pulli africanis

Bild: Julia Laars / www.jugendfotos.de
Bild: Julia Laars / www.jugendfotos.de

Mein Pulli ist in Afrika. Ganz spontan wollte er auch mal auf Tour, obwohl er immer dabei war, wenn ich mal wieder auf Reisen ging. Aber das hat ihm nicht gereicht. Meine große weite Welt war ihm nicht groß und weit genug. Immer trauriger lag er im Schrank, und immer seltener zog ich ihn an. Wir hatten eine ernste Beziehungskrise, unüberbrückbare Differenzen. Deshalb beschlossen wir, uns zu trennen.

 

Scheiden tut weh...

Ich zog ihn aus. Er musste ausziehen. Wir haben uns nicht gehasst, deshalb war keine Rache nötig, und ihn einfach in einen Sack zu stecken und in eine Tonne zu schmeißen, brachte ich einfach nicht übers Herz. Ich sammelte also viele weitere Kleidung zusammen, von meinen Mitbewohnern, von meinen Nachbarn, und von Freunden und Bekannten. Das gab eine riesige Klamotten-Tausch-Party! Unser WG-Wohnzimmer verwandelte sich in ein Modehaus mit Laufsteg. Jeder der was brachte, suchte sich was von den anderen aus, und so hatte jeder am Ende des Tages was schönes "neues" im Kleiderschrank. Alle waren happy. Fast.

 

Zu schön für den Häcksler

Bild: Sylvia Dalberg / www.jugendfotos.de
Bild: Sylvia Dalberg / www.jugendfotos.de

Mein Lieblingspulli aber fand keinen neuen Besitzer. Und mit ihm blieben auch solche Dinge, die einfach keinem passten, keinem gefielen oder mit denen man einfach nicht mehr auf die Straße konnte, im Wohnzimmer liegen. Zwei Waschkörbe voll waren das. Nachdem meine Mitbewohner geschätzte drei Wochen tagtäglich zehn mal über diesen Wäscheberg stolperten, wurde befohlen, ihn nun endlich mal zu entsorgen. "Aber wohin?" Ich wusste ja, was denen blüht: sie werden gehäckselt und zu Decken gepresst, und diese Vorstellung war für mich und meinen ehemaligen Lieblingspulli überhaupt nicht vorstellbar. Die Lösung aller Probleme: das Internet.

 

Kontaktanzeige für den Pulli

Und so formulierte ich in einem Kleinanzeigenforum all meine Sorgen und Wünsche zusammen: "Biete zwei Waschkörbe Kleidung. Viel zu schön um gehäckselt zu werden, teilweise altmodisch, aber tragbar, viele Markenstücke." Nach zwei langen Wochen ohne Interessenten, kamen plötzlich unglaublich viele Anfragen. "Wir sind ein gemeinnütziger Verein und vermitteln Kleidung an mittellose Menschen...", "Ich führe ein Second Hand Geschäft und möchte gerne die Markenstücke" oder "schon sein Kleidung fur Kind von mich"- es war alles dabei.

 

Überwinterung in Kenia

 

Eine Anzeige fand ich richtig nett. Es war eine Frau, die mir erstmal einen Einblick in ihr Leben gab, sie war reich, ist viel gereist, hat irgendwann mal Afrika erreicht und konnte das Elend dort nicht mehr ertragen. Nach langem hin und her schmiss sie ihren gut bezahlten Job und zog über den Winter nach Kenia, um dort Slumbewohnern zu helfen über die Regenzeit zu kommen. Nach vielem schnulzigen Blabla kam auch sie dann mal zur Sache: Bald wäre es wieder mal so weit mit ihrer Überwinterung in Kenia, und sie sammele fleißig Mitbringsel. Gut erhaltene alte Kleidung sei dort der Renner, und (das war das Hauptargument für mich gerade ihr zuzusagen) sie könne sofort kommen und die Sachen abholen. Wunderbar. Afrika, das ist bestimmt ein gutes neues Heim für meinen Pulli, da kann er noch was bewirken. Wir verabredeten uns noch für den selben Abend. Kurz vor dem vereinbarten Termin rief sie mich nochmal an. Also, so ganz mit leeren Händen möchte sie doch nicht kommen, womit sie mir denn eine Freude machen könne?

 

Wenn der Obstkorb drei mal klingelt

Nene, war meine Antwort, ich brauche nichts, aber eine Postkarte aus Afrika, das wär schon was tolles.
Später klingelte es an der Tür. Herein spazierte ein riesiger Obstkorb. Bananen, Orangen, eine Ananas, Kiwis, eine Melone, Äpfel, Birnen und Früchte die ich gar nicht kannte, sich aber als Kumquats, Papayas und Pomelos entpuppten, wurden mir in die Hand gedrückt. Hinter diesem Waschkorb voller Früchte kam endlich eine Frau zum Vorschein, Andrea. Andrea meinte, in einer WG mangelt es immer an Obst, und so ganz ohne irgendwas habe sie sich nicht getraut die Sachen zu nehmen. Und Obst, da kann man ja nicht nein sagen, das ist fast so wie Pralinen, es wäre unverschämt das abzuweisen.

 

Pulli auf Weltreise

Bild: Postkarte aus Afrika

Erst mal aber müssen die Waschkörbe von Obst befreit und mit Altkleidern befüllt werden. Ein letzter wehmütiger Blick auf meinen Pulli. Tschüss Alter, du kommst jetzt in die weite Welt hinaus! Ich wurde noch kurz darüber aufgeklärt, warum es sinnvoller ist deutsche Sachen nach Afrika zu fliegen, anstatt sie dort zu kaufen, und dann ist Andrea schon wieder weg, und mit ihr mein Pullover - auf Wiedersehen mein Alter!

PS: Monate später bekam ich tatsächlich eine Karte aus Kenia - von Andrea!


Cody grüßt.