Bis dass der TÜV uns scheidet

 Ein Dream-Team. Aber: Time to say goodbye...
Ein Dream-Team. Aber: Time to say goodbye...

Ein Anruf von einem alten Freund. Er trenne sich nun endlich von seiner alten Kiste und kaufe sich ein tolles Auto – ob ich nicht irgendjemanden wüsste, der sein altes Autoradio gebrauchen könnte? Die Chance war da. Das Geld auch. Und sogar einen plausiblen Grund konnte ich vorlegen. Und so kam es, dass ich mir zum gerade abgeschlossenen Studium nicht nur ein Autoradio gönnte, sondern meinem Kumpel gleich die ganze „alte Kiste“ abkaufte, immerhin mit frischem TÜV.

 

Bis das der TÜV uns scheidet

Jetzt, knapp 4,5 Jahre später, wird uns genau dieser voneinander trennen. Der TÜV. Ein bisschen wehmütig bin ich schon, ehrlich gesagt ein bisschen arg. So viele witzige Dinge habe ich mit meinem kleinen Polo erlebt, hunderttausende Kilometer mit ihm zurückgelegt und ihn auch tatsächlich selbst mit einem Crash zum TÜV-Tod verdammt.

 

Treuer Begleiter bis zum Tag X

 Fenster weg? Für meine Tüftler kein Problem.
Fenster weg? Für meine Tüftler kein Problem.

Mein kleiner Polo war ein schicker Flitzer, der mich nie im Stich gelassen hat. Gut, einmal musste ich während einer Autobahnfahrt Kühlwasser nachfüllen, meine Güte, das war halb so tragisch. Auch ist tatsächlich – das wird vor allem meine damalige Chefin nie vergessen – während der Fahrt zu einem Arbeitseinsatz zu einem Konzert der elektrische Fensterheber gerissen, was dazu führte, dass die ganze Scheibe in der Tür verschwand. Das war zwar etwas frisch in jener kühlen Aprilnacht und ein kleiner Schreck (vor allem für die Chefin), aber es ließ sich schnell wieder beheben. Kleinere Wehwechen gab es freilich auch, doch dank meiner fleißigen Tüftler-WG konnte auch noch so jedes verschlissene Ersatzteil auf dem Schrottplatz oder bei Ebay erstanden und eingebaut werden. Bis, ja bis dann der große gelbe Post-LKW kam.

 

Glück im Unglück im Glück

 

So schrecklich unnötig der Unfall damals war (keinerlei Personenschaden, allerdings ein wirtschaftlicher Totalschaden für mein treues Gefährt), er hat mir doch gezeigt, wie schnell man sich von der Wirtschaft untergeben fühlt. Als mein völlig desolates Auto mitsamt ordentlich zusammengeschobener Motorhaube auf den Abschleppwagen gezogen wurde, fragte mich der Abschleppmensch, ob wir gleich damit zum Schrottplatz sollen. Was? Niemals! Kopschüttelnd bugsierte der Herr mein Auto und mich dann zu unserer Schrauberwerkstatt, wo wir allerdings genauso mit Kopfschütteln begrüßt wurden. Egal – so kampflos gebe ich mich mein autolein (welches zu allem Unglück auch noch frischen TÜV hatte) doch nicht auf!

 

Aus 2 mach 1

Die kommenden Wochen waren hart. Ich lernte jäh, was es wirklich heißt, einen wirtschaftlichen Totalschaden an so einem alten Auto zu haben. Es ist alles kein Problem wieder herzurichten, doch die ganzen Ersatzteile und die Arbeitszeit sprengen den finanziellen Rahmen enorm. Kann das wirklich wahr sein? Kein Wunder, dass in dieser Welt so viel Schrott anfällt!

 

Der Wirtschaft ein Schnippchen geschlagen

 

Kurz: Für das benötigte Reparaturgeld könnte man sich leicht eine neue gebrauchte Kiste kaufen. Geld, das ich damals weder zum Reparieren noch zum Auto kaufen nicht hatte. Über-Ober-Glücklicherweise aber lebe ich aber in einer WG, die ein großes Herz für Herausforderungen hat. Schnell war den Lebensrettern meines Autos klar: Wir machen das selbst! Und zwar kaufen wir nicht alle Teile einzeln auf dem Schrottplatz oder sonstwo. Wir kaufen ein ganzes Ersatzteil-Auto! Gesagt getan.

 

Mission erfolgreich

Innerhalb kürzester Zeit wurde mein 1. wirtschaftlicher Totalschaden-Polo bei Ringel hinter dem Stall mit einem weiteren wirtschaftlichen Totalschaden-Polo ergänzt. Es war eine Wahnsinns-Arbeit, aber alle Beteiligten arbeiteten mit Feuereifer daran, aus 2 Totalschäden wieder ein funktionierendes Auto zu machen. Und: Es hat funktioniert!!! Dank dem großartigen Engagement, welches ich selbst lediglich mit der Verpflegung der bis zu 6-köpfigen Mannschaft unterstützen konnte, hatte mein kleiner alter Polo für grob überschlagene 300 Euro noch zwei weitere Lebensjahre gewonnen. Aller Wirtschaft zum Trotz! Mit ein paar kleineren Einschränkungen zwar (z.B. war er seitdem zweifarbig und hatte keine Klimaanlage mehr), aber was solls! Er war gerettet!

 

Hageltaufe

Ganz besonders stolz war ich bei seiner "Hageltaufe": Als wenige Wochen nach seiner erfolgreichen Operation der schlimmste Hagelsturm seit Beginn der Wetteraufzeichnungen über unsere Region fegte, war mein kleiner Polo das einzige Auto in der ganzen Straße, dass das Unwetter fahrtüchtig überlebte - keine zerschlagenen Scheiben, keine kaputten Spiegel, allerdings viele, viele Beulen.

 

Adieu, mein treuer Freund!

 Das Finale - allerdings vor dem Hagelschaden :-)
Das Finale - allerdings vor dem Hagelschaden :-)

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen: Diese zwei Jahre mit meinem Polo war ich auf jeder einzelnen Fahrt so überglücklich, dass ich ihn noch hatte! Nun ist unsere gemeinsame Zeit jedoch für immer vorbei. So zusammengebastelt wird er keinesfalls mehr durch den TÜV kommen – unsere Wege werden sich zwangsläufig trennen, obwohl er noch einwandfrei funktioniert. Ich hoffe ja sehr, dass er eine Zukunft in einem Land bekommt, in dem er noch ein bisschen fahren darf. Verdient hat er es sich allemal!