Natura vertus in hortem

Die Wahrheit der Natur liegt im Garten

Bild: Alice Dobersalske / www.jugendfotos.de
Bild: Alice Dobersalske / www.jugendfotos.de

Was für meine WG ganz normal ist, bringt meinen kleinen Nachbarjungen Sebastian regelmäßig auf die Palme. Manchmal würde er, wenn er es denn kennen würde, am liebsten wie ein HB-Männchen in die Luft gehen.

Schon oft hat er mich und meine Mitbewohner bei für einen modernen Wohlstandsjungen völlig bekloppten Tätigkeit erwischt. Irgendwie auch nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, in was für einer Schicki-Micki-City wir wohnen, er passt da wirklich besser ins Klischee als eine WG voller Technikfreaks mit leicht familiärem Öko-Touch.

 

Unser Leben im Urwald-Paradies

Da unsere uralte Mietwohnung mit riesigem Urwald von allen Bewohnern etwas vernachlässigt wird, wird der Garten erst genutzt, seit wir da sind. Bibelhaft bietet er fast alles, wobei keiner so recht weiß, wie dieses und jenes Gewächs überhaupt an seinen Platz kam.

Bild: Bärlauch

Die Johannisbeeren etwa fand mein Mitbewohner Marcus zufällig bei der Suche nach Feuerholz im tiefsten Gestrüpp, wo niemals auch nur ein Sonnenstrählchen hinfindet. Irgendwann, da sind wir uns alle sicher, finden wir auch noch einen Bach in dem Milch und Honig fließen, und es ist auch nur eine Frage der Zeit, wann endlich die gebratenen Tauben - selbstverständlich vegetarisch- aus den Nestern der riesigen Bäume fallen.

Sebastian, der sechsjährige Sohn einer alleinerziehenden Designerin, hatte anfangs seine liebe Mühe, unsere Taten zu verkraften. Zwar war er natürlich schon in Mutter-Kind-Kur in Bayern, das Pflichtprogramm des höheren Mittelstandes, doch die ihm dort vorgegaukelte Natur hatte wohl nichts mit der Realität zu tun.

 

Die leckere WG-Gartenküche

Bild: Tino Höfert / www.jugendfotos.de
Bild: Tino Höfert / www.jugendfotos.de

Generation "Wurst-wächst-im-Supermarkt" hat durch uns gelernt, dass man durchaus aus den Blüten des Holunderbaumes im Frühjahr Pfannenkuchen und Limonade, im Herbst Marmelade machen kann, dass die Wellensittiche und Schildkröten auf frisch gepflückten Löwenzahn abfahren und dass man auch mit echtem Holz, so richtig selbst gesammeltem Holz, das man erst einmal mit einer richtig echten Axt in handliche Stücke hacken muss, viel besser grillen kann als mit dem gewohnten Elektrogrill.

Auch wenn man keinen Stromstecker braucht und die Mama beim Anblick des Grillrosts erstmal in den Supermarkt düst um Alufolie zu kaufen.

Als wir gemeinschaftlich die diesjährige Apfelernte einfuhren, um sie zum Entsafter zu bringen, war es für Sebastian ein absolutes Highlight, meine Jungs hoch oben auf den Bäumen zu sehen, wo sie die uralten Apfelbäume zur Herausgabe ihrer Früchte zwangen. Im Frühjahr erwischte er mich dabei, wie ich im strömenden Regen im Bärlauch stand und begrüßte mich mit einem unfreundlichen "Ihr esst aber auch alles!". Das war zu viel für ihn.

 

Das gibt's doch nur im Fernsehen!

Bild: Julian Berger / www.jugendfotos.de
Bild: Julian Berger / www.jugendfotos.de

Nach sechs Jahren im Goldkäfig lernte er also kindische Erwachsene kennen, die sich nach Herzenslust einsauen, mit selbst gebauten Strickleitern auf Bäume klettern um Äpfel und Pflaumen zu ernten, daraus Mus, Kuchen oder Saft machen, und die sich beim Amateurkicken auch mal herzhaft auf die Knie ins Gras fallen lassen, wenn sie ein Tor schießen. Natürlich barfuß. Da meinte er nur: "Wie im Fernsehn!" und "Jetzt bist du voll dreckig, das gibt Ärger!"

Was für einen Kontrast der Arme mit uns aber auch durchleben muss! Eines Sonntag Morgen zum Beispiel frühstückten wir auf dem Balkon und beobachteten Sebastian beim Golf spielen mit seinem Vater. Natürlich wollte der Bursche alles andere als diesem Sport nachgehen, was sich unter anderem darin äußerte, dass er wild mit dem (bestimmt sauteuren) Schläger auf die Bäume einschlug und den Golfball ignorierte. Wenn Sebastian nun aus dem Klavierunterricht kommt, guckt er erst mal in den Garten, ob da wieder eine Fernsehshow abläuft. Meistens hat er natürlich Glück.

 

"Marmelade kommt doch viel einfacher aus dem Glas..."

Bild: Julia Vogt / www.jugendfotos.de
Bild: Julia Vogt / www.jugendfotos.de

Oder er klingelt, wenn wir es uns gerade zu einer gemütlichen Netzwerk-Spielerei zusammengesetzt haben, bei uns Sturm und verlangt nach sofortigem, ökologisch-sinnvollem Entertainment mit Gusteau. Das aber zu essen, kommt ihm dann aber nicht in den Sinn. "Das sieht voll eklig aus und kommt doch viel einfacher aus dem Glas!", sagt er dann. Und helfen, das ist sowieso was für Frauen.

Und als ihn die Jungs mal aus Scherz auf einen Baum setzten, weil er mal wieder um uns zu ärgern Grashüpfer zertrampelte, schrie er so laut, dass ganz Outletcity hörte wie in unserem Garten ein Kind bei lebendigem Leibe geschlachtet wird. Später sagte er, dass er noch nie in seinem sechsjährigem Leben auf einen Baum klettern durfte. So viel echte, Kur-widrige Natur tut eben nicht jedem gut. Dann vielleicht doch lieber Golfrasen...

 

Cody grüßt.