Über das Meer

Über das Meer - Mit Syrern auf der Flucht nach Europa

Dieses Buch habe ich in drei Tagen regelrecht verschlungen. Ich habe während des Lesens permanent fassungslos den Kopf geschüttelt und bin der Überzeugung, dass diese Reportage eine der Wichtigsten ist, die es in Sachen Flüchtlingspolitik aktuell gibt. "Über das Meer - mit Syrern auf der Flucht nach Europa" von Wolfgang Bauer ist erschreckend ehrlich und beleuchtet die gefährliche Reise tausender Flüchtlinge über das Meer. Wolfgang Bauer, Reporter aus Reutlingen (und einer meiner Idole), gibt seinen Lesern in "Über das Meer" ein ganz eigenes Bild von den gefährlichen Überfahrten. Er nimmt den Leser einfach mit ins Boot, aber vor allem reißt er ihn von seinem gemütlichen Europa hinaus in die Welt des Krieges, der Schlepperbanden, Korruptionen und der Willkür der europäischen Exekutive. Woher er das so genau beschreiben kann? Er war dabei.

Im selben Boot. Wortwörtlich

Bauer und sein Freund und Kollege Stanislav Krupar gaben sich im April 2014 selbst als Flüchtlinge aus dem Kaukasus aus und buchten eine Schlepper-Überfahrt von Ägypten nach Italien. Einzig Amar, Bauers alter Freund aus Syrien, kennt die wahre Identität der beiden Journalisten. Amar selbst ist ebenfalls auf der Flucht. Er organisierte die pro Person rund 3.000 Euro teure Überfahrt bei einer der vielen Schlepperbanden - natürlich ohne jegliche Garantie auf Erfolg. Doch bis die drei und ihre weiteren Mitreisenden, wie zum Beispiel die Brüder Alaa und Hussan tatsächlich auf einem Boot landen, vergehen noch einige Tage - den Händen der Schlepper hilflos ausgeliefert.

Entführt, ausgesetzt, verhaftet

Mal will die Organisation der Boote nicht so recht klappen, mal lässt sich die Küstenwache nicht erpressen, mal ist die See zu stark - die Überfahrt zögert sich immer weiter hinaus. Die Flüchtlinge wechseln ständig die Quartiere, werden von einer anderen Schlepperbande entführt und als es dann endlich auf die Boote geht, werden sie dorthin geprügelt. Weit geht die Reise für die Gruppe nicht - die Überfahrt scheitert noch, bevor das Boot sein Mutterschiff erreicht, die Flüchtlinge - auch Bauer und Krupar - werden inhaftiert.

Abschiebung mit dem Flieger

Die Reporter müssen im Gefängnis ihre wahre Identität preisgeben und werden in die Türkei abgeschoben. Diesen Moment erlebt Bauer als besonders absurd:

"Die Handschellen sind Stanislav Krupar und mir erspart geblieben. Polizisten brachten uns aus unserer Zelle im Gefängnis in eine Zelle im Flughafen. [...] Unsere Papiere händigte man uns am Abfluggate aus. In sekundenschnelle haben diese Papiere aus uns andere Menschen gemacht. Von Häftlingen, die wir bis eben waren, verwandeln wir uns in Priviligierte mit Vielflieger-Status. Zu Bewohnern des Elysiums, das Europa heißt."

Drei Schicksale in drei Erzählsträngen

Ab diesem Zeitpunkt teilt sich Bauers Reportage in zwei weitere Erzählstränge: In die von Alaa und seinem Bruder, welche beide nach drei Wochen ebenfalls aus der Haft entlassen werden, und in die von Bauers altem Freund Amar, der wie Bauer und Krupar in die Türkei abgeschoben wird. Warum genau dies geschieht, kann niemand sagen - es liegt in der Willkür der Beamten.

Alaa und Hussan: Bis die italienische Küstenwache dich rettet

Jedenfalls wagen Alaa und sein Bruder nach einer kurzen Pause erneut die Überfahrt mit einem Boot. Eine Geiselnahme auf hoher See, eine falsche Richtung, das Treffen auf Überreste eines gekenterten Flüchtlingsbootes, Motorpannen, Stürme und schließlich eine Festnahme durch die italienische Küstenwache später erreichen die Brüder tatsächlich Italien, wo sie sofort Wolfgang Bauer anrufen, der sich auf den Weg macht, die beiden in Italien abzuholen - wohl wissend, dass er sich selbst dabei zum Schlepper macht, und auch prompt in Österreich verhaftet wird.

Amar: Von Ägypten über die Türkei und Afrika nach Deutschland

Amar hingegen sitzt erstmal wochenlang in der Türkei fest. Zwar gibt es auch direkt aus Istanbul und Izmir Flüchtlingsboote zu chartern, doch erst kann sich Amar nicht mit dem Gedanken auf eine erneute Überfahrt anfreunden, dann scheitert erneut seine gebuchte Überfahrt. Dennoch schafft er es schlussendlich auf einem höchst kuriosen und sehr teuren Weg nach Deutschland - nämlich über Afrika.

Das große Geschäft mit Flüchtlingen

Für mich besonders erschreckend war das große Geschäft, dass überall mit den Flüchtlingen gemacht wird. Zwar war mir bewusst, dass nach Europa nur wohlhabende Flüchtlinge kommen, doch dass so viele Menschen skrupellos an ihnen verdienen, war mir vorher nicht klar. Nicht nur die Milliardengeschäfte der Schlepperbanden gehören hier dazu, auch die Europäer vermieten Hotelzimmer und Privaträume für  Flüchtlinge gerne - denn sie zahlen gut, um nicht verraten zu werden. Von Passfälschern, bestechbaren Polizisten oder Informanten, die für gutes Geld verraten, welche Züge besonders gut kontrolliert werden (und welche nicht) sowie von ganzen politischen Systemen mal ganz zu schweigen:

Für die Brüder Alaa und Hussan war es beispielsweise ein leichtes, aus ihrer Haft in Italien zu fliehen - die Türen standen offen, es ist nicht gewollt, dass die Flüchtlinge in Italien Asyl beantragen. Ähnlich auch in Österreich - hier werden Bauer und seine Begleiter zwar geschnappt, da man dem Deutschen jedoch keine Schleppertätigkeit nachweisen kann, wird er nach einer Nacht in Haft wieder freigelassen, mit ihm auch die Flüchtlinge. Auch Österreich streitet sich nicht darum, dass sie hier Asyl beantragen. In Deutschland dann angekommen, wird die Hilflosigkeit der Flüchtlinge gnadenlos ausgenutzt: So kosten Taxifahrten und Zugtickets direkt beim Schaffner plötzlich hunderte von Euro für wenige Kilometer - in der Regel zahlen die Flüchtlinge, um nicht vor ihrem Ziel bei der Polizei zu landen (Alaa und sein Bruder wollen nach Schweden. Werden sie in Deutschland aufgegriffen, müssen sie dort Asyl beantragen). Von den Unmengen an Geldern, die Italien und Griechenland in die "Sicherung" ihrer Grenzen investieren oder die Gelder, die Europa an Ägypten und die Türkei bezahlt, damit diese Länder die "Drecksarbeit" mit den Flüchtlingen leisten, möchte ich gar nicht erst anfangen.

Unbedingte Leseempfehlung!

Wolfgang Bauer wusste, wie gefährlich sein Vorhaben war, er wusste, dass seine Reise genauso gut seine Letzte hätte sein können. Und er hat es trotzdem getan, um uns zu zeigen, welche Strapazen, Tragödien und welche Hilflosigkeit in ihnen steckt. Denn freiwillig, das ist nach dieser Lektüre klar, setzt sich niemand solch einer gefährlichen Überfahrt aus.

Fazit: Über das Meer ist ein Buch, das gelesen werden sollte, allein schon um den Preis eines Lebens in Frieden zu kennen. Gerade heutzutage.

 

Das Buch:

Titel: Über das Meer - Mit Syrern auf der Flucht nach Europa

Autor: Wolfgang Bauer, Bilder von Stanislav Krupar

Seiten: 130

Verlag: Suhrkamp Verlag

 

Mehr zum Thema

Homepage von Wolfgang Bauer: www.wolfgang-bauer.info

Reportage in der Zeit zum gleichen Thema: www.zeit.de

Interview mit Wolfgang Bauer beim SWR Fernsehen: www.swr.de/landesschau-bw

Reportage in der Huffington Post: www.huffingtonpost.de

Warum Wolfgang Bauer zu meinen Idolen gehört: archiv.architexturbuero.de/Presseausweis

Flüchtlinge in meiner Stadt, die ihre Reise erstmal geschafft haben: archiv.architexturbuero.de/daserstehappyend