Omitto cum vehiculum

Ich fahre mit dem Fahrzeug

Bild: Pia-Sophie Weber / www.jugendfotos.de
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Manche meinen, dass man sich durchaus ausschließlich mit Bahn, Bus, Bein und Bizeps fortbewegen kann, wenn man denn nur möchte. So wie ich. Doch von diesem Zug bin ich schon vor längerem wieder heruntergehopst - direkt in das Auto hinein. Natürlich nicht in mein eigenes, so viel Ökostolz besitze ich noch, ein Auto, das kann man sich nach etwas Großem leisten, nach einer sauschweren bestandenen Prüfung zum Beispiel, oder bei einer ungewissen Zukunft, wenn einem gerade ein nettes Fahrzeug über den Weg läuft. Mitfahrgelegenheit ist die neue Art zuverlässig ans Ziel zu kommen! Ich bin zunächst aus einem ganz anderen Grund für Langstrecken wieder auf vierrädrige Fahrzeuge umgestiegen: dem Geld.

Von zwei Beinen auf vier Räder

Dachte ich. Denn je öfter ich mich mit wildfremden Leuten für Fahrten quer durch Deutschland verabrede, desto mehr mache ich es aus reiner Freude, und nicht aus Geld- oder Zeitgründen. Im Gegensatz zum typischen Zugfahrer, der sich am liebsten ganz allein in einem Abteil weiß, sind Auto(mit)fahrer sehr viel gesprächiger.
Meine Erste Fahrt mit einer Mitfahrgelegenheit. Pünktlich zur verabredeten Zeit stehe ich, ausgerüstet mit Pfefferspray (für alle Fälle) sowie ein hellblauer BMW am Treffpunkt. Der Fahrer, ein Russe, besucht übers Wochenende seine Freundin. Sie wollten schon lange zusammenziehen, doch ihr Exmann macht Probleme. Während er das einer weiteren Mitfahrerin und mir erzählt, kralle ich mich nervös an der Autotür fest, denn sein Fahrstil, da bin ich mir sicher, ist katastrophal - bei jeder Ampel würgt er den Motor ab. Es dauert über 20 Kilometer bis ich kapiere, dass dafür die Start- Stopp- Automatik verantwortlich ist, von der ich schon viel gehört, aber sie noch nie erlebt habe. Der nette Russe freut sich tierisch über mein technisches Unverständnis, und wirft mich zielgenau genau dort raus, wo ich hin möchte. Meine anfänglichen Ängste, zu wildfremden Menschen ins Auto steigen, sind gestorben: wenn ein Russe in einem BMW zwei Mädels an ihr Ziel fährt, das ist ja wohl die ideale Feuertaufe.

Wie ein Hühnerstall in Käfighaltung - Ein Ka mit "von Frauen für Frauen"

Bild: Julius T.... / www.jugendfotos.de
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Trotzdem habe ich mich für Fahrt zwei für "von Frauen für Frauen" entschieden. Eigentlich war das mehr ein Zufall, weil zu meiner Wunschzeit nur diese Fahrt im Internet eingetragen war, aber gut. In einem unkomfortablen Ford KA zeigt sich, dass "von Frauen für Frauen" viel mehr ist als Verbrechensvorbeugung: gesprächig. Die ganze Zeit über wird gequasselt, geratschlagt, über die Uni gelästert und über die Hobbies diskutiert. Eine Mitfahrerin möchte am Zielort einen Gogotanzkurs besuchen, bei der anderen hat die Oma ne Krise und die nächste will sich einfach mal die Stadt anschauen.

Alle fahren mit

Die nächste Fahrt. Wieder "von Frauen für Frauen", weils einfach lustiger ist. Eine junge Lehrerin kutschiert ihre drei Mitfahrerinnen in einem Golf plus durch den Schwarzwald. Sie fragt uns um Rat, weil eine ihrer türkischen Schülerinnen mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht, und die Eltern das nicht einsehen möchten, weil sie die Lehrerin gar nicht verstehen und nur mittels der Putzfrau gedolmetscht werden kann. Weiter klagt eine Hotelfachfrauazubine über ihre strengen Arbeitszeiten und der Knausrigkeit der Fünf-Sterne-Hotelgäste, die anscheinend sämtlichen Bezug zum Geld verloren haben. Ingrid, mit 53 Jahren die Älteste im Wagen, plant mit ihrer Altengruppe dieses Jahr auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und fragt nach Bastelideen.

Zufälle gibt's...

Bild: Julian Berger / www.jugendfotos.de
Bild: Julian Berger / www.jugendfotos.de

Bei einer weiteren Fahrt, diesmal wieder gemischt, besucht der 16- jährige Musterschüler seinen Bruder, natürlich nicht ohne unglaublich vielen Carepaketen von der Mama. Der Rest der Truppe, zwei Jungs und ich, studieren zufälligerweise alle das Selbe. Keiner kann es glauben, dass es solche Zufälle gibt. Am allerwenigsten ich. Doch als wir uns genauer darüber austauschen wird klar, dass es stimmt. So wichtige Informationen (wie welcher Prof welchem anderen Prof die Frau ausgespannt hat) wissen nur Insider.

Sag mir wo die Tramper sind - dort sind sie geblieben!

Die Zeit vergeht also noch schneller, die ein oder andere Handynummer und E-Mailadresse wird ausgetauscht, es wird sich zum Kaffee verabredet. Anfängliches Misstrauen der Eltern wird mit einem boshaften Blick und einem "Ach, und an der Straße den Daumen hoch halten und warten bis dich jemand mitnimmt ist wohl besser?!" abgestraft. Da wird den ex- 69ern plötzlich klar, was sie da eigentlich von ihrem Sprößling verlangen. Und wo die "guten alten Tramper von früher" hin sind, ist wäre auch geklärt: die Tramper im Geiste sind heute Mitfahrgelegenheit-Mitfahrer.

Cody grüßt.