Tiere essen - Jonathan Safran Foer

 

 

Titel: Tiere essen
Autor: Jonathan Safran Foer
Isbn Nr. 978-346-204-0449
Seitenzahl: 399 Seiten
Verlag: Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2010

 

Klappentext

Wie viele junge Menschen schwankte Jonathan Safran Foer lange zwischen Fleischgenuss und Vegetarismus hin und her. Als er Vater wurde und er und seine Frau überlegten, wie sie ihr Kind ernähren würden, bekamen seine Fragen eine neue Dringlichkeit: Warum essen wir Tiere? Würden wir sie auch essen, wenn wir wüssten, wo sie herkommen? Foer recherchiert auf eigene Faust, bricht nachts in Tierfarmen ein, konsultiert einschlägige Studien und spricht mit zahlreichen Akteuren und Experten. Vor allem aber geht er der Frage auf den Grund, was Essen für den Menschen bedeutet. [...]

Buchtrailer "Tiere essen"

 

Über den Autor:

Jonathan Safran Foer, geboren 1977, studierte in Princeton Philosophie. Er lebt und arbeitet in New York. Sein erster Roman "Alles ist erleuchtet" machte ihn mit einem Schlag bekannt.

 

Handlung:

Das Buch beginnt ehrlich: Fleisch war für den Autor immer normal, hin und wieder hatte er aus verschiedenen Gründen zwar darauf verzichtet, doch nie einen tiefgründigen Sinn darin gesehen. Erst als sein Sohn das Licht der Welt erblickte fragte er sich, wo das Essen aus dem Supermarkt überhaupt herkommt – nämlich zu 99 Prozent aus Massentierhaltung, sogenannter Fleischfarmen. Seine Recherche beginnt mit der wissenschaftlichen Wiederlegung der These, Tiere (auch Hühner und Fische) könnten keine Schmerzen, Emotionen, Intelligenz und ein Bewusstsein vorweisen. Schon hier kommt das Dilemma vom Essen von Tieren zu Tage: Warum zum Beispiel ist das Essen von Rindern gesellschaftlich in Ordnung, das Essen von Hunden aber nicht?

 

"Moderne Nutztierhaltung" unter der Lupe

In den weiteren Kapiteln begibt er sich in die Abgründe „moderner Nutztierhaltung“ – und das höchstpersönlich. Er besucht Schweine- und Rinder- und Fischmastanlagen, steigt mit Tierschützern des Nachts heimlich in Putenfarmen ein und besucht Schlachthöfe. Außerdem kommen in „Tiere Essen“ Mitarbeiter der Schweinemastanlagen oder Schlachthöfe zu Wort und schildern (mit Videokameras dokumentiert) ihren Arbeitsalltag, der voller üblichen Praktiken und vom Veterinäramt geduldeten Brutalitäten strotz. Indem Foer aber auch die Betreiber zu Wort kommen lässt, kann man ihm keine einseitige Themenführung unterstellen.

Dass durch den Zeitdruck in den Schlachtanlagen viele Tiere unbetäubt und folglich lebendig weiterverarbeitet werden, sei hier nur am Rande bemerkt – Das Buch schildert dies ebenfalls sehr ausführlich.

 

Folgen der Fleischfabriken

Doch nicht nur die Quälereien und Brutalitäten in der Massentierhaltung werden in „Tiere essen“ thematisiert, auch den Folgen für den Menschen widmet sich Foer in mehreren Kapiteln. Für eine hohe Rendite werden die Tiere durch gentechnische Änderungen und Medikamente so gezüchtet, wie es der Rendite wohltut, und das wortwörtlich ohne Rücksicht auf Verluste. Beispielsweise kommt bei Schweinen der Knochenwachstum dem Fleischwachstum nicht mehr hinterher, weswegen die meisten Schweine bei ihrer Schlachtung gebrochene Beine haben, da ihre Gliedmaßen das hohe Gewicht nicht tragen können. Der Leser erfährt auch, dass die Industrialisierung der Natur dazu führt, dass Konsumenten durch die Medikamentenrückstände im Fleisch sowie durch die Fäkalienmassen, die ins Grundwasser gelangen, resistent gegen eine Vielzahl von Antibiotika wird beziehungsweise wurden.

Was also tun? Zum Ende des Buches stellt Foer eine Reihe von alternativen Tierverarbeitungsbetrieben vor, darunter auch einen Veganer, der eine ethischere Schlachtungsmethode entwickelte. Diese und andere Praktiken stehen – ähnlich wie beim Pflanzenkonzern Monsanto – von der mächtigen Fleischindustrie mächtig unter Beschuss.

 

Fazit

Ein fetter Brocken voller saftiger Tatsachen!

Um ehrlich zu sein war ich von diesem Buch doppelt angetan: Einmal von den vielen Fakten, die teilweise sehr anschaulich die Machenschaften der weltweiten Fleischindustrie sehr genau darlegt. Der andere Punkt aber ist der Autor selbst. Mit seinen vielen queren Gedankengängen und Faktenberichten brachte mich Foer trotz des harten Themas auf fast jeder Seite zum grinsen.

Die Schreibweise des Journalisten ist sympathisch, er nimmt den Leser Schritt für Schritt mit in seine Überlegungen und lässt ihn daran teilhaben, allerdings ohne ihm den Raum einer eigenen Interpretation zu nehmen. Das Buch ist quasi eine Art themenbezogene Autobiographie.

Bild: David Shankbone
Bild: David Shankbone

Jonathan Safran Foer wollte wissen, was sein neugeborener Sohn auf dem Teller hat. Seine Recherchen waren schwerer als gedacht, und die Ergebnisse nicht unbedingt erfreulich. Doch Foers „Tiere essen“ ist entgegen weitläufiger Meinung keine Liebeserklärung an den eine vegetarische oder vegane Lebensweise, schon gar nicht möchte er zum Vegetarismus bekehren.

Es geht ihm vielmehr darum, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum viele Menschen Tierquälerei und alle tatsächlichen Umstände der Tierfabriken zwar für grausam halten, sich hinsichtlich ihres Konsums aber gerade entgegengesetzt zu ihrer eigenen Überzeugung verhalten.

Auch wenn mir als an dem Thema Interessierte viele Punkte schon bekannt waren, war ich von manchen Vorgehensweisen der Fleischmacht entsetzt. Auch wie sich der Fleischkonsum in den letzten Jahrzehnten veränderte und warum, war mir in dieser Form noch nicht klar.

Oder hättet ihr gedacht, dass Tierschützer bei ihren nächtlichen Expeditionen in Mastbetriebe ein Messer zur Nottötung besonders elender Tiere dabei hat? Würdet ihr auf die Frage, was ethischer Fleischkonsum ist, ein Rezept für „Gebratenen Hund auf Hochzeitsart“ erwarten, das noch dazu erstaunlich appetitlich klingt?

Foer will in keiner Zeile den Fleischesser düpieren. Vermutlich kennt er das übliche Reaktanzverhalten von Fleischessern, die auf ihre Ernährungsweise angesprochen werden. Er möchte ihn vielmehr aufklären, dass er ein Tieresser ist (was auch der Titel beweist), wo sein Essen herkommt und was das global betrachtet bedeutet, das Essen von Tieren.

Wie der Leser anschließend mit seiner Ernährung umgeht ist ihm vollkommen selbst überlassen.

 

"Tiere essen" bekommt von mir 5/5 Sterne für diese Mischung aus wichtigem Thema, autobiographische Sachbuch und bemerkenswertem Schreibstil.