen sind wir deshalb stets interessiert. Leider können wir Ihnen zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob Ihre Anregung für ALDI umsetzbar ist." Schade.

Was fällt mir ein mich für irgendwas zu interessieren?

Bild: Julian Berger / www.jugendfotos.de
Bild: Julian Berger / www.jugendfotos.de

Migros hat auf meine Frage, warum ich denn deren hochgepriesene eigene Fleischmarke einem anständigen Biofleisch vorziehen sollte erst mal meine Mail dem Fleischzulieferer weitergeleitet. Dieser, der mit Migros nicht viel zu tun hat, verlangte von mir erst einmal sämtliche Absichten, die ich mit meiner Anfrage bezwecke, offenzulegen. Irgendwie konnten wir nicht so miteinander, denn als ich dies tat (indem ich meine Frage einfach wiederholte), meinte er zwar, mein Interesse sei ihm sehr wichtig, doch es gehe ihm zu weit in das Firmengeheimnis und er dürfe mir darauf leider keine Antwort geben. Mittlerweile weiß ich, dass das Fleisch einfach ein anderes Futter bekommt und keinen Freilauf hat, es ihm aber vergleichsweise doch besser geht als einem herkömmlichen Aldischwein. Woher ich das weiß? Ich bin auf einen freundlichen Zuliefererbauernhof von dem unfreundlichen Migros-Zulieferer gefahren und hab mir das angeschaut.
Auch beim Kaufland ging es um Fleisch. Nachdem dem Einkäufer dort das Biosiegel von allen Seiten anfällt, dass es sogar Bioweckmehl und Biopeperoni gibt, macht das Siegel vor der Fleischtheke bisher noch einen riesengroßen Bogen. Warum das so ist, habe ich bis heute nicht erfahren. Es kam keine Antwort.

"Service wird bei uns groß geschrieben" oder "kauf dir deine Meinung - hier ist ein Gutschein"


Edeka hingegen war sehr bemüht, die haben mich sogar angerufen. Gut, mein Anliegen war sogar geschäftsschädigend, denn eines schönen Tages, so schrieb ich in meiner Mail, war in meiner Erbsendose der Billigmarke von Edeka eine tote Raupe. Das war für mich sehr widerlich und für die bei Edeka sehr peinlich. Nach einem ausführlichen Telefongespräch erhielt ich wenige Tage später noch einen Brief mit zweiseitigem Imageblabla und einem fünf Euro Einkaufsgutschein. Natürlich war das bisher die zweitschönste Firmenmail.

Fair ist nicht nur fair, sondern auch persönlich

Bild: Becker / architexturbüro.de
Bild: Julia Becker

Die Schönste aber kam von meinem Klamottenladen. Da hieß es schlicht und einfach: "Hey Cody, schön mal wieder was von dir zu hören! Ich hoffe es geht Dir gut. Was machen deine  Tomatensetzlinge? Komm uns doch einfach mal wieder besuchen, wir haben immer einen Kaffee und genug Zeit für Dich, auch wenn du nichts zum anziehen brauchst. Und an Gesprächsstoff mangelt es und ja schließlich auch nicht. Bis dann, liebe Grüße, Marcus." Das ist doch netter als das "Und jetzt will ich aber mal wissen was sie eigentlich wirklich von mir wollen!" des Migros- Zulieferers, oder?


Cody grüßt.


Codys Briefrecherchen

Kolumnen-Queen Cody C. Cerebri mischt auf: Für ihre Texte recherchiert die Zeilen-Zauberin knallhart, und scheut auch vor gefakten Briefe an diverse Discounter nicht zurück. Die Antworten der Unternehmen sind viel zu schön, um sie verstauben zu lassen! Hier der ultimative Blick in Codys Briefkwechsel.

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Bild: Victor Höller / www.jugendfotos.de