migratio per cultura

Migration durch Kultur

Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de
Bild: Tobias Mittmann / www.jugendfotos.de

Wie Menschen ihre eigene Kultur erleben, ist schon manchmal absurd. Viel absurder allerdings wird es, wenn andere Kulturen die deutsche Kultur erleben. Nicht selten gibt es erstauntes Kopfschütteln auf beiden Seiten der Grenzen, wenn es darum geht, den ein- oder anderen Spezialbrauch logisch nachvollziehen zu können.

 

Die deutsche Kultur. Was bitte?

 

Beispielsweise letzten Samstag. Ich war zu Besuch in meiner pakistanischen Lieblingspizzeria, bestellte bei meinem Leihbruder Pizza Nr. 17 und wartete an dem einzigen Tisch in der Lieferservicezentrale. „Meine“ pakistanische Leihfamilie, bestehend aus Mutter, Vater und zwei erwachsenen Brüdern, hat mich schon oft gefragt, warum sich die Deutschen gegen ihre Kultur wehren. Dies war mir bis dato überhaupt nicht aufgefallen und ich musste mir erst mal erklären lassen, was genau denn mit dieser ungestümen Behauptung gemeint war. Die Vorwürfe, die mir daraufhin an den Kopf knallten, waren alle miteinander wichtige AHA- Erlebnisse.

Von deutschen Trachten und Musik

Bild: Florian Schott
Bild: Florian Schott

Wir Deutschen hören nur englische Musik, war das erste Beispiel. Die einzigen deutschen Musiker haben entweder den englischen Stil oder sind bei der Jugend verpönt (ich hatte ihnen mal beigebracht dass Hitparade der Volksmusik uncool ist).

Wir Deutschen tragen alle europäische Klamotten, obwohl wir so wunderschöne Trachten haben. Dirndl und Lederhose wird nur dann aus dem Schrank geholt, wenn man sich daneben benehmen will.

Wir Deutschen legen keinen Wert auf gutes Essen, nur wenn es günstig ist. Wenn zufällig aber irgendeine Seuche umher kreist, bestellt vorsichtshalber niemand mehr Pizza mit Salami oder einen Salat. Und generell haben wir Deutsche nur Bräuche, von denen keiner mehr weiß worum es eigentlich geht.
Da wurde ich ganz unvermittelt schachmatt gesetzt.

Bunter Hund im Einheitseuropäerbrei

Ich saß da also wartend, als ein weiterer Kunde den Laden betrat und gleichfalls eine Pizza zum mitnehmen bestellte. Auch er setzte sich an meinen Tisch. Obwohl die ganze Familie viel zu tun hatte, wurde der Gast heimlich sehr neugierig beäugt. Er sah nämlich sehr traditionell gekleidet aus: Schwarze Cordhose, weißes Hemd, Jackett und Hut, dazu noch Stenz und Ohrringe, ein kleines Bündel an Gepäck - für die Pakistaner war dieser junge Deutsche ein bunter Hund im Einheitseuropäerbrei. Ich erfuhr, dass der Wandergeselle seit fünf Monaten sein Zuhause verlassen hat, nicht weiß, wo er heute schlafen wird, nicht weiß, wo er morgen arbeiten wird, und generell eigentlich gar nicht mehr weiß wie er sich jemals wieder an ein "spießiges Kuhkoppleben" gewöhnen soll. Immerhin hat er da noch 2,5 Jahre und einen Tag Zeit darüber nachzudenken. So sei der Brauch der Walz, den heute kaum noch ein Zimmermannsgeselle ausübt.

Die spinnen, die Deutschen!

Bild: Sigismund von Dobschütz
Bild: Sigismund von Dobschütz

Als seine Pizza fertig ist, bedeute ich meinen Freunden, diese dem Jungwalzer zu schenken, und er verschwand auf nimmer Wiedersehen. Als ich den Neugierigen voller Stolz endlich mal einen deutschen Brauch vorstellte, gab es ihn wieder, den Kulturcrash. Völlig fassungslos lauschten sie der Erklärung, der Junge sei nun drei Jahre völlig einsam auf der Reise, schnorrt sich bei Bürgern durch und darf und will keinen Kontakt zu seinen Verwandten haben. Die Vorstellung, sich jeden Tag ein neues Bett suchen zu müssen, kein Geld zu haben, zu Fremden ins Auto zu steigen und dazu noch von Allen dafür bewundert zu werden, war ihnen wirklich zu viel.

Die pakistanische Kultur besteht auf so viele Familienfeste im Jahr wie möglich und der Traditionsbursche soll gar nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort heran dürfen oder Besuch aus ebenda empfangen?

Kulturcrash führt zu Schuldgefühlen

Trotzdem waren sie nun alle besorgt um den Wandersburschen, gingen sogar extra noch mal vor die Tür um ihn zu suchen und zur Übernachtung einzuladen. Die Idee, mit dem Auto zur Suche auszuschwärmen konnte ich ihnen zum Glück ausreden. Ihr schlechtes Gewissen, durch den unbekannten Brauch nun bei den Deutschen als unhöflich zu wirken, quält alle bis heute noch. „Ich hab nicht gewusst, ich hab doch einfach nicht gewusst!“, sagt er jedes Mal, wenn ich wieder mal zu Besuch bin. Die überaus hilfsbereiten Pakistaner fühlten sich richtig schuldig.

Zimmermann als Türöffner

Einzig der Trost, die Pizza geschenkt zu haben, baute sie wieder etwas auf. Hier hat das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen einige Türen geöffnet. Ich bin mir sicher, dass der nächste Wandersmann, der ganz unschuldig in die Pizzeria hineinstolpert, wie ein König behandelt wird: Pizza zum sattessen, Bett, Dusche, Kleiderwäsche - einfach alles, was man sich auf der Wanderschaft eher nicht leisten kann. Einzige Verpflichtung wäre, sich dafür mit der immer aufnahmebereiten Videokamera filmen zu lassen, damit auch die Verwandten in Pakistan gleich diesen komischen deutschen Brauch lernen, der Wohl oder Übel irgendwie als Nächstenliebe zusammenzufassen ist. Die ist in Pakistan zumindest leichter nachzuvollziehen als Drindl und viel, viel Alkohol.

Cody grüßt.