OMG, Selfies!

Bild: Die moderne Art des Selbtporträts - mit passendem Adapter
Bild: Die moderne Art des Selbtporträts - mit passendem Adapter

Es war einmal zu einer Zeit, in der Fotografieren noch Anspruch hatte. In der das damals bereits beliebte Hobby noch in 24 oder 36 Bild-Filmen mit vorgegebenem Isowert gemessen wurde. In einer Zeit, in der man sich zwischen "matt" und "glänzend" entscheiden musste und Geduld brauchte, um die geschossenen Bilder final in den Händen zu halten - und diese Methode die einzige überhaupt war, um die Motive überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Diese Zeiten sind vorbei. Seit der Massentauglichkeit von Digicams Anfang der 2000er wird geknipst, was das Zeug hält. Das beliebteste Motiv: der Fotograf selbst.

 

Wie Selfies die Welt eroberten

 

Die Zeiten ändern sich. Selfies haben sich mit der Smartphone- und Facebook-Revolution zu einem wahren Paradies für selbstverliebte Angeber mit gestörter Selbstwahrnehmung entwickelt. Bietet das geknipste, eine Armlänge entfernte Selbstporträt vor irgendwelchen Landschaften und Monumenten doch die ideale Möglichkeit, allen zu zeigen, dass man eine übertrieben aufgeblasene Selbstwahrnehmung besitzt. Äh sorry: Dass man es einfach geschafft hat natürlich. Am Ziel der Träume ist. Sich prominenter fühlt und die Kulisse hintendran eigentlich gar nicht so wichtig ist.

Weil man das Zepter selbst in der Hand hat. Oder keinen hat oder es niemanden zutraut, ein Bild von etwas weiter weg zu schießen. Oder vielleicht auch, weil man die Funktion des Selbstauslösers auf der Kamera nicht versteht. 

 

Nicht sehen, sondern gesehen werden

 

Bild: Selfie geht nicht nur mit Tablet oder Smartphone, auch mit Kamera und Stativ.
Bild: Selfie geht nicht nur mit Tablet oder Smartphone, auch mit Kamera und Stativ.

Gut, als nette Grüße, tolle Einnerungen und Souvenirs von tollen Tagen haben Selfies in der Tag manchmal durchaus ihre Berechtigung. Doch so oft, wie Selfies vor dem Eiffelturm oder den Rheinfällen gemacht werden, wurden die Sehenswürdigkeiten wohl noch nie fotografiert - und gleichzeitig wurde ihnen noch nie so wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Denn das ist wohl das allergrößte kulturelle Manko des tölpelhaften Fototrends: Man will nicht mehr selbst sehen, sondern nur noch gesehen werden. Und schaut nicht mehr hin. Selfie-Stange und Apps sei Dank. Allerdings auch schon gesehen: der Profi-Selfie, abgelichtet mit einem Stativ und Spiegelreflexkamera mit Selbstauslöser.

 

Selfie-Politik

 

Bild: Selfie aller Selfies - der Oscar-Selfie 2014 von Ellen DeGeneres (Bild: Twitter)
Bild: Selfie aller Selfies - der Oscar-Selfie 2014 von Ellen DeGeneres (Bild: Twitter)

Der rasende Erfolg der Selfies hat es tatsächlich geschafft, Kultur und Politik ordentlich aufzumischen. Man findet Selfies mittlerweile in rennomierten Zeitungen, schickt sein Porträt mit Hashtags auf Social-Media-Challenges und versucht - eine angemessene Prominenz vorrausgesetzt - sich mit dieser außerordentlich günstigen Marketingkampagne weltoffen, jung und modern in Szene zu setzen, wie es beispielsweise Schauspieler (bevorzugt Oscar-Preisträger), US-Präsidenten, Bundeskanzlerinnen und Fußballer tun. Weil sich das Thema so schön ad absudrum führen lässt, machen auch Affen vor Selfies nicht halt. Also echte Affen, ganz zum Leidwesen von Tierfotografen. Auch die Wirtschaft hat reagiert und neben diversen Smartphone-Bildoptimierungen auch mit unzähligen Selfie-Apps und weiterem Equipment wie eben der Selfie-Stange reagiert. Damit man auch mal mit beiden Armen auf dem Bild zu sehen ist. Wie auf einem richtigen Bild.

 

Cody grüßt.