Medicina natura

Naturmedizin

Bild: Krappweis /sxc.hu
Bild: Krappweis / sxc.hu

Sie sind klitzeklein, lecker und nicht nur deswegen in aller Munde. In meinem aber nicht. Seit Jahren schon treiben mich Arzt oder Apotheker mit diesem Hokuspokus in Kreise, die Gerüchten zu Folge jeder Öko fließend spricht: Homöopathie. Allein das Wort klingt schon nach dem, für was ich es halte: Eine Schnapsidee! Wie schön man das lallen kann...

Gib mir die Kugel

Diese Kügelchen, wie sie übrigens nicht nur genannt werden, sondern tatsächlich aus dem Latein übersetzt heißen, bestehen ja eh nur aus Zucker als Trägermasse. Was soll da abgesehen von kranken Zähnen schon herauskommen? Nachdem ich schon die ein oder andere Dosis bei kleineren Wehwehchen abbekommen habe, weiß ich, dass das Zeugs bei mir einfach nicht wirkt. Wer jetzt denkt, ich bilde mir das Nichtwirken nur ein - auf die Idee kamen schon andere. Doch selbst die späteren Geständnisse meiner eigentlich konventionellen Schwester, mir das Zeug heimlich eingetrichtert zu haben, konnten keinerlei Wirkung erzielen. Diese kleinen putzigen weißen Teile mit den schönen, wichtig klingenden Namen sollen mal imponieren wer will, ich habe vor denen mal so gar keinen Respekt. Öko hin oder her - bei so einem großen Menschen wie mir können die Zuckerkugeln nichts bewirken.

Käuterhexe Bärbel

Bild: Dariuszman /sxc.hu
Bild: Dariuszman /sxc.hu

Nun gibt es da aber noch meine Freundin Bärbel. Bärbel, auch liebevoll ”Kräuterhexe“ genannt, ist ein wahres Genie was alternative Placebomedizin angeht. Aus dem Effeff schmeißt sie mir in regelmäßigen Abständen irgendwelche lateinischen Begriffe ans Ohr, gebündelt mit aus der Luft ge- griffenen Zahlen, Potenzen und möglichen Anwen-dungsmöglichkeiten. Habe ich meine immer noch währende Abneigung gegen Latein eigentlich schon mal erwähnt? Jedenfalls hat Bärbel für alles und jeden immer die passende Kombi dabei. Egal ob Durchfall, Ausschlag oder Magenkrämpfe, bei jedem Kaffeeklatsch zückt sie das passende Mittel aus ihrer Handtasche (dabei ist die eigentlich recht klein, beim nächsten Treffen verlange ich mal eine Einsicht in die tiefe Weiten ihrer Tasche).

Eines Tages hat Bärbel die ultimative letzte Chance genutzt, mich mit Hilfe von Andrego umzustimmen. Andrego ist das Pferd ihrer Freundin, und kratzt sich das ganze Fell am Hals ab. Der Tierarzt konnte im Blutbild nichts feststellen und meinte, das liebe Tier sei kerngesund. Bärbel hat daraufhin angewiesen, Andrego 15 Globulis Sulfur zu geben, woraufhin der Juckreiz tatsächlich nachließ, doch das Fell noch immer nicht nachwuchs.

Riesenpferd hat Haarausfall

Ja klar, ein Pferd mit 15 Kügelchen zu heilen – jetzt spinnt sie komplett, die gute Bärbel. Die fasst sich genervt an die Stirn, und unternimmt den allerletzten Versuch, mich von meiner Globuli-Abneigung zu heilen: sie nimmt mich mit zu Andrego und Besitzerin.

Als ich Andrego sehe, halte ich lieber einen gehörigen Sicherheitsabstand. Das ist ja ein Riesenvieh! Die korrekte Bezeichnung ist allerdings ”Württemberger Warmblut“, doch die ein Meter Fünfundsiebzig Stockmaß machen ihn für mich eben zu einem Riesenvieh. Jedenfalls hat der gute Andrego wirklich eine hässliche, blutige Fläche am Hals, die so ungefähr vom Ohr bis zur Schulter reicht. Bärbel hat weniger Angst vor dem Tier, sie untersucht die Stelle ganz genau, schaut ihm ins Maul, tief in die Augen, drückt ihm am Bauch herum und stellt der Besitzerin nebenbei mysteriöse Fragen. 

Bild: sloopjohnb /sxc.hu
Bild: sloopjohnb /sxc.hu

Wie lange er denn so schläft, was seine Lieblingsgangart ist, wo und wie er aufgewachsen ist und so weiter. Nach einiger Überlegung kommt das Ergebnis. Es kann sich laut Bärbel nur um einen Darmpilz handeln, den man nun zehn Tage lang mit fünfzehn Globulis ”lateinisches Wort und hoher Potenz“, und anschließend noch fünf Tage lang mit fünf Globulis ”anderes lateinisches Wort mit anderer Potenz“ zu behandeln habe. Natürlich hat sie zufällig beides in ihrer Handtasche. Und ich habe den endgültigen Beweis für Bärbels Verrücktheit. So ein Riesenvieh soll mit fünf Kügelchen, die zu 90 Prozent aus Zucker bestehen, geheilt werden? Ja klar! Riesenviehs Besitzerin zumindest freut sich über diese Diagnose und verspricht, sich genau an die Anweisung zu halten.

175 Globulis heilen eine Tonne

Zwei Wochen später zeigt mir Bärbel Fotos von Andregos Halsstelle. Süße kleine Härchen sprießen am ganzen Hals, die blutigen Stellen sind verheilt. Kaum zu glauben! Ich rechne hoch: 1200 Kilogramm Pferd wurden in zwei Wochen von 175 Globulis (oder 35 Gramm) geheilt, was ungefähr 2, 82 Euro ausmacht. Das medizinische Blutbild und die Untersuchung an sich schlug mit ganzen 250 Euro zu Buche. Schon faszinierend, das muss ich zugeben.

Cody grüßt.