iusticia caffeei

Die Gerechtigkeit des Kaffees


Bild: Christin Janke / www.jugendfotos.de
Bild: Christin Janke / www.jugendfotos.de

Kaffee ist für jeden was anderes: Droge, Frühstückstrunk, Lifestyle oder Streitpunkt. Muss erst Milch rein und dann Kaffee? Erst der Zucker, den dann mit einem Schluck der braunen Brühe verrühren und dann den Rest einschenken? Oder schmeckt er erst so richtig gut wenn er kalt ist, am besten noch in einer Limoflasche? Wie sieht's mit löslichem Pulverkaffee aus?

Mit einem Päckchen Kaffee die Welt retten

Mein Kaffee ist seit neustem eins, egal ob kalt oder warm, abgestanden, vermilcht, verzuckert oder gepulvert: Mein Suchtgetränk ist Fairtrade. "Hui", werdet ihr jetzt denken, "Cody rettet die Welt! Na super!" Naja, wär ja selten einfach mit einem Päckchen Bohnen die Welt zu retten, auf die Idee hätte James Bond schon längst kommen können. Oder Bush. Oder gleich Chuck Norris. Bomben wir statt Rosinen Fairtradekaffee ins Kriegsgebiet und alles wird gut!
Bei Fairtrade denkt man erst mal an selbstgestrickte Pullis von selbstgeschorenen Schafen, die wir uns auf unserer selbstversorgten Weide unter höchst artgerechten Bedingungen angezüchtet haben, dass selbst der härteste Veganer kaum noch etwas dagegen einzuwenden hat. Dass der Ökopulli auch Lebensraum von Milben und Flöhen ist, versteht sich von selbst. Da ich kein solches Exemplar in meinen Kleiderschrank lasse und auch die weitere Pseudovorraussetzung eines Ökoaktivisten in Form von Dreadlocks auf dem Kopf trage, muss da also etwas mehr dran sein.

Schön, wenn das jetzt modern ist

Bild: Joel Krumbacher Birle / www.jugendfotos.de
Bild: Joel Krumbacher Birle / www.jugendfotos.de

Fairtrade ist einfach in! Wer was auf sich hält und genügend Bares aufweisen kann, hat neben drei Patenkindern in Bolivien, Kenia und Simbabwe auch für ein Krankenhaus im Irak gespendet und mindestens fünf Hektar Krombacherbier gerettet. Und weil man ja so gutmütig ist, nimmt man auch die wirklich belastende Arbeit des Shoppens auf ich, damit man mit einer Kleiderspende irgendwelche unterbemittelten Afrikaner zu jeder Jahreszeit mit einer Kleiderspende erfreuen kann. Schon mal von dem neuen Lifestyle der Lohas gehört?
Schön, wenn das jetzt modern ist.
Genau das ist aber nicht der springende Punkt. Das ist reine Gewissensbereinigung ohne großen Nutzen und Verstand. Wie sollen die Bespendeten jemals auf eigenen Beinen stehen und ihr Leben ohne Almosen auf die Reihe kriegen?

Die Tücken des fairen Handels

Jetzt bringt ein Fairtradekaffeekauf mehr Probleme mit sich als man mit dem ersten Geistesblitz denken könnte. Das macht das Ganze so kompliziert, dass man entweder deprimiert einfach doch zum konventionellen Produkt greift oder zum fanatischen Fairtrademissionar wird. Mit einem Päckchen Fairtradekaffee baue ich Schulen, sanitäre Anlagen, kläre über Aids auf, rette die Umwelt und gebe den wahren Weltverbesserern moralische Unterstützung. Und da sich der konventionelle Kaffeepreis aus 44 Prozent Steuern und fünf Prozent Lohn für die Plantagenarbeiter zusammensetzt, ist doch die Überlegung, warum jetzt der Staat, der da ja mal gar keinen Finger krumm gemacht hat an meinem Kaffee, mehr verdienen soll als derjenige, der die härteste Arbeit an dem Produkt hatte, nicht so ganz unbegründet.

Wer zählt mehr - Andere oder ich?

Bild: nerverwantedtogetthis / www.jugendfotos.de
Bild: nerverwantedtogetthis / www.jugendfotos.de

Und weiter? Ein innerer Krieg: Kann ich wirklich und wahrhaftig was ausrichten wenn ich …? Und ist der andere Kaffee dann automatisch böse? Und soll ich im Discounter, der doch seine eigenen Mitarbeiter so knechtet, also das ist doch unfairer fairer Handel? Aber eigentlich muss ich ja dort kaufen, damit die Discounter merken, dass sie noch mehr faire Produkte brauchen, oder nicht? Und wenn ich jetzt aus Versehen irgendeine Missionarsgruppe unterstütze, die den Arbeitern zwar mehr Geld gibt, aber als kleines Schmankerl noch 'nen kompletten Glauben aufzwingt?
Für Durchschnittliche 20-50 Cent mehr pro Päckchen (ein weiteres veraltetes Vorurteil von doppelten Preisen) kann man dieses Risiko mutig eingehen und Kompromisse machen. Mal Discounter, mal Supermarkt, mal Weltladen. Dann ist jeder mal versorgt und alle sind happy. Vor allem ich.
Nennens wir's einfach nicht veraltet Fairtrade, sondern nach dem, was es eigentlich ist: Strategischer Konsum. Dem naivem Gutglauber ist damit genauso geholfen wie dem notorischen Verschwörungstheoretiker, der aus Prinzip immer das Billigste und Schädlichste kauft, da er nichts und niemandem vertraut was die Weltwirtschaft betrifft. Und dem normalem (strategischen) Verbraucher wie mir. Egal ob mit Schafen im Garten oder Flöhen im Pulli.

Cody grüßt.