calceus faustus

Die beglückenden Schuhe


Bild: Squidonius / sxc.hu

Manchmal ist es echt nicht leicht strategisch zu konsumieren. Da hat man nun routiniert den richtigen Griff nach Fairtradekaffee, Bioeiern und homöopathischer Schokolade geübt, hat den Spagat zwischen Discounter und Weltladen gemeistert und dann lächeln mich mit unschlagbaren Schnallen und überwältigenden, extravagant aber dennoch schlichten Absätzen die Schuhe aus Deichmanns Schaufenster an.

Wenn der Kopf will aber die Füße nicht...

Ich muss einfach, ich muss in das Schuhgeschäft, meine Füße schreien nach diesen Schuhen, und ist der erste Fuß erstmal drin, in dem wohlig weichen, saubequemen Schuh, lechzt jeder einzelne Zeh nach mehr, sodass auch der andere Fuß, gleichwohl von Ferse bis zur Fußspitze, hineintaucht in das Schuherlebnis der Extraklasse. Wie ein Next-Topmodel schleiche ich über den Catwalk durch Deichmann, schwebe über die überall herumliegenden einzelnen Schuhe, wo sind die Kameras, ich werde euer nächstes Schuhmodel! Ein achtlos in den Gang geworfener Schuhkarton wirft mich buchstäblich zurück auf den Boden der Tatsachen. Da liege ich nun, auf dem Deichmannboden, keiner hat es gesehen, alle Blicken auffällig unauffällig weg. Es hat wohl jeder gesehen, aber aufhelfen tut mir keiner. Selber Schuld denken die, und sie haben, wenn auch unbewusst, recht, denn der Karton ist von meinen eigenen Schuhen, besser gesagt von den Schuhen, die sich gerade LSD-haft an meine Füße rangemacht haben.

Ein anderer Blickwinkel

Bild: LuanaJoKliesen / www.jugendfotos.de
Bild: LuanaJoKliesen / www.jugendfotos.de

Von hier unten sieht der ganze Laden irgendwie nicht mehr so toll aus. Der Karton, wie alle freundlich gelb-rot, eine Mischung aus Tequila und Sunrise, hat eine Delle.
Der Preis des vermeintlich erfüllten Wunsches aller meiner Träume: 29,99 Euro. Durchaus ein guter Preis, und wann finde ich schon mal Schuhe in meiner Größe, die mir auch noch auf Anhieb gefallen und ich mir locker leisten kann? Aber ich denke an meinen Fairtradekaffee. An meine Bioeier. An die homöopathische Schokolade. Soll ich mal eine Ausnahme machen? Etwas kaufen, das nur so günstig sein kann, weil irgendjemand ganz weit weg mit Sicherheit ein bisschen ausgebeutet wird? Das wäre ein Verrat meiner inneren Einstellung. "Nein, ihr Lieben", sage ich in Richtung meiner Füße, "ihr werdet bestimmt einen neuen lieben Besitzer finden, bei mir werdet ihr nicht glücklich."
Ich höre mein Zehen seufzen.

Alles in Ordnung? Nein!

"Alles in Ordnung bei Ihnen?" Ich saß wohl etwas zu lange wie benommen von meinen Gedankengängen auf dem Boden, sodass sich eine Verkäuferin doch mal nach meinem Befinden erkundigen möchte. Jaja, alles ok. Ich stehe auf, ziehe die Schuhe aus und verabschiede mich mit einem letzten Blick von ihnen. Die Verkäuferin packt sie wie eine Bestatterin in den Sarg zurück in den Tequila-Sunrise Karton. "Wissen Sie eigentlich unter welchen Umständen die Schuhe hergestellt wurden?", traue ich mich zu fragen. Immerhin bin ich schon blamiert, da kommt's jetzt auch nicht mehr drauf an. Verwirrt blickt sie mich an. "Moment bitte." Die Gute macht einen leicht angekeksten Eindruck und verschwindet hinter einem Vorhang. Als hätte ich sie beleidigt, gerade sie, die mir doch als Einzige helfen wollte, wie ich da hilflos auf dem Boden lag. Plötzlich kommt ein schicker Mann im Anzug hinter dem Vorhang hervor. Heiner Bretzmann, Filialleiter - lese ich auf seinem Namensschild. Ach herrje, da werde ich bestimmt gleich vom Chef persönlich an die frische Luft gesetzt.

Firmenphilosophie vs. Realität

Bild: Daniel-von-Stephani / www.jugendfotos.de
Bild: Daniel-von-Stephani / www.jugendfotos.de

"Sie haben sich nach unserer Firmenphilosophie erkundigt?", fragt er freundlich. Ich nicke. Anscheinend habe ich das. Kinderarbeit und Co. gehören wohl zur Firmenphilosophie. Herr Heiner Bretzmann, Filialleiter, beginnt eine Rede zu halten, dass alle Kundinnen inklusive deren Füßen um uns eine Traube bilden und eifrig mithören. Wir erfahren etwas über umweltfreundliche Technik, überdurchschnittliche Gehälter der Mitarbeiter, Stärkung der Region und über Hilfsprojekte in Asien, Afrika, Indien und Moldawien. Man kann sich die "Ahs" und "Ohs" der Mithörer vorstellen. Nachdem der Chef seine perfekt einstudierte Rede beendet und sich nach weiteren Fragen erkundigt hat, macht er mir für meine Schuhe sogar einen Sonderpreis. "25 Euro, für Ihr Interesse an unserem Unternehmen". Ich bin gerührt. Doch ich lehne ab. Das muss ich jetzt erst einmal verdauen.

schwarz-weiß Denken noch möglich?


Mein schönes, einfaches Weltbild vom strategischen Konsum ist ins Wanken geraten. Gut und Böse, das war bisher immer nicht-konventionell und konventionell. Jetzt muss ich differenzierter denken, und am besten immer nachfragen. Und dann auch noch abwägen, was die Herren Filialleiter so erzählen. Da könnte ja jeder kommen! Vielleicht doch gut, dass nicht alles so einfach ist?!


Cody grüßt.